Gründung vor 80 Jahren: „Es war klar: Aus der SED tritt man nicht aus“
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Choreografie bei einem Sportfest in Leipzig 1976: Man konnte natürlich ohne weiteres in der DDR leben, ohne in der SED zu sein.
Am 21. April 1946 schlossen sich in der Sowjetischen Besatzungszone, aus der später die DDR wurde, die KPD und die SPD zur Sozialistischen Einheitsparte, der SED, zusammen. Wie kam es zu diesem Schritt?
Schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren in der Sowjetischen Besatzungszone sowohl die SPD als auch die KPD als Parteien wieder zugelassen worden. Die KPD-Führung war zunächst auch dezidiert der Meinung, dass die KPD eigenständig bleiben sollte. Lokal bzw. regional gab es bereits Ideen, dass sich beide Parteien zusammenschließen sollten. Die wurden aber von der Besatzungsmacht, also der Sowjetunion, allesamt verboten, da es die Sorge gab, die Kontrolle über diese Gruppierungen zu verlieren.
Irgendwann merkte die KPD aber, dass die SPD drohte, sie in den Schatten zu stellen. Die KPD galt – sicher zurecht – als verlängerter Arm der Besatzungsmacht und die Menschen strömten eher zur SPD. Als dann bei der Wahl in Österreich im November 1945 die KPÖ nur 5,4 Prozent der Stimmen erhielt, die SPÖ aber 44,6 Prozent, begann in Moskau das Umdenken. Danach hieß, als Lehre aus der Machtübernahme der Nazis müssten sich die Arbeiterparteien nun die Hand reichen, statt sich zu bekämpfen.
„Theoretisch ist zwar kein SPD-Mitglied gezwungen worden, in die SED einzutreten, aber es wäre sehr gefährlich gewesen, dagegen aufzubegehren“
Das klingt ja an sich vernünftig. Trotzdem ist mit Blick auf die Gründung der SED von einer Zwangsvereinigung die Rede. Warum?
Weil die Vereinigung der beiden Parteien vor allem für die SPD nicht aus freien Stücken erfolgt ist. Theoretisch ist zwar kein SPD-Mitglied gezwungen worden, in die SED einzutreten, aber es wäre sehr gefährlich gewesen, dagegen aufzubegehren. Schon vor ihrer offiziellen Wiedergründung war die SPD ja auch in den drei Westzonen bereits sehr aktiv und insbesondere Kurt Schumacher hat sich hier mit deutlichen Worten gegen eine Vereinigung oder nur Zusammenarbeit mit den „rot lackierten Faschisten“, wie er die KPD genannt hat, ausgesprochen. Auch wenn es in der Sowjetischen Besatzungszone einige Sozialdemokraten gab, die Vorteile in einem Zusammengehen mit der KPD sahen, kann von Einvernehmen oder gar Freiwilligkeit bei der Vereinigung überhaupt keine Rede sein. Eine deutliche Mehrheit in der SPD lehnte sie ab.
Die SED war als Einheits- oder Staatspartei die entscheidende Instanz in der DDR. Wie hat sich das bemerkbar gemacht?
Alle Entscheidungen wurden in und von der Partei getroffen ganz im Sinne der späteren SED-Hymne „Die Partei hat immer recht“. Die SED war spätestens ab 1948 eine stalinistische Kaderpartei, wie die kommunistische Partei in der Sowjetunion. Es gab keine internen Diskussionen keine freie Meinungsäußerung, keine wirklichen demokratischen Abstimmungen. Stattdessen wurde von oben nach unten durchgestellt, wie der Hase läuft. Politischer Widerspruch wurde als Verrrat betrachtet. Das galt nicht nur innerhalb der SED, sondern auch außerhalb: Wer der Parteilinie widersprach, kam ins Gefängnis oder verschwand, zumindest in den Anfangsjahren, in der Sowjetunion.
„Wenn ein größerer Teil der Genossen widersprochen hätte, hätte die Parteiführung kaum etwas tun können“
Wie gingen die Menschen in der DDR damit um?
Die meisten arrangierten sich über die Zeit mit dem bestehenden System. Das heißt, ein großer Teil der Bevölkerung verhielt sich passiv und handelte nach dem Motto „Der Klügere gibt nach“. Und da das in den seltensten Fällen die SED war, wurde der Strom in den Westen immer größer, weshalb es 1961 ja auch zum Mauerbau kam. Andere blieben in der DDR, weil sie sich sagten, das hält sowieso nicht lange, was sich als Trugschluss erwies.
Die SED hatte in den 80er Jahren mehr als 2,3 Millionen Mitglieder, bei knapp 17 Millionen Einwohnern. Wieviel Mitsprache hatten sie?
Formal lief alles ganz nach dem Parteistatut. Alle Funktionäre wurden regelmäßig gewählt, in geheimer Abstimmung übrigens. Es gab aber niemals den Versuch, das Verfahren zu nutzen, um innerhalb der SED etwas zu verändern. Um nicht falsch verstanden zu werden: Es gab in den gut 40 Jahren, in denen die SED existierte, mehrere Versuche, die Partei zu erneuern, aber die gingen immer von der Sowjetunion aus. Die Parteiführung, erst um Walter Ulbricht und später um Erich Honecker, hatte trotzdem panische Angst, dass sich innerhalb der SED eine Plattform bildet, die eine kritische Meinung ihnen gegenüber einnimmt. Deshalb war alles innerhalb der Partei bis ins Letzte durchorganisiert. Allerdings war die Masse der SED-Mitglieder auch bereit, das so mitzutragen. Wenn ein größerer Teil der Genossen widersprochen hätte, hätte die Parteiführung kaum etwas tun können.
„Die Parteileitung war das Zentrum der Macht. Nach der Wende waren die meisten froh, das endlich los zu sein“
Die Ausstellung, die Sie gerade für die „Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur“ erstellt haben, befasst sich mit der SED im Alltag der Menschen in der DDR. Musste man in der Partei sein, um es zu etwas zu bringen?
Man konnte natürlich ohne weiteres in der DDR leben, ohne in der SED zu sein. Es gab in vielen Einrichtungen sogar ein Interesse, auch Mitarbeiter zu haben, die nicht in der Partei sind. So wurde bezüglich eines Parteieintritts nur selten Druck ausgeübt. Gerade gegenüber jüngeren Menschen gab es seitens der Parteileitung häufig den Ansatz, sie sollten erstmal geistig und charakterlich reifen, ehe sie in die SED eintreten. Probleme bekamen allerdings diejenigen, die einmal in der Partei gewesen und ausgeschlossen worden waren. Ein Austritt war nämlich nicht vorgesehen. Es war klar: Aus der SED tritt man nicht aus, sondern wird höchstens ausgeschlossen. Aber dann hatte man einen schwarzen Fleck in der Akte, der kaum zu tilgen war.
Heutzutage haben Parteien in Ostdeutschland deutlich weniger Mitglieder als in den Bundesländern der alten Bundesrepublik. Hat das mit den Erfahrungen zu tun, die die Menschen mit der SED gemacht haben?
Viele Menschen in der DDR haben nach 1989 gesagt: Nie wieder eine Partei. Es gab viele, die durch ihre Erfahrungen mit der SED parteigeschädigt waren. In der DDR waren ja Vorgesetzte, Abteilungs- oder Bereichsleiter, nahezu automatisch in der SED. Wer beruflich vorankommen wollte, trat deshalb in die Partei sein. Hier bekam man Informationen, hier wurden Personalfragen diskutiert und häufig auch entschieden. Die Parteileitung war das Zentrum der Macht. Nach der Wende waren die meisten froh, das endlich los zu sein und die Zeit der doppelten Meinung – der wirklichen und der öffentlich geäußerten – endlich abgestreift zu haben. Für viele war der Drang, gleich wieder in eine Partei einzutreten, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen, nur sehr gering. Häufig bedeutet das auch eine große Abneigung, sich überhaupt politisch zu engagieren oder an der demokratischen Willensbildung teilzunehmen.
Dirk Bleicker | vorwärts
ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts und auf Bluesky unter @kaid.bsky.social zu finden.