Inland

Bezahlung bei Lieferdiensten: Der lange Kampf des Samee Ullah

2. September 2026 15:13:22
Eigentlich gilt für Arbeitnehmer*innen in Deutschland der Mindestlohn. Doch manche Subunternehmen von Lieferdiensten umgehen ihn. Lieferando-Betriebsrat Samee Ullah kämpft deshalb für eine faire Bezahlung und die Rechte seiner Kolleg*innen.
Porträt des Lieferando-Betriebsrats Samee Ullah in eine lila T-Shirt. Im Hintergrund eine leere Straße, eine Fahrrad und Bäume

Damit es gerechter zugeht: Lieferando-Betriebsrat Samee Ullah kämpft dafür, dass Lieferfahrer*innen nach Mindestlohn bezahlt werden.

Dass er mal in Deutschland für die Rechte von Lieferfahrer*innen kämpfen würde, hätte sich Samee Ullah wahrscheinlich nie träumen lassen. Schließlich hatte er in seiner Heimat Pakistan den Beruf des Triebwerksmechanikers gelernt und Flugzeuge der pakistanischen Armee gewartet. Mit einem Arbeitsvisum kam er erst nach Italien und kurz darauf nach Deutschland. Das war 2013.

Vom Windkraft-Mechaniker zum Lieferando-Fahrer

„Obwohl man mir gesagt hatte, Deutschland sei das Paradies für Ingenieure, war es nicht möglich, mit einem italienischen Arbeitsvisum in Deutschland zu arbeiten“, erinnert sich der 43-Jährige. Über Umwege gelang es Ullah schließlich doch, als Mechaniker von Windenergie-Anlagen zu arbeiten. „Die ganze Woche war ich quer durch Deutschland unterwegs“, erzählt er. Dann kam Corona. Die Reisen waren nicht mehr möglich. Samee Ullah musste sich nach einer neuen Arbeit umsehen.

„Auf Facebook habe ich eine Anzeige von Lieferando gesehen“, berichtet er. Schon zuvor hatte er anderen Zugewanderten die Arbeit für einen Lieferdienst empfohlen. „Das ist der ideale Job für Menschen, die nicht so gut Deutsch können“, findet Samee Ullah. Nun fuhr er mit einem Mal selbst Essen aus. „Das hat Spaß gemacht“, erinnert er sich. Er erhielt den Mindestlohn plus 50 Cent in der Stunde.

Als Betriebsrat im Kampf für Arbeitnehmer*innen-Rechte

Doch irgendwann häuften sich die Berichte, dass Fahrer*innen anderer Lieferdienste ausgebeutet werden. „Einige kamen zu mir, weil sie ihren Lohn nicht erhalten haben“, erinnert sich Samee Ullah. Schnell stellte sich heraus, dass sie nicht beim Lieferdienst selbst angestellt waren, sondern bei einem Subunternehmer, der viele Standards inklusive des Mindestlohns unterlief. „Wir haben dann eine Demo organisiert“, berichtet Ullah. So begann sein Kampf für Arbeitnehmerrechte.

Im vergangenen Jahr wurde Samee Ullah in den Betriebsrat von Lieferando gewählt. Er fährt nun kein Essen mehr aus – und verdient deutlich weniger Geld. „Wenn ich liefern würde, hätte ich Zuschläge, Trinkgeld, Kilometergeld und könnte Überstunden machen.“ Doch im Moment sei der Einsatz für die Kolleg*innen wichtiger.

Denn während Lieferando im Vergleich zu anderen Lieferdiensten lange auf festangestellte Fahrer*innen gesetzt hat, geht das Unternehmen inzwischen auch mehr und mehr zur Zusammenarbeit mit Subunternehmen über. Hier werden die „Rider“ oft deutlich schlechter bezahlt, etwa indem die Zeit, in der sie auf neue Lieferungen warten, nicht vergütet wird.

Ein Direktanstellungsgebot würde die Lage für die Fahrer*innen deutlich verbessern

„Niemand kontrolliert die Arbeitszeit, manchmal steht am Ende des Arbeitstages nur ein Verdienst von 70 bis 80 Euro, obwohl die Rider zwölf Stunden unterwegs sind“, berichtet Samee Ullah. Viele Fahrer*innen hätten nicht mal einen Arbeitsvertrag und erhielten kein Geld, wenn sie krank würden oder sich bei der Arbeit verletzten. Und das in einem Bereich, der seit Jahren boomt.

Gemeinsam mit der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) und dem DGB gingen viele Fahrer*innen deshalb am 20. Mai in Berlin auf die Straße, um für ein Direktanstellungsgebot bei den Lieferdiensten zu demonstrieren. Auch eine Petition wurde gestartet. Ein Direktanstellungsgebot „verpflichtet Unternehmen, Beschäftigte im eigenen Kerngeschäft direkt anzustellen. Der Einsatz von Werkverträgen, Fremdpersonal und Leiharbeit in diesem Bereich ist also verboten“, erklärt die NGG auf ihrer Internetseite. Sogenannte Schattenflotten würde damit unzulässig.

Samee Ullah will diesen Kampf gewinnen – auch wenn er sich eigentlich nie in die Politik in seiner neuen Heimat einmischen wollte. Er sagt: „Ich bin hier Bürger, also muss ich meine Privilegien nutzen.“ .

Autor*in
Kai Doering
Kai Doering

ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts und auf Bluesky unter @kaid.bsky.social zu finden.

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