Islamismus und Terror: Warum Abschiebungen keine Lösung sind
IMAGO/ZUMA Press Wire
Die Radikalisierung von Islamisten findet meist im Internet statt. Die wirksamste Reaktion ist Prävention, meint vorwärts-Redakteurin Lea Hensen.
Es dauert oft nur wenige Minuten, bis nach einem islamistischen Anschlag wie auf den Berliner CSD Ende Juli die Rufe laut werden: Grenzen schließen, Abschiebungen erhöhen, Migration zurückfahren. Doch diese Schlussfolgerung greift zu kurz. Der Täter des CSD-Anschlags war deutscher Staatsbürger und in Berlin geboren. Weder hätte man ihm die Einreise verweigern, noch ihn abschieben können. Das Grundgesetz schützt deutsche Staatsangehörige – und das aus gutem Grund.
Warum Abschiebungen Islamismus nicht stoppen
Selbst wenn Deutschland morgen sämtliche Asylanträge stoppen würde, wäre das Islamismusproblem nicht verschwunden. Viele islamistische Gefährder besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit, sind Kinder und Kindeskindern von Einwander*innen, die Deutschland einst als Arbeitskräfte brauchte. Und selbst wenn nicht: Islamismus und Terror lassen sich nicht über Grenzen abschieben, weil sie sich bereits unter uns befinden.
Islamist*innen radikalisieren sich nicht mehr heimlich im Hinterzimmer, sie werden online, auf Social Media, für die tödliche Ideologie gewonnen. Wer verkennt, dass Islamismus ein globales Phänomen ist, verschließt die Augen vor der modernen Welt.
Wo der Staat beim CSD-Attentäter versagt hat
Das bedeutet nicht, dass der Staat seine Möglichkeiten nicht konsequent nutzen sollte. Visa- und Asylverfahren müssen konkrete Sicherheitsbedenken sehr wohl konsequent berücksichtigen. Wer ohne die deutsche Staatsbürgerschaft oder andere rechtliche Gründe als ausländischer Gefährder gilt und terroristische Organisationen unterstützt, muss schneller abgeschoben werden.
Das scheitert oft weniger an geltendem Recht, sondern an dessen Umsetzung, am Informationsaustausch zwischen den Behörden und zwischen Bund und Ländern. So war der CSD-Attentäter seit 2025 als Gefährder eingestuft und wurde bis kurz vor dem Anschlag überwacht. Die Tat wurde dennoch nicht verhindert, weil man die Gefahrenlage nicht rechtzeitig erkannte.
Warum Prävention gegen Radikalisierung entscheidend ist
Wer mit Abschottung gegen Terrorgefahr argumentiert, ignoriert die tieferliegenden Probleme, die Extremismus fördern. Anschläge werden oft von jungen Männern verübt, die sich ausgeschlossen fühlen, die von der westlichen Gesellschaft enttäuscht sind und so leichtes Opfer von Radikalen werden.
Hier ist Bildungs- und Präventionsarbeit an Schulen gefragt, mehr Chancengleichheit und eine bessere Zusammenarbeit mit Moscheegemeinschaften, die Unterstützung gegen salafistische Predigernetzwerke brauchen. Die AfD will Projekte, die Extremismus bekämpfen, beschneiden und befeuert mit ihren Remigrations-Fantasien genau jene Gefühle von Perspektivlosigkeit, die junge Muslimen in die Arme des Extremismus treiben. Die Wahrheit ist: Die große Mehrheit der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland lehnt Gewalt ab, und sie sind oft die ersten, die unter islamistischen Anschlägen leiden.
Islamismus ist eine reale Gefahr. Doch wer nach jedem Anschlag Scheinlösungen wie Grenzschließungen vorschiebt, verschwendet Ressourcen, um das Problem wirklich zu bekämpfen. Sicherheit entsteht nicht durch einfache Parolen, sondern durch einen Staat, der Radikalisierung früh erkennt, konsequent verfolgt und verhindert, bevor Hass in die Tat umgesetzt wird.