Europaparlament stoppt Mercosur-Abkommen: „Politisch ein Desaster“
IMAGO/Christian Ohde
Ärger um Mercosur: Das Abkommen soll jetzt dem Europäischen Gerichtshof vorgelegt werden.
Mehr als 25 Jahre lang wurde das Mercosur-Abkommen der EU mit verschiedenen Staaten Südamerikas verhandelt. Der Abbau von Handelsbarrieren und Zöllen soll den Austausch von Waren und Dienstleistungen fördern und die größte Freihandelszone der Welt schaffen. Mitte Januar wurde das EU-Handelsabkommen mit Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay feierlich unterzeichnet.
Mercosur als Gegenentwurf zu Donald Trumps Donroe-Doktrin
Doch wenige Tage später trat das Europaparlament auf die Bremse: Mit knapper Mehrheit stimmten die Parlamentarier*innen dafür, das Abkommen dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) zur Prüfung vorzulegen, bevor es ratifiziert wird. Für die Entscheidung hatten sich alle Abgeordneten der Linken sowie die große Mehrheit der Rechtsaußen-Abgeordneten ausgesprochen, aber auch eine Mehrheit der Grünen – darunter acht Abgeordnete aus Deutschland.
René Repasi, der Vorsitzende der SPD-Abgeordneten im EU-Parlament, erklärt, wie es nun weitergehen könnte.
Vor dem Hintergrund der aggressiven Zollpolitik von Donald Trump: Welches Signal geht von der Entscheidung des Europaparlaments mit Blick auf die europäische Souveränität aus?
Ein sehr unglückliches Signal. Das EU-Parlament sendet die Botschaft, dass wir uns in Europa Zeit lassen. Wir haben diese Zeit aber nicht. Mercosur ist viel mehr als ein Handelsabkommen, es ist der Gegenentwurf zu Donald Trumps „Donroe“-Doktrin. Gerade deswegen wäre es wichtig gewesen, das Abkommen schnell zu ratifizieren.
EuGH beauftragt mit rechtlicher Prüfung von Mercosur
Das Abkommen soll nun dem Europäischen Gerichtshof vorgelegt werden. Was sollen die Richter*innen genau prüfen?
Das EU-Parlament möchte klären lassen, ob das Abkommen mit den EU-Verträgen vereinbar ist. Konkret geht es um die Frage, ob die Aufteilung des Abkommens in einen Handelsteil und einen politischen Teil rechtlich zulässig ist, sowie um die Frage, ob das Abkommen das europäische Vorsorgeprinzip in ausreichendem Maße respektiert und im Einklang mit der Regulierungsautonomie der EU steht. Es handelt sich also um eine rechtliche Überprüfung der Struktur und Vereinbarkeit des Abkommens, nicht um eine inhaltliche Ablehnung.
Welche konkreten Folgen hat das für das Abkommen?
Die unmittelbare Folge ist, dass das Abkommen bis zur Entscheidung des EuGH vom Europäischen Parlament nicht ratifiziert werden kann. Das kann bis zu zwei Jahre dauern. Theoretisch könnte die EU-Kommission den Handelsteil aber für vorläufig anwendbar erklären. Das hieße, dass das Abkommen faktisch in Kraft ist, aber unter dem Vorbehalt steht, vom EuGH gekippt zu werden.
Das Europäische Parlament muss dem nicht zustimmen, aber es braucht die Ratifizierung mindestens eines südamerikanischen Partners. Man hört, dass Paraguay das Abkommen im März ratifizieren könnte. Dann könnten Unternehmen bereits zollfrei exportieren und der Markt für einzelne Produktzweige geöffnet werden, während die endgültige Ratifikation noch aussteht.
Wenn das gelingt, halten sich die negativen Konsequenzen des EU-Parlamentsbeschlusses doch in Grenzen.
Rein technisch lässt sich der Schaden der Entscheidung damit vielleicht reparieren. Aber politisch ist sie ein Desaster. Das Parlament hat entschieden, die Ratifizierung für bis zu zwei Jahre auf Eis zu legen, und überlässt die Verantwortung der Exekutiven, die jetzt abwägen muss, ob sie ohne Zustimmung der Parlamentarier*innen eine vorläufige Anwendung beschließt.
EU-Kommission steht unter Druck
Das bringt die EU-Kommission in ein Dilemma, denn wenn sie den parlamentarischen Willen korrekt umsetzen wollte, müsste sie das Urteil abwarten. Aber dann scheitert das Abkommen. Eine solche Entscheidung würde die Weltlage verkennen. Der politische Druck auf die EU-Kommission ist also groß.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat vergangene Woche ein weiteres Misstrauensvotum überstanden. Was riskiert sie, wenn sie die vorläufige Anwendung von Mercosur aktiviert, obwohl das Europaparlament für eine Prüfung durch den EuGH gestimmt hat?
Auch wenn es keiner Zustimmung des Parlaments bedarf, sollte Frau von der Leyen prüfen, inwieweit das EU-Parlament eine vorläufige Anwendung ausreichend unterstützt. Die Gefahr für Frau von der Leyen persönlich ist jedoch gering. Die Hürden für ein erfolgreiches Misstrauensvotum gegen sie sind sehr hoch. Wir brauchen zwei Drittel der abgegebenen Stimmen, die mindestens einer absoluten Mehrheit entsprechen müssen. Die 136 Abgeordneten der S&D-Fraktion werden ihre Unterstützung für Frau von der Leyen wegen der vorläufigen Anwendbarkeit nicht aufkündigen.
Risiko einer vorläufigen Anwendung
Wie lässt sich der entstandene Schaden noch begrenzen?
Das EU-Parlament könnte jetzt über eine Resolution abstimmen, die die EU-Kommission zur vorläufigen Anwendung auffordert. Das wäre zwar rechtlich nicht bindend, würde aber als Willenserklärung des Parlaments eine entsprechende Entscheidung der EU-Kommission unterstützen. Ob es dafür eine Mehrheit gibt, wird vor allen Dingen von der Führung der Grünen abhängen, die maßgeblich für den Beschluss im EU-Parlaments stimmten.
Was passiert, wenn der EuGH das Abkommen am Ende für nicht vereinbar mit EU-Recht erklärt?
Wenn der EuGH das Abkommen kippt, müsste die EU nachverhandeln oder die EU-Verträge verändern. Verträge, die auf Basis der vorläufigen Anwendbarkeit des Mercosur-Abkommens geschlossen wurden, müssten rückabgewickelt werden, Zölle müssten nachgefordert werden. Das wäre eine massive Beschädigung der Handelsbeziehungen zu Lateinamerika. Das ist auch das eigentliche Risiko bei einer vorläufigen Anwendung eines Handelsabkommens.
Die Bewertung von René Rapasi - das EU-Mercosur-Abkommen n u r als Gegenentwurf zu der Donald-Trump-Doktrin zu sehen - ist eindeutig zu kurz gesprungen. Es bedarf keines Wortes, dass den allseitigen Wahn- und Hegemonievorstellungen absolutester Art eines Donald Trump entschiedenst entgegen getreten werden muss! Aber das EU-Mercosur-Freihandelsabkommen ist dazu real kein wirklich geeignetes Mittel. Dieses Abkommen - wie alle Freihandelsabkommen im globalen realen Neoliberalismus (=marktextremistischer Kapitalismus) - führt n i c h t zu weniger Ausbeutung und Unterdrückung der global für die Realwirtschaft arbeitenden Massen. Dieses Abkommen führt nicht zu weniger Natur-/Umweltverheerung. Im Gegenteil: Die Belastungen für die real arbeitenden Menschen und die Natur/Umwelt werden deutlich zunehmen. Es geht in allererster Linie um Profit - für WENIGE! Es geht zuvörderst nicht um globale Einkommens- und Vermögensgerechtigkeit und auch nicht um globale Steigerung der
Daseinsvorsorge/des Gemeinwohls. Gegen einen wirklich fairen Handel von notwendigen Produkten zum beiderseitigen Nutzen der Vertragspartner wird relativ wenig einzuwenden sein. Diese Fairness geht aber im real existierenden Neoliberalismus nicht, da das im Neoliberalismus unumgehbare/wesenhafte Konkurrenzprinzip systemisch immer einen 'Verlierer' benötigt. Wer wirklich fairen Handel von notwendigen Produkten zwischen wirklich gleichberechtigten und gleichverpflichteten Vertragspartnern will - muss perspektivisch letztlich auf ein nichtkapitalistisches System umstellen, welches dem notwendigen Lebensbedarf der Menschen und der Schonung und pfleglichen Behandlung der Natur/Umwelt gerecht wird. Die sehr mächtigen Profiteure des gegenwärtigen neoliberalen Systems wollen aber gerade das nicht. Diese Profiteure werden ihren immensen Profit und ihre enthemmte Kapitalakkumulation mit Zähnen und Klauen vehement verteidigen. Siehe hierzu:
https://www.kab-trier.de/arbeit/ttip/ceta
Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen. Ansonsten müssen wir Ihre Kommentare leider löschen.
Herr Döring, Sie verlangen "Belege"
Ich darf dazu verweisen nochmals auf:
https://www.kab-trier.de/arbeit/ttip/ceta
und zum Freihandel allgemein auf:
Bernie Sanders, Unsere Revolution, Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft; Büchergilde Gutenberg. 2017, insbesondere ab S. 223 bis 247/
Harald Klimenta / Andreas Fisahn u.a. Die Freihandelsfalle, VSA, 2014/
Harald Klimenta, Maritta Strasser, Peter Fuchs u.a., 38 Argumente gegen TTIP, CETA, TiSA & Co., VSA, 2015/
Petra Pinzler Der Unfreihandel Die heinmliche Herrschaft von Konzernen und Kanzleien/ TTIP TISA CETA, rohwohlt Polaris, 2015/
Thilo Bode TTIP Warum TTIP nur den Konzernen nützt - und uns allen schadet Die Freihandelslüge, DVA. 2015/
PowerShift Guides/ Die Handelsabkommen-Serie, h i e r:
EU-Mercosur Ein giftiges Abkommen
Unsichere Arbeit, Arbeitsplatz-Verlust & Armut / Die Auswirkungen des EU-Mercosur-Abkommens auf Frauen/
Grüner Kolonialismus, oekom verlag, 2025, Miriam Lang u.a., insb. S. 16, 17, 31, 179 ff.
nennenden Landwirten gegenüber. Sie sind in erster Linie doch damit befasst, Photovoltaik und Windkraft auf ihren Flächen zu installieren. Die Nutzfläche zur Herstellung von Agrarartikeln im alten Sinne geht immer mehr zurück, so dass die Viehhaltung schon in Bezug auf die Futtermittelproduktion rückläufig sein muss. Dazu kommt, das Schweinefleisch auf Sicht hierzulande kaum noch nachgefragt wird. Damit wird es zur Mär, dass wir in Sachen der Nahrungsmittelversorgung autark sein sollen. Wir müssen importieren, und brauchen dazu die Importe aus Südamerika. Auf unsere Landwirte setzen wir vornehmlich in Bezug auf die Energieversorgung, nachrangig auch Biogas. Die Landwirte sollten wir in ihrem Mercousur- Protesten am besten ignorieren