Film „Wahrheit und Verrat“: Wie ein Hitlerjunge zum Nazi-Gegner wurde
Kinostar
Er verteilte Flugblätter gegen Hitler: Helmuth Hübener (hier dargestellt von Ewan Horrocks) starb mit 17 Jahren unter dem Fallbeil.
In einem Durchgang im Hamburger Viertel St. Georg tummeln sich für gewöhnlich Tourist*innen und Partygänger*innen. Doch erinnert dort auch ein schmales Schild an einen jungen Mann, der im Widerstand gegen das Nazi-Regime sein Leben ließ.
Wegen Flugblättern wurde Helmuth Hübener zum Tode verurteilt
Gemeint ist Helmuth Hübener. 1942 wurde er hingerichtet, weil er gemeinsam mit Freunden Flugblätter gedruckt und in der Hansestadt verteilt hatte. Er wurde 17 Jahre alt. Damit war er der jüngste Widerstandskämpfer gegen Hitler, der vom sogenannten Volksgerichtshof zum Tode verurteilt wurde. Jener Gang in St. Georg trägt den Namen des NS-Opfers. Auch ein Stolperstein vor seinem ehemaligen Wohnhaus erinnert an ihn. Doch außerhalb Hamburgs wissen nur die wenigsten von seinem Schicksal. Das dürfte sich nun ändern.
Der Film „Wahrheit & Verrat“ erzählt, wie Helmuth Hübener und zwei seiner Freunde zu Widerstandskämpfern wurden und sich dafür vor Gericht verantworten mussten. Dieser Weg war ihnen keineswegs vorgezeichnet, schließlich war Hübener Mitglied der regimetreuen Hitlerjugend. Als er jedoch mitbekommt, dass sein jüdischer Freund innerhalb der Kirchengemeinde ausgegrenzt und schließlich in ein Todeslager deportiert wird, vollzieht sich in ihm eine Wandlung.
Heimlich druckt er Flugblätter gegen den Krieg und die NS-Ideologie. Sie enthalten Zitate aus verbotenen Büchern wie Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“. Nacht für Nacht zieht die Gruppe durch die Straßen, um die roten Zettelchen zu verteilen. Es dauert nicht lange, bis die Gestapo den jungen Leuten auf die Schliche kommt. Wird Helmuth Hübener seine Mitstreiter verraten? Im Folterkeller stößt er an die Grenzen seiner Loyalität. Doch vor Gericht beweist er eine schier übermenschliche Größe, die ihn das Leben kosten wird.
Ein Gestapo-Ermittler als Gegenspieler des „Überzeugungstäters“
Regisseur Matthew Whitaker kennt sich mit diesem Stoff bestens aus. Bereits im Jahr 2002 hat er unter dem Titel „Truth & Conviction“ („Wahrheit & Überzeugung“) einen Dokumentarfilm über die Gruppe um Helmuth Hübener produziert. Sein Spielfilm nutzt auch fiktionale Elemente, um ein Porträt des jugendlichen „Überzeugungstäters“ zu zeichnen. Dazu zählt etwa ein ebenso gebildeter wie grausamer Gestapo-Ermittler. In diesem tödlich endenden Drama gibt er den Gegenspieler des Helden, für den er heimlich Bewunderung hegt.
Ansonsten ist die US-Produktion weitgehend bemüht, ein möglichst realistisches Bild von Helmuth Hübeners Leben und seiner Welt zu zeichnen. Hamburger Lokalkolorit sollte man allerdings nicht erwarten, gedreht wurde nämlich nicht in der Hansestadt, sondern in Litauen.
Die filmische Erzählung lebt von einer recht stimmigen Mischung aus Emotion und Spannung, weswegen man ihr bis zum Ende gern folgt. Das ist alles recht konventionell. Allerdings eignet sich der Film gerade deswegen besonders für Menschen, die erstmalig mit dem Thema NS- Widerstandskämpfer*innen in Berührung kommen oder eine cineastische Annäherung suchen. Auch die begrenzte Komplexität der Charaktere ermöglicht einen leichten Zugang.
Wer tiefer in der Materie steckt oder sich mit weiteren Filmen auskennt, vermisst hingegen einen profunderen Blick auf die Intentionen und die geistige Welt des Protagonisten oder einen neuartigen ästhetischen Zugriff. Immerhin war Helmuth Hübener in die Strukturen des Regimes eingebunden. War er nur ein ideologisch unbelasteter Mitläufer und konnte sich deswegen so schnell vom braunen Mainstream distanzieren? Dazu würde man gern mehr erfahren.
Der Mut zum Widerstand ist gefragter denn je
Andere Filme wie Andreas Dresens „In Liebe, Eure Hilde“ über Hilde und Hans Coppi oder Marc Rothemunds „Sophie Scholl – Die letzten Tage “ über die Widerstandsgruppe Weiße Rose sind weitaus origineller geraten. Dennoch verdient auch dieser Film, gesehen zu werden, würdigt er doch gerade den Mut junger Menschen, sich kompromisslos und unter größter Gefahr gegen einen menschenverachtenden Zeitgeist zu stellen. Diese Haltung ist angesichts des Erfolges der rechtsextremen AfD gerade unter jungen Wähler*innen gefragter denn je.
„Wahrheit & Verrat – Truth & Treason“ (USA 2025), ein Film von Matthew Whitaker, mit Ewan Horrocks, Rupert Evans, Ferdinand McKay u.a., 125 Minuten, FSK ab 12.
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