Inland

Pflegeheime: „Vorbereitung auf Notlagen wie Stromausfall fehlt meistens“

21. January 2026 08:43:23
Gegen Pannen bei der Energieversorgung ist kaum ein Alten- und Pflegeheim geschützt. Das hat der tagelange Stromausfall in Teilen Berlins gezeigt. Thomas Knieling vom Verband der Deutschen Alten- und Behindertenhilfe fordert die Krankenkassen zum Umdenken auf.
Ein unbeleuchteter Flur eines Pflegeheims

Wenn plötzlich das Licht ausgeht: Die Energieversorgung in Alten- und Pflegeeinrichtungen ist grundsätzlich verwundbar, warnt Thomas Knieling vom Verband der Deutschen Alten- und Behindertenhilfe.

Bei dem mehrere Tage währenden Stromausfall Anfang Januar im Berliner Südwesten mussten Menschen aus zwei Pflegeeinrichtungen evakuiert werden. Insgesamt waren 74 Standorte ohne Strom. Wie gut sind Alten- und Pflegeeinrichtungen auf solche Blackouts vorbereitet?

Alle Pflegeeinrichtungen haben schon wegen der Qualitätsanforderungen Krisenkonzepte vorzuhalten. Diese beinhalten auch Katastrophenfälle und beziehen sich in aller Regel auf interne und externe Abläufe, also auf das Verhalten der Mitarbeiter und die Kontaktaufnahme mit dem Technischen Hilfswerk und der öffentlichen Verwaltung.

Rein technisch gesehen fehlt eine Vorbereitung auf Notsituationen wie einen Stromausfall in der Regel. Das liegt an der fehlenden Refinanzierung für eine Notstromversorgung, die sehr aufwändig ist. Ein Notstromaggregat für einen mittelgroßen stationären Pflegestandort kostet rund 250.000 Euro. Viele moderne Häuser nutzen allerdings Photovoltaik, daher verfügen sie automatisch über eine gewisse Notstromversorgung. Natürlich geht auch die ins Geld und kann sehr schnell die 100.000 Euro überschreiten.

Leider gibt es seitens der Kassen keine Sonderfinanzierung für eine Umrüstung von Bestandsgebäuden, deren Anteil in der Pflege bei rund 90 Prozent liegt. Im Gegensatz zu Krankenhäusern werden Pflegeeinrichtungen nicht zur Akutversorgung gezählt. Grundsätzlich ist und bleibt die die Energieversorgung der Pflegelandschaft verwundbar.

Warum die Pflegelandschaft so verwundbar ist

 Wie lief das Notfallmanagement im Fall des Blackouts in Berlin?

Keine unserem Verband zugehörige Einrichtung war betroffen, daher kann ich mir kein Urteil erlauben. Ich habe aber den Eindruck, dass das Zusammenspiel aller Beteiligten ganz gut funktioniert hat. Menschen konnten Angehörige übernehmen, die Bezirksverwaltung hat Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt und versucht, das Ganze zu managen.

Wie gravierend ist es für einen pflegebedürftigen Menschen, von einem Moment auf den anderen evakuiert zu werden? Und wie aufwändig ist so ein Schritt?

Das hängt sehr stark vom Einzelfall ab. Bei einer Einrichtung mit Demenzversorgung und Schwerstpflegebedürftigen ist dies belastender als für Menschen im betreuten Wohnen. Letzteren kann man alles erklären und Ängste nehmen. Je aufwändiger die Versorgung oder je eingeschränkter psychisch oder körperlich die Menschen sind, desto belastender ist so etwas.

Thomas Knieling: Hilfreich wäre eine Förderung für die Umrüstung auf Photovoltaik

Kurz nach dem Stromausfall in Berlin habe Sie einen Zugang zu sicherer und autarker Energieversorgung auch für Pflegeheime gefordert. Wie genau könnte das aussehen? Geht es um Refinanzierung oder technische Ausstattung durch den Staat?

Man kann nicht erwarten, dass der Staat technische Hardware bereitstellt. Hilfreich wäre eine Förderung für die Umrüstung von Bestandsgebäuden auf erneuerbare Energien wie Photovoltaik. Diese würde nicht nur eine autarke, sondern auch eine grüne Energieversorgung ermöglichen, was für den Kostenträger langfristig kostengünstiger wäre.

Nach so einem Vorfall wie in Berlin müssen wir eine ehrliche Debatte darüber führen, welche Entwicklung gewünscht ist. Wenn ich von einer Pflegeeinrichtung ein komplettes internes und externes Krisen- und Katastrophenmanagement erwarte, dann muss auch die Finanzierung, die kein Träger allein stemmen kann, gesichert werden. Oder man akzeptiert, dass Pflegeheime nur die internen Abläufe abdecken können und ansonsten auf Hilfe von externen Partnern wie dem Technischen Hilfswerk angewiesen bleiben.

Welche Rückmeldung aus der Politik haben Sie erhalten?

Die Forderung nach einer Refinanzierung der technischen Umrüstung ist nicht neu. Sie richtet sich nicht primär an die Politik, sondern vor allem an die Krankenkassen. Im Moment stoßen wir auf keine offenen Ohren. Wegen des Blackouts in Berlin gäbe es allerdings das Momentum, um eine politische Debatte über derlei Maßstäbe und Grundsätze für die Pflege anzustoßen. Wir werden auf die zuständigen Ministerien in den Ländern zugehen und uns in Erinnerung bringen.

Der Entwurf des KRITIS-Dachgesetzes der Bundesregierung sieht vor, einen bundesweit einheitlichen Rahmen für den Schutz von Einrichtungen der kritischen Infrastruktur zu schaffen und deren Resilienz zu erhöhen. Darunter fällt auch das Gesundheitswesen. Welche konkreten Schritte erwarten Sie in Sachen Energieversorgung von Alten- und Pflegeinrichtungen?

Der Entwurf des KRITIS-Dachgesetzes zielt darauf ab, die Krisenvorsorge und Resilienz kritischer Infrastrukturen bundesweit zu stärken. Zwar wird dabei auch das Gesundheitswesen insgesamt in den Blick genommen, Pflegeeinrichtungen zählen nach der geltenden KRITIS-Systematik jedoch nicht zu den Betreibern kritischer Anlagen. Entsprechend erwarten wir aus dem KRITIS-Dachgesetz keine unmittelbaren neuen Pflichten zur Energieversorgung unsere Einrichtungen.

Thomas Knieling: Pflegeeinrichtungen müssen bei Krisenvorsorge besondere Beachtung finden

Gleichzeitig ist die Funktionsfähigkeit von Pflegeeinrichtungen in Krisensituationen von großer Bedeutung. Auch wenn sie rechtlich nicht zu den kritischen Infrastrukturen zählen, müssen sie in der Krisenvorsorge besondere Beachtung finden. Eine verlässliche Energieversorgung ist hierfür eine zentrale Voraussetzung. Aus unserer Sicht braucht es deshalb eine gute Einbindung der Pflege in die bestehenden kommunalen Strukturen sowie eine koordinierte Unterstützung, damit bewährte Netzwerke flächendeckend gestärkt und weiterentwickelt werden können.

Müssen Kommunen mehr tun, um eine sichere Energieversorgung von Alten- und Pflegeheimen zu gewährleisten?

Alle Städte und Kommunen müssen sich noch deutlicher damit auseinandersetzen, was zu ihrer kritischen Infrastruktur zählt. Und: Sind alle Stellen, die darunterfallen, vernünftig miteinander vernetzt? Wo gibt es Lücken? Wo muss man noch enger zusammenarbeiten? Jede und jeder muss sich der eigenen Rolle bewusst sein und das Bestmögliche versuchen, um eine Notsituation zu meistern. Das ist eigentlich viel wichtiger als Fragen zur Refinanzierung technischer Neuerungen.

Thomas Knieling ist Bundesgeschäftsführer des Verbandes der Deutschen Alten- und Behindertenhilfe (VDAB). Der VDAB ist ein bundesweiter Trägerverband für private Pflegeunternehmen. Er vertritt die Interessen von rund 1.800 Mitgliedsunternehmen der ambulanten und stationären Alten- und Behindertenhilfe.

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