Inland

Kampf gegen Niedriglöhne: Warum der Mindestlohn eine Erfolgsgeschichte ist

8. Juni 2026 12:38:13
Der Mindestlohn sollte Armut trotz Arbeit bekämpfen. Rund zehn Jahre nach seiner Einführung zeigt sich: Millionen Beschäftigte profitieren, der Niedriglohnsektor ist geschrumpft. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Mindestlohn in Deutschland.
Eine Friseurin schneidet einer Kundin die Haare

Friseurgeschäft: Im Dienstleistungsgewerbe arbeiten viele Menschen für den Mindestlohn.

Wie viele Menschen in Deutschland arbeiten im Niedriglohnsektor?

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes zählen rund 6,3 Millionen Jobs zum Niedriglohnsektor (Stand April 2025). Das bedeutet, dass 16 Prozent aller Arbeitnehmer*innen im Niedriglohnsektor beschäftigt sind. Besonders im Gastgewerbe ist schlechte Bezahlung an der Tagesordnung: Hier zählt jede*r zweite Beschäftigte zum Niedriglohnsektor. Ähnlich sieht es in der Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft aus.

Ab wann gilt ein Gehalt als Niedriglohn?

Die Grenze zum Niedriglohnsektor ist dann unterschritten, wenn die Arbeitnehmer*innen weniger als zwei Drittel des mittleren Bruttostundenlohns verdienen. Damit ist nicht der Durchschnittslohn gemeint, sondern der Medianlohn. Das bedeutet: Eine Hälfte der Bevölkerung bekommt mehr als den mittleren Stundenlohn und die andere Hälfte weniger.

Im April 2025 lag die Schwelle zum Niedriglohn in Deutschland bei 14,32 Euro. Zum Vergleich: Der Mindestlohn betrug im gleichen Jahr 12,82 Euro. Übrigens: Auszubildende werden nicht zum Niedriglohnsektor gezählt.

Warum ist der Niedriglohnsektor in Deutschland so groß geworden?

Zumindest war er das mal. In zahlreichen Ländern entstanden in den 1980er- und 1990er- Jahren große Niedriglohnsektoren – als Folge der Globalisierung und von politischen Reformen. In Deutschland dagegen ging der Anteil der gering bezahlten Arbeitnehmer*innen in den 1990er-Jahren sogar zurück. Für die allermeisten Beschäftigten galten Tarifverträge, die allzu niedrige Löhne verhinderten. Gleichzeit hatte Deutschland damals aber auch mit einer hohen Arbeitslosenquote zu kämpfen.

Mit den Hartz-Reformen von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vergrößerte sich der deutsche Niedriglohnsektor in den 2000er-Jahren. Die Bundesregierung erhöhte den Druck auf Arbeitslose, auch schlecht bezahlte Jobs anzunehmen. Damals erwarteten die meisten Politiker*innen und Ökonom*innen, dies würde Geringqualifizierten und Langzeitarbeitslosen den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern. Doch die Hoffnung, der Niedriglohnsektor könne für Arbeitslose zum Sprungbrett für bessere Jobs werden, erfüllte sich nicht. Stattdessen landeten Millionen Menschen in der sogenannten Niedriglohnfalle.  

Mindestlohn seit 2015: Was hat sich für Beschäftigte verbessert?

Der Mindestlohn wurde 2015 von der SPD durchgesetzt. Anfangs lag er bei 8,50 Euro pro Stunde, in den kommenden Jahren wurde der Mindestlohn schrittweise angehoben. Das hatte Folgen: Zwischen 2014 und 2024 ist die Zahl der Niedriglohnjobs in Deutschland um 1,3 Millionen gesunken. In Ostdeutschland war der Effekt des Mindestlohns besonders groß: Der Anteil der Niedriglohn-Jobs an allen Beschäftigungsverhältnissen halbierte sich fast und sank von 35 auf 18 Prozent.

Für knapp vier Millionen Beschäftigte bedeutete die Einführung des Mindestlohnes eine Gehaltserhöhung. Teils sogar eine kräftige: Rund 1,5 Millionen Arbeitnehmer*innen, die 2015 zum Mindestlohn von 8,50 Euro arbeiteten, hatten im Vorjahr noch weniger als sechs Euro pro Stunde verdient.

Warum gibt es trotz Mindestlohn weiterhin Armut trotz Arbeit?

Viele Arbeitnehmer*innen, die den Mindestlohn erhalten, arbeiten nicht in Vollzeit – etwa, weil sie sich nebenher auch um Kinder kümmern oder Angehörige pflegen müssen. Oft handelt es sich bei den Beschäftigungsverhältnissen um Teilzeit- oder Minijobs. 2025 betrug die durchschnittliche Wochenarbeitszeit aller Mindestlohn-Jobs nur 13,9 Stunden.

Doch selbst eine Vollzeitstelle garantiert nicht immer ein ausreichendes Einkommen. Für einen Alleinstehenden mag der Mindestlohn zum Leben reichen, sofern davon nicht zu viel Geld für die Miete draufgeht. Um eine Familie zu versorgen, ist es zu oft wenig.

Ein Problem besteht darin, dass die Tarifbindung in Deutschland gesunken ist. Nicht einmal für die Hälfte aller Arbeitnehmer*innen gilt ein Tarifvertrag. Zum Vergleich: Mitte der 1990er-Jahre hatte die Tarifbindung noch bei rund 90 Prozent gelegen.

Wer legt die Höhe des Mindestlohnes fest?

Eine Mindestlohnkommission schlägt alle zwei Jahre vor, wie der Mindestlohn angepasst werden sollte. In der Kommission sind Arbeitgeber und Gewerkschaften mit jeweils drei stimmberechtigten Mitgliedern vertreten. Hinzu kommen der oder die Vorsitzende und zwei beratende Mitglieder.

Die Kommission berücksichtigt verschiedene Faktoren wie Wettbewerbsbedingungen oder die Entwicklung der Tariflöhne. Seit 2025 soll auch der Referenzwert von 60 Prozent des Medianlohns aller Vollzeitbeschäftigten in die Bewertung einfließen. Die Kommission orientiert sich also ungefähr an der jeweils geltenden Niedriglohnschwelle.

Aktuell beträgt der Mindestlohn 13,90 Euro. Im kommenden Jahr wird er auf 14,60 Euro steigen.

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