Kultur

Film „Made in EU“: „Der Osten ist zur Dritten Welt Europas geworden“

20. February 2026 13:11:01
Am Anfang des bulgarischen Kinodramas „Made in EU“ über die Ausbeutung von Textilarbeiterinnen in Europa steht Corona. Im Interview sagt Regisseur Stephan Komandarev, warum er mit seinem Film dennoch von einer noch viel schlimmeren Pandemie erzählt.
Szene aus dem Kinofilm "Made in EU"

Ausbeutung mit System: Iva (Gergana Pletnyova) an ihrem Arbeitsplatz in einer Textilfabrik in der bulgarischen Provinz.

Der Spielfilm „Made in EU“ führt zurück in die Zeit der Corona-Pandemie. In Bulgarien herrscht Ausnahmezustand und die Angst auch vor den wirtschaftlichen Folgen ist groß. Als die Textilarbeiterin Iva zwischen den Nähmaschinen zusammenbricht, wird sie verdächtigt, der erste Covid-19-Fall in ihrer Stadt zu sein. Das hat massive Folgen für sie und ihren Sohn.

Im Interview spricht der bulgarische Regisseur und Co-Drehbuchautor Stephan Komandarev über den realen Hintergrund des fiktionalisierte Sozialdramas, das vergangenes Jahr in Venedig seine Weltpremiere erlebt hat – und über seine Hoffnung auf Veränderungen in dem EU-Staat.

Mehr Ausbeutung als in Bangladesch

Ihr Film kam in Deutschland zum Welttag der sozialen Gerechtigkeit am 20. Februar in die Kinos. Wie ist die Situation in Bulgarien und der Europäischen Union in dieser Hinsicht?

Vor einigen Jahren hat die weltweite Clean Clothes Campaign eine sehr umfangreiche Untersuchung über die Ausbeutung vor allem weiblicher Textilarbeiterinnen in der bulgarischen Bekleidungsindustrie veröffentlicht. Einige meiner Freunde, hauptsächlich Gewerkschafter, waren an dieser Untersuchung beteiligt. 

Das Ergebnis dieser Untersuchung war, dass die Ausbeutung in diesen Textilfabriken, die meist in strukturschwachen Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit betrieben werden, noch schlimmer ist als beispielsweise in Bangladesch, was etwa Löhne und Arbeitsbedingungen betrifft. Man kam zu dem Schluss, dass Osteuropa und insbesondere Bulgarien sozusagen zur Dritten Welt der Europäischen Union werden. Ich war schockiert. So entstand die Grundidee für den Film.

Mit dem Film provozieren und verändern

Sind Ihre Hoffnungen auf mehr soziale Gerechtigkeit in Bulgarien nach den Massenprotesten im Dezember gewachsen? Schließlich war dies eines der wichtigsten Themen.

Diese Proteste im Dezember waren etwas sehr Positives. Im Allgemeinen bin ich optimistisch. In einem Witz wird Bulgarien als Land der Optimisten bezeichnet. Denn die Pessimisten sind längst ausgewandert. Ich habe das Gefühl, dass es eine Möglichkeit ist, mit diesem Film etwas zu provozieren und zu verändern.

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Ihr auf realen Ereignissen basierender Film zeigt, wie eine prekär beschäftigte Arbeiterin einer Bekleidungsfabrik an Corona erkrankt und zum Sündenbock für die Folgen der um sich greifenden Pandemie erklärt wird. Hat Corona dazu geführt, dass sich die Menschen in Bulgarien der ausbeuterischen und krisenhaften Aspekte des Kapitalismus stärker bewusst geworden sind?

Corona diente als dramaturgischer Rahmen, um von einer viel schlimmeren Pandemie zu erzählen. Sie nennt sich wilde Globalisierung. Der größte Teil der wirtschaftlich schwächsten Aktivitäten wurde wegen der billigen Arbeitskräfte aus dem alten ins östliche Europa verlagert. Corona hat dieses System wie in einem Brennglas sichtbar gemacht. 

Erst zu Beginn der Pandemie habe ich verstanden, dass diese Arbeiterinnen die Hälfte ihres geringen Lohns als Anwesenheitsbonus erhalten. Wer einen Tag Arbeit versäumt, verliert einen halben Tagessatz. Also meldet sich fast niemand krank. Deshalb kam es zu Beginn der Covid-Pandemie zu den ersten großen Ausbrüchen in einer solchen Textilfabrik, wo es zunächst weder Masken noch eine Belüftung gab.

Die Globalisierung verschärft die Ungleichheit in der EU

Wie gravierend war die gesellschaftliche Polarisierung in Bulgarien infolge von Corona? Viele andere Länder, darunter auch Deutschland, leiden noch immer darunter. Rechtsextreme Parteien wie die AfD bekamen Aufwind.

Das gab es schon vor Corona. Die Globalisierung verschärft die Ungleichheit, auch zwischen alten und neuen Mitgliedstaaten der Europäischen Union. Wir leben in einer Zeit vieler Krisen, seien sie nun finanzieller oder militärischer Natur. Dieses Krisenbewusstsein hat zur Folge, dass das Vertrauen zwischen den Regierenden und den normalen Menschen verloren geht. Wir haben atomisierte und verängstigte Menschen, die untereinander gespalten sind. Unter diesen Bedingungen ist es am einfachsten, jemanden zu finden, dem man die Schuld geben kann. Das ist ein sehr alter psychologischer Mechanismus.

Zur Person

Stephan Komandarev wurde 1966 in Bulgariens Hauptstadt Sofia geboren. Zu seinen Werken gehören
preisgekrönte Spiel- und Dokumentarfilme.

Stephan Komandarev, Regisseur des Films "Made In EU"

Bulgarien ist seit Anfang des Jahres Teil der Eurozone. Viele Politiker*innen zeichnen ein rosiges Bild von der Entwicklung des Landes. Wollten Sie die hässliche Wahrheit in den Fokus rücken?

Die bulgarische Wirtschaft ist hauptsächlich eine Dienstleistungswirtschaft. Man kann nicht erwarten, dass sich durch den Euro etwas grundlegend ändert. Wenn man Bulgaren auf der Straße fragt, wird jeder sagen, dass die Preise im Zuge der enormen Inflation gestiegen sind. Sicherlich wird die Eurozone einige sehr positive Ergebnisse bringen, doch die soziale Ungerechtigkeit wird bleiben. Es gibt viel bessere Gründe, optimistisch zu sein, als die Eurozone. Nämlich die Kreativität vor allem junger Menschen. Das Wichtigste ist natürlich, dass man zur Wahl geht und seine Stimme abgibt.

Sie sagten, dass die Darstellung der Realität und ihr Verständnis die ersten Voraussetzungen für Veränderungen sind. Wie wurde ihr Film in Bulgarien aufgenommen?

Wir hatten dort sehr gute Einspielergebnisse. Die Premiere war im Nationalen Kulturpalast, dem größten Saal des Landes. Es gab viele Artikel und Diskussionen in den sozialen Medien. Genau das wollten wir erreichen.

Mehr Informationen zum Film

„Made in EU“ (Bulgarien, Deutschland, Tschechien 2024), ein Film von Stephan Komandarev, mit Gergana Pletnyova, Todor Kotsev, Gerasim Georgiev, Anastasia Ingilizova u.a., 108 Minuten.

Im Kino

Weitere Informationen unter jip-film.de

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