Inland

Die Lage ist „verdammt ernst“: Was die IG Metall jetzt fordert

26. January 2026 17:06:06
Die Jahre ohne Wirtschaftswachstum machen sich in der Industrie bemerkbar. Die IG Metall ruft deswegen zu mehr Tempo, Investitionen und einem Standortbekenntnis auf. Lohnzurückhaltung der Beschäftigten schließt die Gewerkschaft aus.
Protestaktion der IG Metall im Dunkeln mit einer Projektion an eine Häuserwand

Protestaktion der IG Metall bei VW in Osnabrück: „Wer hier verkaufen will, muss auch hier produzieren.“

Die IG Metall ruft Politik und Wirtschaft zum Handeln auf. Die Lage in Deutschland sei „verdammt ernst“, betonte die Erste Vorsitzende Christiane Brenner am Montag bei der Jahrespressekonferenz der Gewerkschaft in Frankfurt am Main. Das Weltwirtschaftsforum in Davos habe gezeigt, „dass wir entschlossen handeln müssen, um Wirtschaft, Werte und Demokratie schützen“, sagte Brenner mit Blick auf die Rede von Donald Trump, der vielen europäischen Staaten mit weiteren Zöllen gedroht und so die Abhängigkeit von den USA demonstriert hatte.

IG Metall bleibt trotz Verlusten größte Gewerkschaft

Die Gewerkschaft warnt vor einer Deindustrialisierung und einem weiteren Verlust von Arbeitsplätzen. Im vergangenen Jahr habe die Industrie 140.000 Stellen verloren, insbesondere im Südwesten und Westen Deutschlands, den Zentren der Autoindustrie. Gleichzeitig habe es acht Prozent weniger Ausbildungsplätze als 2024 gegeben. Durch den anhaltenden Stellenabbau und die Zurückhaltung bei Einstellungen verlor die Organisation eigenen Angaben zufolge zehntausende Mitglieder. Mit gut zwei Millionen Beitragszahler*innen bleibt sie aber weiterhin die größte Gewerkschaft.

Mit ihrer Initiative „Arbeit und Aufschwung“ will die IG Metall Digitalisierung und Klimaschutz auf verschiedenen Ebenen anregen: In den Betrieben „konkret anpacken“ und gleichzeitig Netzwerke in den Regionen und auf der Bundesebene pflegen, betonte Benner. Der Gewerkschaft sei es gelungen, zehntausende Arbeitsplätze zu sichern und Investitionszusagen für Standorte zu vereinbaren, so die Gewerschaftsvorsitzende. „Ohne uns wäre es in der deutschen Industrie schon zappenduster.“

IG Metall fordert mehr „Made in Europe“

Indem die Beschäftigten dafür auf Milliardenbeiträge verzichteten, hätten sie ihren Anteil am Erhalt der Wirtschaft geleistet. Nun seien Politik und Arbeitgeber an der Reihe. „Wir erwarten mehr! Ein klares Bekenntnis gegen Verlagerungen, Standortschließungen und Kündigungen, und zwar umgehend“, so Benner. 

Es brauche eine Industriepolitik, die „Made in Europe“ fördert: „Wer hier verkaufen will, muss auch hier produzieren.“ Benner sprach sich auch gegen Subventionierung von Standortverlagerungen innerhalb Europas aus, das sei „schizophren und sofort zu beenden“. Vom Sondervermögen für die Infrastruktur von 500 Milliarden Euro müsse die heimische Wertschöpfung profitieren.

Deutschland brauche mehr Tempo bei Innovationen – Entscheidungswege müssten verkürzt, Bürokratie müsse entschlackt werden. Benner forderte auch einen wettbewerbsfähigen Industriestrompreis, der Entwurf von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) führe nur zu Einsparungen im einstelligen Prozentbereich. Der geplante Industriestrompreis soll die Industrie rückwirkend ab 1. Januar entlasten.

Tarifverhandlugen in Metall- und Elektroindustrie

Die Vorsitzende der IG Metall äußerte sich auch zur aktuellen Debatte über Krankenstand, längere Arbeitstagen und Einschnitte beim Sozialstaat. „Die Schimpferei auf den Sozialstaat muss aufhören“, sagte sie. Beschäftigte „unter Generalverdacht“ zu stellen, sei „unanständig“. Die Gründe für hohe Krankenstände seien auf betrieblicher Ebene zu suchen. „Faulenzer“-Vorwürfe lenkten vom eigentlichen Problem ab.

 In Umfragen würden zwei Drittel der Menschen angeben, dass sie zur Arbeit gehen, obwohl sie sich krank fühlten. „Schluss mit dem Vorwurf, die Beschäftigten seien faul. Schluss damit, unser Land schlechtzureden!“, betonte auch der Zweite Vorsitzende Jürgen Kerner. 

In diesem Jahr stehen Tarifverhandlungen für 3,8 Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie an. Die IG Metall gehe „entschlossen, selbstbewusst und mit großer Beteiligung der Beschäftigten“ in die Gespräche, sagte Tarifvorständin Nadine Boguslawski. „Eine Nullrunde können wir uns nicht leisten. Lohnzurückhaltung ist für die Volkswirtschaft kontraproduktiv.“

Autor*in
Lea Hensen
Lea Hensen

ist Redakteurin des „vorwärts“.

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