Kultur

Filmtipp „We All Bleed Red“: Nahaufnahmen vom Rand der Gesellschaft

Benachteiligten Menschen, die von vielen übersehen werden, ein Gesicht geben: Dieser Aufgabe hat sich der renommierte Fotograf Martin Schoeller verschrieben. Der Dokumentarfilm „We All Bleed Red“ zeigt, was ihn antreibt. Und er bietet Einblicke in dramatische Lebenswege am Rand der Gesellschaft in den USA.

von Nils Michaelis · 29. August 2025
Szene aus dem Dokumentarfilm "We All Bleed Red"

Menschen von der Straße werden kunstvoll ins Bild gesetzt: Der deutsche Fotograf Martin Schoeller sieht sich auch als Aktivist.

Außer einem politischen Spitzenamt in den USA verbindet Donald Trump und Barack Obama nur sehr wenig miteinander. Zum Beispiel, dass Martin Schoeller ein Porträt von ihnen angefertigt hat. Wie auch von diversen Hollywoodstars und Sport-Promis. Seit Jahrzehnten reist der deutsche Fotograf durch die USA und über die Kontinente, um Menschen abzulichten und daraus im immergleichen Format ein weiteres Element für seine Bilderserie „Close Up“ anzufertigen. Diese Arbeiten wurden weltweit in Ausstellungen gezeigt. 

Ehemalige Häftlinge in den USA erzählen aus ihrem Leben

Der Dokumentarfilm „We All Bleed Red“ zeigt, was den in Deutschland aufgewachsenen und seit 1993 in New York beheimateten Künstler antreibt. Und zwar bezogen auf ein Projekt, das seit einigen Jahren immer mehr Raum im Leben des 57-Jährigen einnimmt, der in der Vergangenheit für führende US-Magazine wie „Time“ auf den Auslöser gedrückt hat. In einer privaten Fotoserie dokumentiert er Menschen in den USA, die sich außerhalb des Rampenlichts der schönen Welt der Berühmtheiten befinden: zum Beispiel ehemalige Häftlinge, Ex-Junkies oder Dragqueens. 

Diese Persönlichkeiten findet Schoeller zum Beispiel auf den Straßen von Los Angeles. Auch, weil für viele von ihnen der Asphalt zur neuen Heimat geworden ist. In dem Film von Josephine Links ist zu sehen, wie aus spontanen Begegnungen ein intensiver Austausch entsteht. Denn Schoeller geht es um mehr als ein kunstvolles Foto: Die intimen Momente in seinem mobilen Fotostudio dienen auch dazu, die Lebensgeschichten dieser Menschen aufzusaugen. 

Vor der Kamera erzählen sie, wie sie wegen Suchtproblemen in der Gosse landeten, wegen ihrer sexuellen Orientierung schikaniert wurden oder wie sich nach vielen Jahren hinter Gittern mit viel Mühe ein neues Leben aufgebaut haben. Gemeinsam ist ihnen ihr Vertrauen in sich selbst und die Hoffnung, dass alles gut oder zumindest besser wird. Man könnte also sagen, dass aus ihren Selbstzeugnissen etwas Uramerikanisches spricht, trotz der Düsternis in ihren Biografien.

Der Alltag von Obdachlosen in Los Angeles wird anschaulich

Häufig zeigt Links Film auch das, was vor und nach den Fotosessions passiert. In kurzen Einstellungen porträtiert sie das Umfeld von Menschen, die ihr Zelt auf den breiten Fußwegen von L.A. aufschlagen oder sich am Park ein provisorisches Zuhause geschaffen haben. Dieser unaufgeregt dokumentierte Kontext wäre eigentlich gar nicht nötig gewesen, doch die zusätzliche Bildebene macht die Situation von Menschen, die von vielen „übersehen“ werden, umso anschaulicher.

YouTube wurde aufgrund Ihrer Cookie-Einstellungen blockiert.
Zum Anzeigen des Inhalts müssen Sie die Marketing-Cookies akzeptieren .

Der die Gleichwertigkeit aller Menschen einfordernde Filmtitel „We All Bleed Red“ („Wir alle bluten rot“) entstammt einem dieser Lebensberichte. Schoeller hat ihn sich auch handwerklich zu eigen gemacht. Auch diesen Prozess zeigt der Film. Ob Obdachlose oder Spitzenpolitiker: In Schoellers Fotowerkstatt erfahren sämtliche Porträts die gleiche, nämlich für die Reihe „Close Up“ typische großformatige Aufmachung: Menschen, die ganz unten waren oder sind, blicken uns auf den Nahaufnahmen als selbstbewusste Personen entgegen, umgeben von einem Anschein von Vertrautheit. Gerade deswegen machen sich die Fotos von Menschen in existenziellen Krisen bestens neben Motiven von Persönlichkeiten, die mehr Glück im Leben hatten.

Der Fotograf Martin Schoeller verfolgt humanistische Werte

Schoeller gibt benachteiligten oder gestrauchelten Menschen ein Gesicht und fordert, sie nicht zu vergessen oder gering zu schätzen. Diese humanistische Grundüberzeugung zieht sich in in verschieden Nuancen durch den Film seiner Halbschwester Josephine Links. Diesen Fakt lässt die Erzählung merkwürdigerweise außen vor, man muss ihn dem Presseheft entnehmen. Er dürfte einen nicht unwesentliche Faktor für die offenkundig vertraute Atmosphäre bei den Dreharbeiten gewesen sein.

Eine sympathische Grundüberzeugung allein macht aber noch keinen packenden Film. Auf der Erzählebene macht sich mit der Zeit eine gewisse Gleichförmigkeit breit, insbesondere dann, wenn es um Schoeller als Person geht. Besonders berührend sind die Szenen, die den Erzählungen der Abgehängten breiten Raum bieten. Nicht nur die persönlichen Schicksale ziehen einen in ihren Bann: Es entsteht ein Panorama der von extremen Gegensätzen geprägten US-Gesellschaft. Vieles steht uns plötzlich konkret vor Augen. Und mit Blick auf Schoellers Arbeiten lässt sich ein alter Satz bemühen: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte.

We All Bleed Red“ (Deutschland 2024), ein Film von Josephine Links, 84 Minuten, FSK ab 6 Jahre.

www.salzgeber.de

Weitere interessante Rubriken entdecken

Noch keine Kommentare
Schreibe einen Kommentar

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.