International

Neues Handelsabkommen mit Indien: Wie weit kann sich die EU von Trump lösen?

20. January 2026 08:11:25
Nach dem Handelsvertrag mit Südamerika steht die EU vor ihrem nächsten Abkommen: nun mit Indien. Sie sucht dringend neue und verlässliche Partner. Erst recht angesichts von Donald Trumps Erpressung in der Grönland-Frage.
Die EU und Indien: Ihr gemeinsames Handelsabkommen soll noch im Januar 2026 unterzeichnet werden. (Bild: Fotomontage mit gestapelten Containern)

Die EU und Indien: Ihr gemeinsames Handelsabkommen soll noch im Januar 2026 unterzeichnet werden. (Bild: Fotomontage mit gestapelten Containern)

Monatelang hatte die EU im vergangenen Jahr mit Washington über ein Zoll-Abkommen verhandelt. Seit März hatte Präsident Donald Trump den Konflikt mit den Europäern immer weiter eskaliert: Erst verhängte er Zölle von 25 Prozent, dann drohte er mit noch höheren. Erleichterung in Brüssel, als es Ende Juli gelang, ein Zollabkommen mit „nur“ 15 Prozent zu schließen.

Doch nun – nur sechs Monate später – scheint das Abkommen das Papier nicht mehr wert zu sein, auf dem es geschrieben ist. Am vergangenen Samstag kündigte Trump an, Deutschland Frankreich, Großbritannien, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland und die Niederlande mit Strafzöllen von zunächst zehn Prozent zu belegen, im Juni dann von 25 Prozent, wenn es bis dahin keine Einigung zur Übernahme Grönlands durch die USA gibt. Die EU hat den Zoll-Deal mit Trump als Reaktion auf Eis gelegt.

Ende Januar könnte das Abkommen mit Indien unterzeichnet werden

Das dürfte auch den letzten in der EU klar gemacht haben, dass man weder den Worten noch den vertraglichen Zusagen Trumps vertrauen kann. Umso wichtiger, sich nach anderen Partnern für freien und fairen Handel umzuschauen. Genau das macht die EU. Da war zunächst die Einigung mit Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay über das Handelsabkommen Mercosur, das am 17. Januar 2026 nach einem Vierteljahrhundert mühsamer Verhandlungen unterzeichnet wurde. Am 21. Januar will das EU-Parlament darüber entscheiden.

Ein weiterer wichtiger Schritt der EU könnte noch Ende Januar in Neu-Delhi folgen: Die Unterzeichnung eines Handelsabkommens mit Indien, dem mit geschätzt fast 1,5 Milliarden Einwohner*innen bevölkerungsreichsten Staat der Erde. Nach dem Start der Verhandlungen im Jahr 2007 gibt es nun nur noch wenige strittige Punkte zwischen den Partnern. 

Indien auf dem Weg zur dritt- oder zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt

Dem Abkommen wird von Brüssel eine hohe Bedeutung zugemessen. Bis 2050 soll Indien die dritt- vielleicht sogar die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt haben. Angesichts der Bedrohung fairen Handels durch die USA gewinnt das Abkommen noch einmal an Bedeutung.

Armand
Zorn

Wir brauchen in der aktuellen Weltlage dringend neue und verlässliche Partnerschaften.

„Wir brauchen in der aktuellen Weltlage, die von geopolitischen Spannungen und wirtschaftlicher Unsicherheit geprägt ist, dringend neue und verlässliche Partnerschaften – gerade als exportorientiertes Land“, betont Armand Zorn, der für Wirtschaft zuständige stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, im Gespräch mit dem „vorwärts“. Indien spielt für ihn als eine der größten Demokratien der Welt dabei eine zentrale Rolle. Das wirtschaftliche Potenzial für einen vertieften Handel ist nach seiner Einschätzung „enorm“, zumal Indien aktuell nur auf Platz 23 der deutschen Handelspartner liegt. 

SPD-Fraktionsvize Armand Zorn: „eine klassische Win-win-Situation“

Ein Abkommen mit Indien wäre „eine klassische Win-win-Situation“, betont der SPD-Fraktionsvize. „Für Europa bedeutet es Zugang zu einem dynamisch wachsenden Markt und mehr Diversifizierung.“ Für Indien sei es ebenso wichtig, sich wirtschaftlich breiter aufzustellen. 

„Indien versteht sich – wie die EU – als Verfechter eines regelbasierten, offenen Handels“, sagt Zorn, ohne Trump und die USA dabei ausdrücklich zu erwähnen. „Ein Abkommen wäre ein starkes politisches Signal: Zwei große demokratische Akteure schließen sich enger zusammen und bekennen sich zu klaren Regeln, fairen Wettbewerbsbedingungen und multilateraler Zusammenarbeit.“ Gerade in einer Zeit, in der das „Recht des Stärkeren“ wieder häufiger propagiert werde, sei das von großer Bedeutung. 

Für Deutschlands Wirtschaft und Arbeitsmarkt ist der Handel entscheidend

So sieht es auch Bernd Lange, der Vorsitzende des Handelsausschusses im EU-Parlament. Der SPD-Europaabgeordnete betont auf Nachfrage des „vorwärts“, rund 39 Millionen Menschen in Deutschland hätten ihren Arbeitsplatz dem Handel zu verdanken. Das macht die Bedeutung stabiler Handelsbeziehungen mit verlässlichen Partnern für die Wirtschaft und den Wohlstand der Bundesrepublik deutlich.

Bernd
Lange

Das Abkommen kann sicherlich nicht über Nacht den amerikanischen Markt ersetzen.

Macht das Abkommen Europa damit unabhängiger von den USA? „Es kann sicherlich nicht über Nacht den amerikanischen Markt ersetzen“, sagt Lange. Aber es sei sehr wichtig, neue Investitionsmöglichkeiten zu schaffen, etwa in Bereichen, die „zur Zeit mit den USA nicht möglich sind, zum Beispiel im Bereich Erneuerbare Energie“.

Es soll nicht immer mehr „das Recht des Stärkeren“ gelten

Wie in Berlin will man auch in Brüssel verhindern, dass das „Recht des Stärkeren“ weiter in den internationalen Beziehungen vordringt. „Deswegen arbeiten wir so intensiv an Partnerschaften mit verlässlichen Partnern“, so Lange. „Ich weiß nicht, ob das Herrn Trump beeindruckt. Ich weiß nur, dass ich aus den Regierungskreisen der USA gehört habe: Muss das gerade jetzt sein?“

Bei Trump kommen alle Versuche der Europäer*innen, ihre eigenen Interessen durchzusetzen, nicht gut an. Die EU sei überhaupt nur gegründet worden, um die USA „auszunutzen“, „über den Tisch zu ziehen“ und zu „betrügen“, so ein paar der markantesten Äußerungen Trumps. Entsprechend wütend reagierte er auf die Grönland-Mission der Europäer*innen und ihre Solidarität mit Dänemark. Das Mercosur-Abkommen der EU mit Südamerika dürfte ihm ebenfalls nicht gepasst haben, wie aus Washington zu hören ist. Nun also ein weiteres Abkommen mit Indien.

SPD-Europapolitiker Bernd Lange: „Willkürliche Aktivitäten der USA eingrenzen“

Bernd Lange rechnet damit, dass es auch „wirtschaftliche Effekte gegenüber der USA entfalten“ wird. Europa und Indien könnten durch die Zusammenarbeit Schwächen abbauen und ausgleichen. Das stärke langfristig den gemeinsamen Wirtschaftsraum auch gegenüber Dritten. „Ich hoffe, das wird dann auch stärker die willkürlichen Aktivitäten der USA eingrenzen können“, so Lange mit Blick auf Trump.

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Europa ist aktuell nicht nur sicherheitspolitisch abhängig von den USA, sondern auch in vielen Wirtschaftsbereichen: der digitalen Informationstechnologie, aber auch im Maschinenbau. Von „erheblichen Abhängigkeiten“ spricht Lange im Gespräch mit dem „vorwärts“. Aber erste wichtige Schritte seien gemacht, sich aus diesen Abhängigkeiten zu befreien: erst mit Südamerika, jetzt mit Indien. Und weitere sollen folgen.

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