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Grönland im Visier der USA: „Kaum jemand nimmt Trumps Aussagen nicht ernst“

16. January 2026 15:42:32
Wie ernst ist es Donald Trump mit Grönland? Nach Ansicht von Kristina Birke-Daniels von der Friedrich-Ebert-Stiftung kommen die Drohungen des US-Präsidenten nicht aus dem Nichts. Die sicherheitspolitische Bedeutung Grönlands sei in den vergangenen Jahren nicht bedacht worden.
Bunte, schneebedeckte Häuser in Grönlands Hauptstadt Nuuk

Trügt die Idylle? In Grönlands Hauptstadt Nuuk und darüber hinaus machen sich die Menschen wegen der Annexionspläne Donalds Trumps Sorgen.

Nach der Militäraktion gegen Venezuelas Staatschef Maduro hat US-Präsident Donald Trump seine Ansprüche auf Grönland erneuert. Wie groß ist die Sorge vor einer militärischen Eskalation vor Ort?

Kaum jemand im Königreich Dänemark nimmt Donald Trumps Aussagen nicht ernst. Sie kommen nicht aus dem Nichts: Schon während seiner ersten Amtszeit fabulierte er ja offen darüber, Grönland im „greatest deal ever“ kaufen zu wollen. Als er Anfang letzten Jahres erneut ins Weiße Haus einzog, gewann das Thema schnell wieder an Brisanz; diesmal mit der unausgesprochenen, aber sehr realen Möglichkeit einer militärischen Dimension. Auf Grönland sorgte das früh für gewaltige Unruhe.

Aber auch die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen reagierte damals vorausschauend. Sie hat ihren europäischen Kolleginnen und Kollegen sofort klar gemacht, was auf dem Spiel steht: die territoriale Integrität des Königreichs und die sicherheitspolitische Stabilität in der Arktis, aber mit einem drohenden Militärszenario letztlich auch die Zukunft der NATO. 

Auch in Berlin wurde schon damals diskutiert, wie Europa auf mögliche US‑Ambitionen reagieren müsste, bis hin zu Überlegungen einer stärkeren sicherheitspolitischen Präsenz in der Region – das zeigt sich etwa auch in den Leitlinien für die deutsche Arktispolitik, die die Bundesregierung von Olaf Scholz 2024 verabschiedet hat.

Dänemark hat sein militärisches Engagement daraufhin ausgebaut. Es fehlten aber konkrete europäische Schritte, auch außerhalb des reinen sicherheitspolitischen Denkens zu Grönland, die Donald Trump in seinen imperialen Fieberträumen hätten beeinflussen können.

Sicherheitspolitische Bedeutung Grönlands ist in den Hintergrund gerückt

Grönland hat weltpolitisch bisher eher eine untergeordnete Rolle gespielt. Welche Bedeutung kann es für die USA haben?

Die sicherheitspolitische Bedeutung Grönlands und der Arktis ist in den vergangenen Jahren eher in den Hintergrund gerückt und dann in Vergessenheit geraten. Dass die größte Insel der Welt in der Vergangenheit vor allem sicherheitspolitisch relevant war, zeigen die militärische Präsenz der USA im Kalten Krieg mit zeitweise mehr als 10.000 Soldat*innen und auch die Tatsache, dass die Dänen auf nicht öffentlichem Weg die Stationierung von Atomwaffen auf grönländischem Boden toleriert haben, was sie für den dänischen Teil des Königreichs strikt ausgeschlossen hatten. Das war zwar lange geheim, ist uns aber heute bekannt.

Daneben spielt Grönland aufgrund seiner Lage eine wichtige Rolle für die Überwachung des Luftraums und von Aktivitäten im Weltraum, zum Beispiel von Satellitenbewegungen. Der kürzeste Weg von ballistischen Interkontinentalraketen Richtung US-Ostküste führt über Grönland. Daher haben die USA schon früh ihre Fähigkeiten zur Aufklärung und Luftabwehr auf der Insel aufgebaut – übrigens bestehen die Möglichkeiten zum Ausbau dieser Anlagen auch noch heute auf Grundlage einer dreiseitigen Vereinbarung zwischen den USA, Grönland und Dänemark.

Kurz vor Weihnachten bestellte Dänemark den amerikanischen Botschafter ein

Bereits im vergangenen Jahr hatte ein öffentlichkeitswirksamer Besuch von Trumps Vize J.D. Vance in Grönland für Aufsehen gesorgt. Hat sich die Stimmung im Land seitdem verändert?

Was wegen der Weihnachtszeit weniger Beachtung bekommen hat, ist, dass Dänemark kurz vor Weihnachten den US-amerikanischen Botschafter einbestellt hatte, weil Personen aus den USA mit Nähe zu Präsident Trump verdeckte Einflussoperationen in Grönland betrieben haben, um dort die Stimmung zugunsten einer stärkeren US-Kontrolle über die Insel zu verändern. Kopenhagen wertete dies als unzulässige Einmischung in die inneren Angelegenheiten.

In der grönländischen Politik und Öffentlichkeit überwog sofort die Empörung und Misstrauen gegenüber Berichten über verdeckte Einflusskampagnen, weil sie als Missachtung des Selbstbestimmungsrechts der Grönländerinnen und Grönländer wahrgenommen wurden. Führende grönländische Vertreter*innen bekräftigten bereits daraufhin wieder öffentlich, dass die Zukunft Grönlands nur von der grönländischen Bevölkerung selbst entschieden werde, und verwiesen darauf, dass Kooperation mit den USA nur auf Basis von Respekt, Transparenz und gleichberechtigter Partnerschaft akzeptabel sei.

Die EU sollte Strategien zur De-Eskalation erarbeiten

Ein Treffen mit Beteiligten aus den USA, Dänemark und Grönland im Weißen Haus ist am Mittwoch ergebnislos zu Ende gegangen. Eine Arbeitsgruppe soll nun nach möglichen Lösungen suchen. Wie könnten die aus grönländischer Sicht aussehen?

Die geplante Initiative ist sicher kein Selbstzweck, sondern soll wahrscheinlich dazu beitragen, die Spannungen zwischen der Trump‑Administration und den europäischen Partnern zu verringern, das gegenseitige Misstrauen ab- und Vertrauen aufzubauen. Dabei müssen die jeweiligen Interessen und Herausforderungen beider Seiten berücksichtigt werden. Ich würde denken, im Vordergrund steht deshalb ein direkter Informationsaustausch, während konkrete Handlungsempfehlungen erst nach intensiver Analyse und Abstimmung entwickelt werden können.

Kurz‑ bis mittelfristig sollte die EU aber zusätzliche Strategien erarbeiten, die zur Deeskala­tion und zur Stabilisierung des internationalen Systems beitragen. Ich denke da in Richtung politische Integration Nordeuropas sowie die militärische Zusammenarbeit der EU im Hinblick auf Risiken in der Arktis besser zu koordinieren.

Militärische Erkundungsmission hat „überwiegend einen symbolischen Charakter“

Und wie wird die Einladung unter anderem der Bundeswehr zu einer Beobachtermission in Grönland gesehen?

Dänemarks Einladung von Truppen verschiedener Länder, darunter die Bundeswehr, zu einer Erkundungsmission nach Grönland hat derzeit überwiegend einen symbolischen Charakter; eine mögliche Ausweitung zu einer operativen militärischen Rolle hängt jedoch von zukünftigen Entscheidungen der beteiligten Streitkräfte ab. Eine systematische „Worst‑Case‑Analyse“ könnte helfen, sicherheitspolitische Schwachstellen sowohl in Dänemark als auch in anderen europäischen Staaten zu identifizieren und zu beheben, wobei neben militärischen Aspekten auch politische Optionen – etwa eine mögliche EU‑Mitgliedschaft für Grönland und Island – in die strategische Planung einfließen sollten.

Zwar gibt es Spekulationen über einen eventuellen Austritt der USA aus der NATO, doch die NATO bleibt ein zentrales Element der transatlantischen Sicherheitsarchitektur, das von breiten politischen Mehrheiten in den USA unterstützt wird. Insgesamt zielt die Initiative darauf ab, den Dialog zu intensivieren, Misstrauen abzubauen und durch koordinierte europäische Anstrengungen – politisch und sicherheitspolitisch – die Stabilität im Arktis‑Raum zu fördern.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

 

Die Gesprächspartnerin

Kristina Birke Daniels ist Direktorin des Regionalbüros der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) für die Nordischen Länder in Stockholm. Zuvor war sie für die FES als Leiterin in Kolumbien, Marokko und Indien tätig.

Autor*in
Kai Doering
Kai Doering

ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts. Er betreut den Bereich Parteileben und twittert unter @kai_doering.

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4 Kommentare

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am So., 18.01.2026 - 18:17

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Die sicherheitspolitische Bedeutung Grönlands sei in den vergangenen Jahren nicht bedacht worden“, meint der Vorwärts/ Kristina Birke Daniels. Das mag auf unsere Spitzenstrategen und -politiker zutreffen.

Grönland liegt auf halbem Weg von den USA nach Russland. Wenn US-landgestützte Raketen demnächst auf Grönland stationiert sein werden, halbiert sich die Reaktionszeit im Falle eines Angriffs – das ist ein erheblicher strategischer Nachteil für die Russische Föderation, den die nicht einfach wird hinnehmen werden.

Russland hat (so gut wie) keine Anbindung an die Weltmeere, außer über die Polarregion. Dort befinden sich ihre wichtigen Marinebasen. Grönland in US-Hand würde das Ein- und Auslaufen ihrer Schiffe und Uboote nicht nur einer kompletten Überwachung gleichkommen, sie könnten auch deutlich leichter daran gehindert werden: Die Russische Föderation wird das nicht einfach hinnehmen wollen.

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am So., 18.01.2026 - 18:22

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Auch wegen ihrer zivilen Schifffahrt wird es für die Russische Föderation nicht hinnehmbar sein, dass die USA den Zugang russischer Schiffe zum Atlantik an Grönland und Island vorbei dann deutlich leichter überwachen und einstellen können. Die Russische Föderation wird das nicht einfach hinnehmen wollen.

Es ist viel zu kurz gedacht, wenn „die EU Strategien zur De-Eskalation“ sich nur auf „USA, Dänemark und Grönland“ und EU beschränken sollten. Aber das ist im Verhältnis zur Russischen Föderation ja unheilvolle Tradition.

Die USA müssen keine übergroße Angst vor der Russischen Föderation haben. Wenn aber Atombomben fallen, hilft ihre militärische Überlegenheit den USA auch nicht mehr.

Gespeichert von Jonas Jordan am Mo., 19.01.2026 - 09:23

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Eine militärische Präsenz der USA auf Grönland ist nicht neu. In den 50er-Jahren waren bereits mehr als 10.000 US-amerikanische Soldaten auf der Insel stationiert, was durch einen entsprechenden Vertrag zwischen Dänemark und den USA von 1951 bis heute möglich wäre.

Gespeichert von Peter Boettel (nicht überprüft) am Mo., 19.01.2026 - 11:13

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In tagesschau.de heißt es: "EU sucht nach starker Antwort auf Trump". Leider ist von der Kommissionspräsidentin und von mehreren Mitgliedsländern eine starke Antwort gegen Trump nicht zu erwarten. Nach seitherigen Erfahrungen hat die Kommissionspräsidentin insbesondere beim Zollstreit vor Trump gekuscht, während andere wie Orban mit Trump ohnehin die gleiche antidemokratische diktatorische Linie verfolgen.