Kultur

Film „Aisha Can’t Fly Away“: Die Verwandlung einer Geflüchteten

16. January 2026 17:40:38
Im Moloch Kairo kämpft eine geflüchtete Sudanesin um Selbstbehauptung. Das Kinodrama „Aisha Can’t Fly Away“ ist eine intensive Milieustudie, hat aber noch mehr im Sinn.
"Aisha Can't Fly": Szene mit Buliana Simon Arop

Pflegekraft Aisha (Buliana Simon Arop) bekommt es in Ägypten mit vielen Formen von Ausbeutung zu tun.

Der seit dem Jahr 2023 im Sudan tobende Krieg hat die weltweit schwerste humanitäre Krise nach sich gezogen. Bis August vergangen Jahres haben rund zwölf Millionen Menschen die Flucht vor Gewalt, Chaos und Hunger ergriffen. Mehr als eine Million strandete im Nachbarland Ägypten, nicht zuletzt in der Hoffnung, von dort nach Europa weiterzureisen. Bis es so weit ist, fristen zahllose Sudanes*innen ein äußerst prekäres Dasein.

Die sudanesische Pflegerin wird auch sexuell ausgebeutet

Von einem solcher Schicksale erzählt der Kinofilm „Aisha Can’t Fly Away“. Im Mittelpunkt steht eben jene Aisha. Wie zahllose andere Sudanesinnen und Sudanesen schlägt sich die junge Frau mit einem schlecht bezahlten Job in Kairo durch. Immerhin reicht das Geld für eine ärmliche Unterkunft in einem heruntergekommenen, von Bandenkriegen geprägtem Arbeiter*innenviertel. Als Pflegekraft versorgt sie ältere Menschen und ist deren Willkür, bis hin zu sexuellen Übergriffen, ausgesetzt. 

Doch die rücksichtslose Ausbeutung, der Aisha zunächst kaum etwas entgegensetzen kann, hat noch viele andere Gesichter: Ihr Vermieter, der Boss einer ägyptischen Gang von Kleinkriminellen, zwingt sie, die Schlüssel ihrer Klient*innen zu übergeben, um anschließend deren Wohnung zu plündern. So sägt die 26-Jährige an dem dürren Ast von Sicherheit, den sie durch ihre Flucht nach Ägypten meinte gewonnen zu haben. Halt findet sie nur bei wenigen Menschen, etwa bei einem ägyptischen Koch oder anderen Zuwanderinnen. Doch keiner dieser spärlichen Kontakte ist von Dauer.

Von Szene zu Szene fragt man sich immer mehr: Wie lange wird Aisha dieses triste und entwurzelte Dasein und den Zwang zur Passivität noch aushalten? Derweil deuten Veränderungen an ihrem Körper darauf hin, dass diese nach außen mit stoischem Stolz auftretende, stets im Schleier gewandete Frau eine Wandlung vollzieht. Was sie anfangs noch abstößt, wird im Lauf der Zeit zunehmend zu einem Symbol von Hoffnung und Widerstand.

„Aisha Can’t Fly Away“ porträtiert eine rücksichtslose Gesellschaftsordnung

„Aisha Can’t Fly Away“ ist das Spielfilmdebüt des ägyptischen Regisseurs Morad Mostafa. Der bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnete und auch in Cannes vorgestellte Film macht schonungslos klar, in welcher sozialen Hierarchie sich Aisha und andere afrikanische Arbeitsmigrantinnen bewegen. Ganz oben stehen die Ägypter*innen, die sie mit Dienstleistungen beauftragen oder solche in Anspruch nehmen. Aisha und ihre Schicksalsgenossinnen befinden sich hingegen ganz unten. Sie sind defacto rechtlos. Doch eines Tages beschließt Aisha, das zu ändern. Dafür geht sie ein Bündnis mit Menschen ein, die sie eigentlich verabscheut.

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Zunächst präsentiert sich „Aisha Can’t Fly Away“ als streng komponiertes Sozialdrama, das tief in die Lebenswelt von Zuwanderinnen in Ägyptens Hauptstadt eintaucht. Mittels intensiver Bilder entsteht das Bild eines auf vielerlei Weise äußerst anstrengenden Millionenmolochs, wo jeder und jede die anderen ausnutzt, sofern sie oder er die Macht dazu besitzt. Ohne viele Worte darüber zu verlieren, lässt Aisha diffuse Träume und Sehnsüchte durchblicken. Wird sie einer Bekannten aus ihrer Community auf dem gefährlichen Weg übers Mittelmeer nach Europa folgen?

Doch mit der Zeit erreicht der Film noch eine andere Ebene. Im Zuge von Aishas körperlicher und geistiger Metamorphose fließen zunehmend surreale Nuancen ein, ohne dabei den Rahmen des Sozialdramas allzu sehr zu überdehnen. Sah sich das Publikum zuvor mit unerträglichen Auswüchsen von Ungerechtigkeit konfrontiert, wird es nun auf ganz andere Weise gefordert.

Die düsteren Seiten von Kairo

„Aisha Can’t Fly Away“ malt ein intensives Porträt der düsteren beziehungsweise verborgenen Seiten der Kairoer Gesellschaft. Morad Mostafa will seinen Film aber nicht als reine „Migrationsgeschichte“ verstanden wissen. Ihm geht es um universelle Aspekte wie das Gefühl der Zugehörigkeit und das Bedürfnis nach Anerkennung, selbst unter denkbar widrigen Umständen. Dementsprechend lebt sein Film von ausdrucksstarken, mitunter viel Interpretationsspielraum bietenden Bildern und wenig Text. Auch deswegen hält eine und einen der gut zweistündige Film von Anfang bis Ende bei der Stange. 

„Aisha Can’t Fly Away“ (Ägypten / Frankreich / Deutschland / Tunesien / Saudi-Arabien / Katar / Sudan 2025), ein Film von Morad Mostafa, mit Buliana Simon Arop, Ziad Zaza, Emad Ghoniem, Mamdouh Saleh u.a., OmU, 120 Minuten.

Weitere Informationen unter rapideyemovies.de

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