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Proteste im Iran: „Die Islamische Republik ist am Ende“

19. January 2026 12:01:26
Bei den Massenprotesten im Iran sollen nach Angaben des Regimes bislang rund 5.000 Menschen ums Leben gekommen sein. Andere Schätzungen reichen bis zu 16.000 Toten. Im Interview spricht die Journalistin Negin Behkam über die Erfolgsaussichten der Regimekritiker*innen in der Islamischen Republik.
Kundgebung zur Unterstützung der Opposition im  Iran

Paris am 17. Januar: Demonstrant*innen erinnern an die Opfer des Massakers des iranischen Regimes an Protestierenden.

Sie sind 2009 gegen den Betrug bei der Präsidentschaftswahl in Teheran auf die Straße gegangen. Glauben Sie diesmal an einen Sieg der Protestbewegung über das Regime?

Das hängt von vielen Faktoren ab. Es gibt aber Potenzial für einen Sturz des Regimes. Auch wenn dieser vorerst ausbleibt, würden die Proteste bald wieder eskalieren. Aus Sicht der meisten Menschen im Iran ist die Islamische Republik am Ende. Das Regime ist kaum noch in der Lage, das Land zu regieren. 

Welche Rolle spielt die wirtschaftliche Misere im Land? 

Eine extrem große. Sie hat dafür gesorgt, dass breite gesellschaftliche Schichten, also „ganz normale Menschen“, die Bewegung unterstützen. Die Händler des Teheraner Basars haben gegen den Verfall der iranischen Währung protestiert. Dabei handelt es sich um ultrakonservative Kreise, die bislang hinter den Mullahs standen.

Die Wirtschaftskrise herrscht seit Jahren und alles wird immer schlimmer. Mindestens 40 Prozent der Iraner*innen leben aktuell unterhalb der Armutsgrenze. Das liegt vor allem an der galoppierenden Inflation und der hohen Arbeitslosigkeit. Die jungen Menschen sind ohne Zukunftsperspektive. Ihnen ist es unmöglich, eine eigene Wohnung zu haben oder eine eigene Familie zu gründen.

Irans Wirtschaftskrise: Für viele Menschen geht es ums blanke Überleben

Die Preise für Lebensmittel ändern sich manchmal von Tag zu Tag. Grundnahrungsmittel wie Joghurt oder Milch sind für viele unbezahlbar geworden. Viele Menschen sind nicht mehr in der Lage, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Für viele geht es ums blanke Überleben.

Ohne Unterstützung aus dem Ausland könnte die Protestbewegung am Ende wohl doch wieder ins Hintertreffen geraten. US-Präsident Donald Trump hat bereits Hilfe angekündigt und zwischenzeitlich mit einem Militärschlag gedroht. Was sollten Deutschland und Europa tun? 

Die von Trump erwähnte Hilfe ist bislang nicht angekommen. Stattdessen geht das Töten weiter. Die Menschen brauchen keine Machtspielchen, sondern Schutz. Neben politischem Druck auf das Regime stehen freier Zugang zu Kommunikation, Internet und Informationen ganz oben. Das kann Leben retten. Es ist wichtig, dass die Menschen im Iran miteinander in Kontakt treten und ihre eigenen Geschichten uns hier weitererzählen können. Wir brauchen die Erzählungen von Menschen aus dem Iran. Das ist auch für die nächsten Schritte bei der Dokumentation des aktuellen Massakers der Islamischen Republik von großer Bedeutung.

Wirtschaftssanktionen würden wie immer die die einfachen Leute treffen, nicht aber das Regime. Was einen möglichen Militärschlag betrifft: Krieg ist nie eine Lösung. 

Das Regime hat angekündigt, Hinrichtungen vorerst auszusetzen. Sehen Sie darin Anzeichen für ein generelles Einlenken der Mullahs?

Den Ankündigungen und Erzählungen des Regimes kann man nicht trauen. 

Eine schlagkräftige politische Opposition ist gegenwärtig nicht erkennbar. Woran liegt das?

Es gibt eine Opposition im Iran, einige Protagonist*innen sind weltweit bekannt. Viele von ihnen befinden sich allerdings in Haft. Im Ausland gibt es einige iranische Oppositionsgruppen, doch nur wenige von ihnen finden wirklich Gehör. 

Medien im Iran: Die staatliche Propaganda erzielt kaum noch Wirkung

Im Staatsfernsehen verbreitet das Regime seine Sicht auf die Dinge. Dort sieht man vor allem Kundgebungen von Regimeunterstützer*innen. Wie verfängt diese mediale Vorherrschaft bei den Iraner*innen und wie lässt sie sich brechen?

Die breite Mehrheit der Iraner*innen nutzt andere Kanäle, um sich zu informieren. Gegenwärtig gehen Tausende Menschen in verschiedenen Teilen des Landes auf die Straße. Auch in den Vorjahren gab es immer wieder Protestwellen. Das zeigt, dass die staatliche Propaganda kaum noch Wirkung erzielt. Im Ausland gibt es sehr viele iranische Sender und andere Medien, die zum Teil unabhängig sind oder Oppositionellen gehören. Viele davon sind auf öffentliche Förderung angewiesen. Leider wurden in den USA oder der EU in letzter Zeit viele Projektmittel gestrichen. 

Ist es noch möglich, vor Ort und frei über regimekritische Kundgebungen zu berichten?

Einige relativ unabhängige iranische Medien versuchen es zumindest. Darunter sind Zeitungen, deren Journalist*innen im Zuge der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung inhaftiert wurden, weil sie über die damaligen Ereignisse berichtet hatten.

Wegen der Internetsperre dringen kaum Informationen aus dem Land nach außen, auch Anrufe aus dem Ausland waren vorübergehend unmöglich. Wie halten Sie sich auf dem Laufenden?

Ich nutze verschiedene Quellen, etwa unabhängige Medien oder iranische Menschenrechtsorganisationen im Ausland. Gestern war sogar ein direktes Gespräch mit jemandem vor Ort möglich. Ich habe Kontakte in verschiedenen Städten, darunter sind Journalist*innen, Freund*innen und Verwandte.

 

Die Gesprächspartnerin

Negin Behkam wurde in Teheran geboren und arbeitete dort bis 2010 als Journalistin für verschiedene Zeitungen. Einige davon ließ das iranische Regime schließen. Seit 2011 lebt sie in Berlin und ist als Redakteurin tätig.

Das Interview wurde am 15. Januar 2026 geführt.

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