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Krieg im Nahen Osten: „Strategie des Iran könnte nach hinten losgehen“

6. März 2026 18:26:37
Der Ausbruch des Krieges im Nahen Osten war für den Kriegsreporter und Nahost-Experten Konstantin Flemig erwartbar. Der Ausgang sei dagegen völlig offen. Im schlimmsten Fall könnte die gesamte Region für viele Jahre destabilisiert werden, glaubt er.
Solidarität mit der unterdrückten Bevölkerung im Iran: eine Demonstrantin auf einer Kundgebung Anfang des Jahres in Rom
Solidarität mit der unterdrückten Bevölkerung im Iran: eine Demonstrantin auf einer Kundgebung Anfang des Jahres in Rom

Eigentlich wären Sie jetzt im Nordirak. Inwieweit wurden Sie vom Kriegsbeginn überrascht?

Dass dieser Krieg kommen würde, war nicht allzu überraschend für mich. Dass er genau an diesem Tag kommen würde, hatte ich nicht antizipiert. Ich stand schon am Gate, bereit, in meinen Flieger nach Erbil einzusteigen, als der irakische Luftraum gesperrt und mein Flug gecancelt wurde.

„Krieg könnte wieder vermehrt ein Mittel der US-Außenpolitik werden“

Donald Trump hatte angekündigt, dass sich die USA unter seiner Präsidentschaft aus internationalen Konflikten raushalten wollten. Mit Blick auf Venezuela und Iran ist seit Jahresbeginn aber das Gegenteil zu beobachten.

Es könnte mit der persönlichen Kränkung zu tun haben, dass er den Friedensnobelpreis nicht bekommen hat. Zwar haben die USA tatsächlich in vielen Konflikten vermittelnd eingegriffen, zum Beispiel im Fall von Thailand und Kambodscha, aber häufig eher oberflächlich. Das ist leider bezeichnend für die Außenpolitik von Donald Trump, dass man möglichst schnell möglichst gute Schlagzeilen haben möchte. 

Nachdem er den Nobelpreis nicht bekommen hat, sieht er jetzt Krieg als Fortführung der Politik mit anderen Mitteln und versucht, diese neoimperiale America-First-Politik hemmungslos durchzusetzen. Zuerst im vermeintlichen Hinterhof der USA in Venezuela, jetzt mit dem Iran. Je nachdem wie das Ganze ausgehen wird, könnte es wieder vermehrt ein Mittel der Wahl der US-Außenpolitik werden.

Für diese These spricht, dass sich der US-amerikanische Verteidigungsminister Pete Hegseth inzwischen Kriegsminister nennt.

Ja, hier sehen wir auch im Namen eine Rückkehr ins 19. Jahrhundert. Trump will damit auch zeigen, dass die USA wieder wer sind.

„Der Einfluss der USA würde durch einen Wegfall des iranischen Regimes erheblich gestärkt“

Die jüngsten Angriffe wurden von den USA und Israel unter anderem mit dem iranischen Atomprogramm begründet. Dabei hatten die USA schon im vergangenen Jahr nach den Luftschlägen ausgesagt, dieses für Jahre zerstört zu haben.

Für Trump war es im vergangenen Jahr wichtig, mit einer vermeintlich perfekten Militäraktion der USA einen Krieg zu beenden, indem sie mit ihren B-2-Bombern die iranischen Atomanlagen zerstören. Dass es danach noch ein paar hundert Kilogramm nukleares Material gab, von dem man nichts wusste, ist dann in der öffentlichen Kommunikation des Weißen Hauses unter den Teppich gekehrt worden. 

Vielleicht haben sie sich jetzt eingestanden, doch nicht so gründlich gewesen zu sein, sodass der Iran doch in der Lage sein könnte, in absehbarer Zeit irgendwann Nuklearwaffen herzustellen. Oder man möchte Tabula rasa machen und arbeitet jetzt nach und nach die Gegner der USA in verschiedenen Weltregionen ab, um weiterhin die dominante Großmacht auf der Welt zu sein. 

Nachdem mit Maduro der größte amerikanische Gegner in der eigenen Hemisphäre ausgeschaltet wurde, ist jetzt der Nahe Osten dran, der mit einer erfolgreichen Regime-Change-Operation komplett anders aussehen würde als in den vergangenen Jahrzehnten. Der Einfluss der USA würde durch einen Wegfall des iranischen Regimes erheblich gestärkt.

Mit dem Tod des seit 1989 amtierenden Ajatollahs Khamenei ist dieser Krieg in jedem Fall eine Zäsur. Wie geht es im Iran jetzt weiter?

Das iranische Regime hat sich nach meinen Informationen auf so eine Situation vorbereitet. Da kursiert die Zahl, dass jede wichtige Leitungsposition bis zum vierten Nachfolger schon besetzt sein soll für den Fall, dass es wieder gezielte Tötungen gibt. Trotzdem ist die Frage, ob sich Khamenei so einfach ersetzen lässt, vor allem unter solchen Extrembedingungen wie jetzt, in der nicht nur Khamenei, sondern auch andere hochrangige Politiker und Militärs praktisch täglich durch die Israelis und Amerikaner getötet werden. 

Deswegen bezweifle ich, inwieweit da noch eine wirklich große Koordination stattfindet. Die aktuellen Angriffe des Iran deuten jedoch darauf hin, dass es zumindest noch Befehlshaber gibt, die diese autorisieren können. Doch vermutlich spekulieren die USA und Israel darauf, dass sich irgendwann die einzelnen Fraktionen innerhalb der Revolutionswächter gegenseitig in einen Machtkampf verwickeln, wenn genug Nachfolger von Nachfolgern getötet worden sind.

„In der iranischen Bevölkerung sind sowohl viel Zorn als auch viel Verunsicherung verbreitet“

Zuletzt gab es von israelischer Seite Aussagen in die Richtung, dass die USA und Israel mit Luftschlägen helfen, das iranische Volk sich aber selbst erheben und für die Demokratie kämpfen müsse. Wie realistisch ist das, gerade wenn man sich anguckt, mit welcher Brutalität das Regime Anfang des Jahres die Demonstrationen im Iran niedergeschlagen hat?

In der iranischen Bevölkerung sind sowohl viel Zorn als auch viel Verunsicherung verbreitet. Dass Tausende Menschen vor ein paar Wochen erst mit Maschinengewehrfeuer niedergemäht wurden, ist ein sehr deutliches Signal, dass das Regime sich gegen sämtliche Bedrohungen behaupten will. 

Es wird sehr stark darauf ankommen, ob es Auflösungserscheinungen gibt, wenn genug Kasernen getroffen worden sind. Wenn das passiert, könnte es einen Dominoeffekt geben, wenn die ersten Regionen oder Städte in die Hand von Regimegegnern fallen. Denn solche Konflikte sind auch immer Wettbewerbe des Willens und der Moral. Das haben wir in Afghanistan gesehen, wo die afghanische Armee sehr schnell in sich zusammengeklappt ist, weil der Glaube an einen langfristigen Sieg nicht mehr da war. 

Welche Rolle könnten die ethnischen Minderheiten im Iran spielen?

Die Amerikaner könnten die Kurden im Nordwesten des Landes als verlängerten Arm nutzen, um erste grenznahe Städte in den kurdischen Gebieten einzunehmen. Genau gegenübergelegen davon haben wir die ethnische Minderheit der Belutschen, bei denen es in den vergangenen Jahren auch eine große Aktivität von bewaffneten Widerstandsgruppen gab. 

Unklar ist zudem, wie der Rest der iranischen Opposition darauf reagiert, weil auch die nicht komplett geeint ist. Es gibt zum Beispiel laute Stimmen, die die Reinstallation des Schahs und der Monarchie befürworten. Ein furchtbares Szenario wäre, wenn das Regime in sich zusammenbräche, aber der Iran als Failed State in einem permanenten Bürgerkrieg wäre. Das könnte die Stabilität im Nahen Osten auf Jahre und Jahrzehnte hin gefährden.

„Die Strategie des Iran könnte nach hinten losgehen“

Der Iran hat auf die Attacken reagiert, indem er nicht nur Israel und US-Stützpunkte mit Drohnen und Raketen beschossen hat, sondern auch direkte Nachbarländer in der Region, wie beispielsweise auch die Golfstaaten. Was bezweckt er damit?

Iran hat sich lange Zeit auf solche Szenarien vorbereiten können und versucht nun eine Eskalation, um den Druck auf die Verbündeten der USA zu erhöhen. Beispielsweise auf die Emirate, die sich oft als sicherer Hafen im Nahen Osten inszeniert haben, wo Touristen hinkommen und Influencer sicher leben können. Explosionen am Burj Khalifa und am Burj Al Arab sind PR-Bilder, die der Iran gerne erzeugen möchte. 

Doch ein paar Ereignisse in den vergangenen Tagen deuten eher darauf hin, dass sich diese Staaten nicht gegen die USA, sondern gegen den Iran stellen: Katar hat zwei iranische Kampfflugzeuge abgeschossen. Zudem heißt es, dass Katar als Reaktion auf die iranischen Angriffe nun auch offensiv bei Angriffen auf den Iran mitwirken will. Israelische Quellen berichten davon, dass auch Saudi-Arabien dazu bereit sein könnte. 

Zudem gibt es eine Annäherung zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Was auch immer sich Iran davon erhofft, könnte nach hinten losgehen, auch weil es nicht nur Angriffe auf die Golfstaaten, sondern auch Drohnenangriffe auf britische Militärinstallationen auf Zypern gab und die Türkei eine iranische Rakete abgeschossen hat.

Was könnte das für die NATO bedeuten?

Ich gehe aktuell nicht von einem NATO-Bündnisfall nach Artikel 5 aus. Selbst wenn dieser einträte, könnte das auch bedeuten, dass andere Staaten die Türkei mit Luftabwehrsystemen unterstützen. Die Türkei hat in der Vergangenheit bereits häufiger solche Situationen gehabt. Ich erinnere daran, dass die Türkei während des syrischen Bürgerkrieges ein russisches Flugzeug abgeschossen hat, das laut türkischen Angaben über dem eigenen Luftraum war. Auch damals gab es keine direkte Konfrontation zwischen der NATO und Russland.

Welche Auswirkungen könnte der aktuelle Konflikt auf den Krieg in der Ukraine haben? Es gab bereits Meldungen, dass Dubai die Ukraine um Unterstützung durch ihr Know-How bei der Drohnenabwehr gebeten hat. Zudem gibt es Befürchtungen, dass Luftabwehrraketen, die jetzt im Nahen Osten verschossen werden, diese zur Verteidigung der Ukraine fehlen könnten.

Schon während der Drohnenzwischenfälle in den vergangenen Monaten über Europa wurde oft darüber spekuliert, dass diese Teil der hybriden Kriegsführung Russlands sein könnten, damit Europa möglichst viel auf Luftverteidigung setzen muss und dementsprechend nicht mehr bereit ist, solche in die Ukraine zu liefern. 

Es könnte die Ukraine treffen, wenn jetzt dauerhaft solche Munition im Nahen Osten verwendet würde. Zugleich droht Russland, dass der Iran als Versorger mit Bauteilen für Kamikaze-Drohnen wegfällt. Das wäre ein Nachteil für Russland, wobei das Land die meisten solcher Drohnen mittlerweile selbst herstellt. 

Auf der wirtschaftlichen Ebene könnte der Krieg zu einem Vorteil für Russland werden, da durch die Blockade der Straße von Hormus fossile Energieträger auf dem Weltmarkt fehlen. Auf der geostrategischen Ebene ist aber die Achse der Autokratien mit Russland, China, Iran und Nordkorea geschwächt, wenn Iran dauerhaft ausfallen sollte. 

Für Wladimir Putin wäre es ein Gesichtsverlust, wenn nach Assad und Maduro schon wieder ein Verbündeter Russlands relativ problemlos abserviert und besiegt werden kann. Das zeigt die Überlegenheit der amerikanischen Waffentechnologie gegenüber den russischen Luftabwehrsystemen, die weder Maduro noch Khamenei retten konnten.

„Der Krieg könnte schnell vorbei sein, wenn es Auflösungserscheinungen innerhalb des iranischen Systems geben sollte“

Wie lange könnte dieser Krieg noch dauern?

Ich bin sehr, sehr vorsichtig mit solchen Vorhersagen. Der Krieg könnte schnell vorbei sein, wenn es Auflösungserscheinungen innerhalb des iranischen Systems geben sollte. Dann könnte es eine Frage von Tagen oder Wochen sein. Ob die Amerikaner genug Munition und auch den politischen Willen haben, das Ganze über Monate durchzuhalten, ist umgekehrt auch eine sehr gute Frage. Denn die Möglichkeiten eines Luftkrieges sind begrenzt, und einen Regime-Change nur aus der Luft durchzuführen, ist sehr schwierig.

Autor*in
Jonas Jordan
Jonas Jordan

ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo

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