Buch von Matthias Brandt: Warum Willy Brandts Sohn Nein zur AfD sagt
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Schauspieler und Buchautor Matthias Brandt: Er hat sich nicht aufgedrängt.
Es ist ein tief beeindruckender Aufruf: Matthias Brandt, jüngster Sohn von Rut und Willy Brandt, beschreibt in einem Buch „Nein sagen“, warum er erstmals öffentlich politisch klar Stellung bezieht gegen die AfD und andere rechtsextreme Tendenzen. Der 64-Jährige, einer der bekanntesten Schauspieler in Deutschland, fürchtet, dass die Demokratie, „die auch ich für selbstverständlich hielt“, schnell „brüchig“ werden kann, wenn zu viele Menschen tatenlos wegschauen.
Ein Buch nach langem, innerem Kampf
Wie viele Themen in „Nein sagen“ stecken, verrät schon der Untertitel: „Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute.“ Beim Lesen ist man überwältigt, wie souverän, bescheiden und empathisch Brandt dieses Spektrum in dem schmalen Band vermittelt. Vor allem auch darüber, wie lange er mit sich kämpfte, seine persönlichen und politischen Gedanken öffentlich zu machen.
Er hat sich nicht aufgedrängt. Die Aufgabe wurde an ihn herangetragen, als ihn seine Nachbarin Elisabeth Ruge, Vorstandsmitglied der Stiftung 20. Juli 1944, einlud, 2025 zum 81. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Hitler in der Berliner Gedenkstätte Plötzensee zu reden. Das war nicht die Rolle des bewunderten und gefeierten Schauspielers. Brandt zauderte, weil er es als unangenehm empfindet, wenn „in der Öffentlichkeit bekannte Menschen diese Bekanntheit nutzen, um sich als moralische Instanzen aufzuspielen“. Schon früh hatte er sich entschieden, „mich zu politischen Fragen nicht öffentlich zu verbreiten“, weil er die Erwartung „abwegig“ fand, er müsse dort weitermachen, wo sein Vater aufgehört habe.
Nie habe er den Ehrgeiz gehabt, öffentlich in einem politischen Zusammenhang aufzutreten, er „habe diese Rolle immer gern anderen überlassen – denen, die dafür gewählt sind und die gelernt haben, sich in dieser Sphäre zu bewegen und die nicht zuletzt dafür auch die Nerven und die Begabung mitbringen“.
Eigene Familiengeschichte als Motivation
Dass er die Zweifel schließlich über Bord warf, sich diese Rede in Plötzensee erarbeitete, war auch das „Ringen“, um besser zu verstehen, „was damals in Nazi-Deutschland geschehen war, und was das für uns heute bedeutet“. Aber ihm sei immer klar gewesen, dass er darüber nur für sich, nicht für andere sprechen könne.
Es gab einen weiteren Grund: „Eine Art Unruhe. Denn sie traf, dem konnte ich nicht ausweichen, auch einen weiteren wichtigen Punkt, der mich seit einiger Zeit stärker beschäftigte als bisher; die Geschichte meiner Eltern. Besonders ihre Jahre im Exil, ihr Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Ihre Haltung, aber auch ihre Angreifbarkeit und Verletzbarkeit hierdurch. Die Erinnerungen scheinen, je älter man wird, desto öfter und heftiger aufzulodern, wie ein Feuer bei einem Luftzug.“
Und schließlich der letzte Ruck: „Meine Generation hatte das Glück, weitgehend in Frieden aufzuwachsen. Mir hatte das den Luxus verschafft, mich aus der Politik heraushalten zu können. Jetzt ist allerdings Vieles anders. Mein Eindruck ist, es bleibt nur die Wahl, sich entweder zurückzuziehen, in Resignation zu verfallen oder sich mit den eigenen bescheidenen Möglichkeiten dagegenzustellen, dass autoritäre Kräfte das zerstören, was nach Krieg und Naziherrschaft unter Mühen aufgebaut wurde. Sollte man damit scheitern, was gerade keineswegs ausgeschlossen scheint, hat man es jedenfalls versucht.“
Sprechen an einem Ort, der Stille verlangt
Matthias Brandt sagte also zu und stand doch zweifelnd am 20. Juli 2025 in der Gedenkstätte Plötzensee, wo Widerstandskämpfer*innen von Nazis am Strang erhängt wurden. „Wie kann und wie soll man an einem Ort wie diesem überhaupt sprechen?“ begann er seine Rede. „Wo doch alles hier nach Stille verlangt.“
Und er spürte, dass die Viertelstunde Redezeit, die ihm eingeräumt worden war, nicht reichen würde, um all das anzusprechen, was er bei seinem „privaten Heranrücken an eine Vergangenheit, die nicht vergangen ist und die stetig nachklingt“, erfahren habe.
Deshalb der Entschluss, den Text in einem knappen, aber eindringlichem Buch zu erweitern, noch deutlicher zu zeigen, was uns die Widerständler*inen des 20. Juli auf den Weg gegeben haben. Und sehr privat und eindringlich: Was er von seinen Eltern dazu gelernt hat. Das war vor allem die „Unängstlichkeit“, mit der sie den Nazis begegneten und Widerstand leisteten. Zu wissen, dass sie für die „Schande“ Nazideutschlands nicht mitverantwortlich waren, „das war und das ist das größte Lebensglück, das sie mir haben machen können“.
„Nein sagen“ zur AfD und ihren rechtsradikalen Parolen
Die Unerschrockenheit seines Vaters Willy hat Matthias Brandt bewundert. Wie sehr er als einer, der in Skandinavien gegen die Nazis anging, noch in der Bundesrepublik angefeindet wurde, habe er jeden Morgen auf dem Schulweg erlebt durch die Schmiererei auf einer Mauer: „Willy Brandt an die Wand“. Seine Mutter habe die Fähigkeit gehabt, „das Schwere leicht aussehen zu lassen, anstrengungslos“. Von ihr habe er gelernt, das „Widerstand nicht nur Kampf bedeutet, sondern auch die Fähigkeit, seine Hoffnung zu behalten“. Und Mutter Rut habe ihm beigebracht, „dass man sich entscheiden muss – und dass es dazu manchmal keine zweite Gelegenheit gibt“. Sie sagte: „Man muss nicht laut sein, um standhaft zu sein. Es reicht, wenn man weiß, wer man ist – und auf welcher Seite man steht.“
Matthias Brandts Standpunkt ist klar: „Nein Sagen“ zur AFD und ihren rechtsradikalen Parolen, „Nein Sagen“ zu all den Gröhlern, die die Demokratie überwinden wollen. „Nein Sagen“ und standhaft sein.
Gut, dass Mathias Brandt trotz anfänglichen Zögerns öffentlich so klar Stellung bezogen hat. Sein Buch ist ein Geschenk für alle, die Mut brauchen, um sich auf Widerstand gegen die Feind*innen der Demokratie einzulassen. Sein Buch ist die Aufforderung , „dass wir uns alle einmischen“ für die Demokratie.
Matthias Brandt: NEIN SAGEN, Kiepenheuer&Witsch 2026, 119 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-462-01627-7
arbeitete in den 1980er und 1990er Jahren frei für den „Vorwärts". Danach war er Parlamentskorrespondent, Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und des Verteidigungsministeriums.