Warum die Krise der Sozialdemokratie lösbar und unlösbar zugleich ist
IMAGO/Hanno Bode
Die SPD ist in Umfragen weit abgeschlagen. Das hat Gründe, die jedoch schwer zu beheben sind.
Zehn Jahre ist es her, dass Sigmar Gabriel der SPD ein Blasenproblem attestierte. Die einst stolze Arbeiterpartei sei zu einer akademisierten Bubble geworden; ihre tradierten Wählermilieus blieben außen vor. Das sei Teil einer „kulturellen Spaltung“ im Land, die sich neben die materielle Spaltung geselle. Seitdem hat der ehemalige SPD-Chef bei zahlreichen Auftritten seine Kritik erneuert. Etwa wenn er, wie jüngst, feststellt, dass sich auf Parteitreffen früher Handwerker, Gewerkschafter und Betriebsleute tummelten – und dass sich diese Milieus heute zunehmend in der AfD wiederfänden. Das Problem wurde in den zehn Jahren nicht kleiner. Im Gegenteil: Der Anteil von etwa Arbeitern und Arbeitslosen unter AfD-Wählern nimmt immer größere Ausmaße an.
Nun mag man höhnen, dass Gabriel als Spitzensozi das Problem selbst nicht behoben hat. Seine Feststellungen macht das aber nicht falsch. Gewiss, man kann viel darüber streiten, was die (vielen) Gründe für die AfD-Erfolge und die Krise der SPD sind. Dass Wählerwanderungen von Rot zu Blau mit einer Milieuerosion zu tun haben, kann aber nicht bezweifelt werden. Es ist auch nicht so, als wäre diese kein Thema. Nach fast jeder Landtagswahl, mit der sich die Erosion fortschreibt, wird das medial aufgegriffen. Dennoch passiert nichts, was die Dynamik zu brechen zu scheint. Selbst SPD-Chefs, die das Problem als zentral erachten, finden offenbar kein Mittel dagegen. Und das hat seinen Grund: Das Problem ist nämlich selbstverstärkend.
Das Problem der SPD verstärkt sich selbst
Grundsätzlich ist das Problem nicht der SPD vorbehalten, sondern ein systemisches. Wenn von einer Repräsentationskrise der Demokratie und globalem Rechtsruck die Rede ist, lässt sich das von soziokulturellen Verwerfungen nicht trennen. Der Trend zu einem „Parlament der Akademiker“ ist schon länger bekannt und immer wieder Thema. Auch geraten – über linke Plattitüden zur Klassenförmigkeit des Systems hinaus – die konkreten Selektionsmechanismen zunehmend in den Blick.
So betonen „sozialrepublikanische“ Analysen der Repräsentationskrise, dass eine Unterrepräsentation der unteren Klassen in der Natur des Wahl- und Parteiensystems läge. Oder wie die Politikwissenschaftler Nicholas Carnes und Noam Lupu neuerdings sagen: „Die Demokratie [selbst] unterläuft die Repräsentation der Arbeiterklasse.“ Aus dieser Sicht vertragen sich die Anforderungen für politisches Engagement nicht mit der materiellen Realität vieler Menschen. Es wirkt demnach – auf verschiedenen Ebenen der Politik – ein Set von sozialen Filtern, das die Reproduktion einer Art politischen Klasse prägt.
Die Repräsentationskrise materialisiert sich vor allem über die Parteien
In eine Repräsentationskrise übersetzt sich das, weil daraus „kognitive Asymmetrien“ folgen, wie es der Demokratietheoretiker Veith Selk nennt. Das heißt, die Repräsentanten schauen durch eine spezifische Wissensordnung auf die Welt, rationalisieren Probleme anders als die Ottonormalbürgern – und sind entsprechend wenig responsiv für dessen Anliegen. Das ist allerdings nicht nur Resultat einer berufspolitischen Entfremdung, sondern trägt – wegen jener sozialen Filter – auch Klassencharakter: Bestimmte Milieus dominieren eben die Berufspolitik.
Das Parteiwesen wirkt dabei als zentrales Stellwerk. Denn dort werden alle politischen Karrieren in Bahnen gebracht; hier findet im Wesentlichen die soziale Selektion statt. Dass sich Parteiarbeit vor allem „abkömmliche“ Bürger leisten können, sollten wir spätestens seit Max Weber wissen. Und dass dabei Bildungshintergrund bzw. kulturelles Kapital eine Rolle spielen, spätestens seit Pierre Bordieu. Die Repräsentationskrise materialisiert sich insofern vor allem über die Parteien, die als Zubringer der Parlamente deren Personal strukturieren.
Eine tektonische Verschiebung in der Wählerstruktur
Dass mit dem Wandel zur Wissensgesellschaft das Bildungsbürgertum stärker in die politische Repräsentation drängte, ist also logisch. Dabei folgt die Akademisierung der Parlamente einer Akademisierung der Parteien. Auch die SPD vollzog sie. Mit großen Folgen. Denn länger bot die Partei eine bodenständigere Sozialstruktur. Als sie stärker ins Bildungsbürgerliche kippte, kam es auch zu einer stärkeren Schieflage im Gesamtsystem: Milieus, die vor allem über die Sozialdemokratie parlamentarisch repräsentiert waren, wurden so entkoppelt.
Im Grunde ist das eine tektonische Verschiebung in der Wählerstruktur: Was sich im Überbau als politischer Rechtsruck zeigt, basiert im Wesentlichen auf einem Auseinanderdriften der kulturellen Platten. Die AfD-Erfolge muss man auch vor diesem Hintergrund sehen: als seismischer Ausschlag tieferliegender, soziokultureller Verwerfungen. Dass das repräsentative Personal der AfD sich viel stärker aus „einfachen“ Berufen speist als das der etablierten Parteien, die sich allesamt in ihrer akademisierten Sozialstruktur stark ähneln, ist dafür ein klarer Indikator.
Kulturelle Repräsentationslücke und politischer Rechtsruck
Es gibt nicht nur eine starke Überlappung zwischen Politik und Bildungsbürgertum, sondern auch zwischen seinen Repräsentanten und „linker“ Gesellschaftspolitik. Vor allem bei kulturellen Themen weichen sie von den einfachen Menschen ab. Die ticken da eher „konservativ“. Dass diese „kulturelle Repräsentationslücke“ vor allem bei den Mitte-links-Parteien stark ist, wirkt neuralgisch: Denn SPD und Linkspartei (im Osten) banden jene Wähler lange; nun wurden sie freigesetzt. Für Rechtsaußen ein historischer Glücksfall, den man zu nutzen weiß. Da ist man sich längst bewusst: „Politics is downstream from culture“ („Die Politik ist der Kultur nachgeordnet“) so eine Alt-Right-Doktrin.
Ob politische Inhalte resonanzfähig sind, ist tatsächlich durch kulturelle Anschlussfähigkeit bedingt. Und da sich diese aus der Sozialstruktur einer Partei ergibt, gleicht die Lösung der SPD-Krise einem Catch 22: einer paradoxen Zwickmühle also. Denn um bei den einfachen Menschen anschlussfähig zu sein, braucht es Personal, das kognitiv symmetrisch mit ihnen ist – also eine andere soziale Zusammensetzung. Die bekommt man aber nicht ohne kulturelle Anschlussfähigkeit in jenen Milieus.
Der Knackpunkt der gesellschaftspolitischen Wende
SPD-Renegat Nils Heisterhagen argumentierte einst, die Partei müsse sozioökonomisch nach links und in kulturellen Fragen nach rechts ziehen. Mit der Polarisierungsforschung lässt sich das heute gut begründen, auch wenn man infrage stellen kann, ob die gemeinte Abkehr von (neo-)linker Identitätspolitik gleich als „rechts“ zu fassen ist. Entscheidend ist die Gleichzeitigkeit der Züge. Bloß ein sozioökonomischer Linksschwenk, wie ihn Rufe nach einer „antifaschistischen Wirtschaftspolitik“ imaginieren, dürfte ohne kulturelle Symmetrie kontraproduktiv sein: Er würde als Plan eines weltfremden Milieus empfunden werden. Eine gesellschaftspolitische Wende ist also Voraussetzung dafür, dass Hopfen und Malz nicht verloren sind. Und sie müsste eher gestern als heute erfolgen.
Dass es sie nicht gibt, hat Gründe. Zum Beispiel bilden Organisationen oft ein System, das sich selbst stabilisiert: „Pfadabhängigkeiten“ genannt. Mitunter bringen sie, auf Basis ihrer Sozialstruktur, bestimmte Wissensordnungen hervor. Und die bedingen, welches Wissen als valide gilt. Alternative Sichtweisen, vor allem bei kultureller Abweichung, sind daher nicht resonanzfähig; es werden nur Lösungen erwogen, die der gewohnten Denke entsprechen. Auflösen lässt sich so eine „epistemische Krise“ eigentlich nur mit einer Organisationsreform: durch alternative Formen der Führungsauswahl, die eine andere Repräsentation sozialer Gruppen ermöglichen. Anders gesagt: Die jetzigen Entscheider müssten erkennen, warum sie vieles nicht erkennen. Ein weiterer Catch 22.
ist Sozialwissenschaftler im Bereich der Radikalisierungs- und Polarisierungsforschung und arbeitet auch zu Geschichte und Gegenwart der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung. Zusammen mit Maik Fielitz schrieb er „Digitaler Faschismus. Die sozialen Medien als Motor des Rechtsextremismus“ (Dudenverlag, 2020) und mit Felix Zimmermann „Zurück nach vorn. Ein sozialrepublikanisches Panorama“ (Alibri, 2025).
.. das ist in der Tat die Frage bezüglich Erfolg oder Untergang der SPD. Die "richtig linken Genossen und Genossinnen" (Marxisten) sind bereits zur Partei "Die Linke" abgewandert. Diejenigen Stammwähler, die frustriert von der "Bürgergeld- und Migranten-Kuschler-SPD" waren, finden sich - warum auch immer - bei der AfD besser aufgehoben und die erfolgreichen Aufsteiger dank der alten SPD-Ideale einer durchlässigen sozial-liberalen Gesellschaft sowie deren Kinder sehen die verbliebenen ( 5-10 Prozent) marxistischen Klassenkämpfer als anachronistisch und altersstarrsinnige Aufstiegsverlierer und vor allem -Hinderer an. Sie wollen wieder eine SPD a la W. Brandt, H. Schmidt, F. Müntefering und auch G. Schröder, keinen Klassenkampf und als Erben keine Erhöhung der bestehenden Erbschaftssteuer-Enteignung ihres Erbes, keine Vermögensenteignung ihres Aufstiegs per "Vermögenssteuer-Transfer" und keine Ausweitung des bereits ausgeuferten Sozialsektors. Sie wollen Freiheit für sozialen Aufstieg.
Herr Kolb, Sie sollten zur Bundes - FDP anno Juli 2026 gehen.
Willy Brandt und Helmut Schmidt sind ganz sicher nicht ihrer Meinung.
Enteignung des Erbes / Vermögensenteignung / ausufernder Sozialstaat.
Das krasse Gegenteil ist der Fall - siehe z.B. hier:
https://www.netzwerk-steuergerechtigkeit.de/jahrbuch/
https://www.kab-trier.de/aktuelles/uebersicht/detailansicht/article/auf…
https://www.kab-trier.de/fileadmin/user_upload/kab-trier_de/Texte/2026/…
Man mag es ja weiterhin anders sehen wollen, die Zahlen sprechen jedoch für sich. Wenn morgen Bundestagswahl wäre, so sähe die Zweitstimmenverteilung laut Institut für Demoskopie Allensbach wie folgt aus: 28% AfD, 24 % CDU, 13% Grüne 12,5 Prozent SPD, 10% Linke und 5,5 % FDP. Dies hat Gründe nicht zuletzt in der Sach-, der Finanz und Gesellschafts- und Sozialpolitikpolitik der letzten Jahre. Die SPD hat ihren Teil dazu beigetragen. Wer davon hinsichtlich der Wählerwanderungen profitierte und zu den Gründen hatte ich - soweit dies im Rahmen eines Kommentars möglich ist - bereits Stellung bezogen. Ein trotziges "jetzt erst recht und weiter auf dem bisherigen Linkspfad" - die Sozial- und Migrationspolitik ("Niemand wandert in unsere Sozialsysteme ein") ausdrücklich eingeschlossen - wird diese Entwicklung noch weiter verstärken. Auch die Forderung nach einem AfD-Verbot wird daran nichts ändern. Da hilft auch kein "Netzwerk Steuergerechtigkeit" und keine - sicher gut gemeinte - KAB-Aktion.
Herr Kolb, wenn Sie hier einen "bisherigen Linkspfad" der SPD sehen, leben Sie objektiv in einem anderen pseudo sozialdemokratischen Kosmos.
Nochmals: Ihre Thesen zu Steuer- und Sozialpolitik in Deutschland sind völlig unzutreffend.
Siehe auch hier:
https://www.kab-trier.de/fileadmin/user_upload/kab-trier_de/Texte/2026/…
Herr Kolb, vielleicht schauen Sie sich auch mal an, was z.B. der Erhard-Eppler-Kreis zu sagen hat. Oder ist auch das für Sie schon viel zu viel "Linkspfad" ?
Mir fehlen nur die ökonimschen Bedingungen, die den Niedergang der SPD befeuert haben. denn neben den kulturellen Aspekten hat in der SPD ein jahrzehntelanger Prozess hin zur Anschlussfähigkeit neoliberaler Politik stattgefunden. Verdeutlicht z.B. durch den Aufstieg der Seeheimer. Wo jetzt die Ursache und wo die Wirkung liegt, scheint mir nicht einfach zu beantworten zu sein. Vermutlich geht die kulturelle Veränderung Hand in Hand mit der materiellen Veränderung.
Der letzte Absatz ist noch gnädig formuliert. Die Parteielite müsste sich nicht nur selbst infrage stellen, sie müsste die Mechanismen ihrer Reproduktion aktiv ändern. Mit dem Ergebnis, dass sich Mehrheiten und Politik der SPD ändern. Die SPD-Spitze traut sich nicht einmal vor der Bundestagswahl offen dazu zu stehen, dass sie mittelfristig Rüstungsausgaben höher gewichtet als Sozialausgaben. Woher soll die Fähigkeit zur Kursänderung denn kommen?
„Theoretisch ist das Problem lösbar. Praktisch steht sich die Partei aber selbst im Weg.“ Anders formuliert, als „einfacher Mensch“ sozusagen: Solange der „Stratege des Jahres“ 2022 (14.10.2022) Sätze von sich gibt wie „mit der schwarzen Null können wir uns nicht gegen Putin verteidigen“´ (6.7.26) und damit alles glaubt gesagt zu haben, was in dem Zusammenhang zu sagen wäre, wird sich die „Krise der Sozialdemokratie“ auch nicht abschwächen.
"Praktisch steht sich die Partei aber selbst im Weg" schreibt Rudolf Isfort, leider ist es so. Wie sagte Kurt TucholskI bereits: "Die Sozialdemokraten glauben, sie sind an der Macht, aber sie sind nur in der Regierung. "
Und die Punkte, die sie als Minderheit in der Regierung erreicht haben, werden leider z.T. Verschwiegen, z.T. von den Medien schlecht gemacht.
Als negativ empfinde ich vor allem, dass die kleinste Regierungspartei mit Söder und Dobrindt sich stärker durchsetzen als die SPD.
Dieser Beitrag liest sich wie ein eindimensionaler Kommentar zum Buch "Spaltungslinien" von Philip Manow. Nur das in diesem Beitrag hier eine arbeiterfeindliche und klassistischere Sprache gewählt wird und zugleich anscheindend ein starkes Bedürfnis bestand eine ablehende Haltung gegenüber linker Identitätspolitik zum Ausdruck zu bringen.
Will sagen: Mit einer ein- bis zweidimensionalen Analyse hinsichtlich Ökonomie und Kultur ist die heutige Gesellschaft nicht mehr zu fassen.
Man kann nur hoffen und Wünschen, dass sich Stefanie Hubig, die fleißigste und beste in der Frauenriege der Bundesregierung, sowie Lars Klingbeil mit ihren Vorschlägen gegen die Steuerhinterziehungen auch gegen die Kapitalmacht von Merz, Reiche & Co. in der Bundesregierung auch durchsetzen. Dies würde der SPD auch zu Stimmengewinnen verhelfen.
Auch wäre es zu begrüßen, wenn sich Stefanie Hubig gegen die jüngst bekannt gewordenen Finanzskandale der Krankenkassen engagieren würde. Es kann nicht sein, dass die Versicherungsbeiträge stets angehoben, die Anteile ständig steigen und andererseits solche Skandale mit Millionenverlusten möglich sind. Was tut die Gesundheitsministerin dagegen? Hinzu kommt der neuste Skandal (nach vielen anderen) um Spahn.