82 Prozent in AfD-Hochburg: Wie ein SPD-Bürgermeister sein Amt verteidigt
Andreas Dittmann
Andreas Dittmann (Mitte) ist seit dem Jahr 2012 Bürgermeister der Stadt Zerbst in Sachsen-Anhalt.
Dass Andreas Dittmann seine dritte Wahl zum Bürgermeister von Zerbst derart überzeugend gewinnt, hätte er selbst nicht geglaubt. „Ich hätte mich schon über 70 Prozent gefreut wie Bolle“, sagt der 58-Jährige, der seit 2012 die Geschicke der Kleinstadt in Sachsen-Anhalt lenkt. Dass der SPD-Politiker am 13. April nun mit 82,2 Prozent wiedergewählt wurde, „das hätte ich im Leben nicht geglaubt“.
Wahlsieg gegen AfD: Welche Gründe der Bürgermeister sieht
Das Ergebnis überrascht umso mehr, da sein einziger Gegenkandidat von der AfD nur 17,8 Prozent der Stimmen erhielt – und das, obwohl die Rechtsaußenpartei bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr in Zerbst mit rund 40 Prozent bei den Erststimmen deutlich vorne lag. Die SPD kam hier nur auf 10,4 Prozent. „Das zeigt, dass offensichtlich viele, die bei der Bundestagswahl die AfD gewählt haben, bei der Bürgermeisterwahl lieber mir ihre Stimme gegeben haben“, sagt Andreas Dittmann.
Der Bürgermeister sieht dafür verschiedene Gründe. So sei die AfD-Fraktion im Stadtrat – bis dahin die stärkste – „an der Frage der Bürgermeisterwahl zerbrochen“. Vor allem aber sei er in seinem Amt „im Dauermodus“. „Ich gehe immer dahin, wo es brennt und investiere viel Zeit, viel Kraft und viel Engagement.“ In einer Gemeinde mit 23 Ortschaften und 56 Ortsteilen – mit einer Fläche von 468,4 Quadratkilometern ist Zerbst die fünftgrößte Gemeinde in Deutschland – ist Dittmann viel unterwegs, auch am Wochenende. „Wenn irgendwo schlechte Stimmung ist, fahre ich da selbst hin“, erzählt er. Nur so entstehe und wachse Vertrauen bei den Menschen.
Wie der SPD-Bürgermeister Zuspruch von politischen Gegnern bekam
„Die Leute haben gemerkt, ich lasse mich nicht umpusten, sondern stelle mich an die Spitze, auch wenn es unbequem wird“, sagt Andreas Dittmann. Als etwa im vergangenen Jahr die Schließung des Zerbster Krankenhauses drohte, rief der Bürgermeister sofort zu einer Kundgebung auf und setzte sich auf politischer Ebene für den Erhalt der Klinik ein.
Nur Wochen später gelang der Durchbruch: Zum März dieses Jahres übernahm der Landkreis Anhalt-Bitterfeld das Krankenhaus in Zerbst/Anhalt vom privaten Klinikbetreiber. „Das hätte natürlich auch schief gehen können“, gesteht Dittmann ein. „Aber in dem Moment, in dem die Rekommunalisierung feststand, hat das natürlich einen enormen Schub auch für meine Wiederwahl gegeben.“ In den Tagen und Wochen danach habe er viel Zuspruch auch von denjenigen bekommen, die politisch auf der anderen Seite stehen.
Was Andreas Dittmann bei der SPD vermisst
„Es tut mir weh, das zu sagen, aber ich bin gewählt worden, nicht weil, sondern obwohl ich in der SPD bin“, sagt Andreas Dittmann. Die Sozialdemokrat*innen hätten zu lange ihre „kommunalen Wurzeln vernachlässigt“, es gebe kaum Verbindungen zwischen der kommunalen, der Landes- und der Bundesebene. Dass die AfD in Umfragen für die Landtagswahl im September bei mehr als 40 Prozent steht, wundert Andreas Dittmann daher nicht. Traurig macht es ihn dennoch.
„Es sind heute wieder Dinge sprechbar, die vor Jahre nicht möglich waren“, hat der Bürgermeister beobachtet. Das treffe auch ihn und sein engstes Umfeld. Während der Corona-Zeit habe sein Privathaus von der Polizei geschützt werden müssen. Mehrfach sei seine Frau, die ebenfalls für die SPD im Stadtrat sitzt, beim Einkaufen angepöbelt und beleidigt worden. „Das ist mittlerweile eine Situation, die schon einige kommunale Amtsträger dazu veranlasst hat, zu sagen: Das tue ich mir nicht mehr an.“ Für die Demokratie sei das eine höchst gefährliche Entwicklung.
Wie die SPD in Sachsen-Anhalt und im Bund wieder Erfolge feiern kann
Sich selbst will Andreas Dittmann aber nicht zurücknehmen – im Gegenteil. Den deutlichen Wahlsieg gegen den AfD-Kandidaten sieht er als starken Rückenwind für die kommenden sieben Jahre als Zerbster Bürgermeister. „Ich werde weiter ein 24/7-Bürgermeister sein“, verspricht Dittmann und ist überzeugt, wenn es der SPD gelinge, „gute Leute an den Start zu bringen“, die „Verlässlichkeit, Kompetenz und Empathie“ ausstrahlten, könne sie auch in Sachsen-Anhalt und im Bund wieder Erfolge feiern.
Dirk Bleicker | vorwärts
ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts und auf Bluesky unter @kaid.bsky.social zu finden.