Soziale Medien: „Ein pauschales Verbot ist nicht die richtige Antwort“
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Der Kinderschutzbund sieht ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jungendliche kritisch. Er will bei den Anbietern ansetzen.
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina warnt, dass Soziale Medien die psychische Gesundheit und die Entwicklungschancen von Kindern und Jugendlichen erheblich beeinträchtigen können. Wie groß schätzt der Kinderschutzbund diese Gefahren ein?
Dass Social Media Gefahren mit sich bringt, ist überhaupt nicht zu negieren. Dabei geht es auch nicht nur um Fragen der psychischen Gesundheit, sondern auch um Themen wie Cybermobbing und Cybergrooming, die sehr stark verknüpft sind mit digitalen Medien.
Viele Debatten, die wir bereits seit Jahrzehnten führen – etwa zur Frage von Körperbild und Essstörungen stellen sich durch die Sozialen Medien wieder neu. Gleichzeitig sind sie nicht der einzige Punkt, den wir uns ansehen müssen, wenn es um den Schutz von Kindern und Jugendlichen geht. Leistungsdruck, Einsamkeit und Mobbing sind zentralen Themen, wenn es um die mentale Gesundheit Heranwachsender geht. Um sie müssen wir uns auch jenseits der Sozialen Medien kümmern.
„Kinder und Jugendliche wachsen in einer krisenbehafteten Zeit auf“
Von vielen wird die Corona-Pandemie als tiefer Einschnitt genannt, wenn es um die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen geht. Teilen Sie diese Einschätzung?
Corona hat sicher einen relevanten Einfluss auf die psychische Gesundheit von jungen Menschen gehabt. Aber gleichzeitig haben wir da auch das erste Mal so richtig hingeschaut und gemerkt, dass es jungen Menschen nicht gut geht. Kinder und Jugendliche wachsen in einer krisenbehafteten Zeit auf. Die Klimakatastrophe, die schwierige wirtschaftliche Lage und die Kriege in der Ukraine und Nahost gehen nicht spurlos an ihnen vorbei.
Hat sich das Bewusstsein für die Belange von Kindern und Jugendlichen in der Gesellschaft aus Ihrer Sicht dadurch verändert?
Mein Eindruck ist schon, dass wir in der Gesellschaft mittlerweile ein höheres Bewusstsein für die psychischen Belange von Kindern und Jugendlichen haben, gerade was die Frage von Körperbildern und Mobbing angeht. Auch Eltern, Erzieher und Lehrerinnen nehmen wahr, dass da ein hohes Risikopotenzial drinsteckt. Das ist auch der Grund dafür, dass wir nun verstärkt über die Gefahren sprechen, die etwa von Sozialen Medien ausgehen.
„Das Vernünftigste wäre, das Internet so zu gestalten, dass Kinder und Jugendliche sich dort ungefährdet aufhalten können, statt sie auszusperren“
Zugenommen haben definitiv die Möglichkeiten, die sich im Internet bieten, nicht zuletzt durch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz. Können Kinder und Jugendliche da noch zwischen Fake und Wirklichkeit unterscheiden?
Mein Eindruck ist, Kinder deutlich besser mit dieser Entwicklung zurechtkommen als wir Erwachsene es ihnen zutrauen. Damit will ich nicht sagen, dass junge Menschen im Netz keinen Gefahren ausgesetzt sind. Das sind sie definitiv. Aber ich habe das Gefühl, dass eher ältere Menschen, die nicht so stark mit dem Internet aufgewachsen sind, Schwierigkeiten haben, Fake-Inhalte von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Insofern hat da jede Generation ihre eigenen Risiken, mit denen sie umgehen muss.
Trotzdem wird seit einigen Wochen in Deutschland über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche diskutiert. Sowohl SPD als auch CDU haben Vorschläge vorgelegt. Wie bewerten Sie die?
Die Probleme, über die wir bereits gesprochen haben, sind da, keine Frage. Als Kinderschutzbund glauben wir aber nicht, dass ein pauschales Verbot Sozialer Medien die richtige Antwort ist. Aus unserer Sicht wird damit die Verantwortung vollständig auf die Kinder und Jugendlichen abgewälzt. Die Plattformanbieter dagegen werden überhaupt nicht in die Pflicht genommen, obwohl es ja letztlich ihre Inhalte sind, die die Probleme verursachen.
Das Vernünftigste wäre deshalb aus unserer Sicht, das Internet an dieser Stelle so zu gestalten, dass Kinder und Jugendliche sich dort ungefährdet aufhalten können, statt sie auszusperren. Ein Verbot ist nur scheinbar eine einfache Lösung für ein komplexes Problem.
„Zunächst mal sind die Eltern in der Verantwortung, hinzuschauen, was ihre Kinder im Netz machen.“
Welche Rolle spielen Soziale Medien eigentlich für Kinder und Jugendliche?
Dafür müssen wir zuerst die Frage beantworten, was mit Sozialen Medien genau gemeint ist. Auch diese fehlende Definition ist ein Problem in der Debatte über ein Social-Media-Verbot.
Wenn der Zugang zu WhatsApp verboten wird, wiegt das für viele Kinder und Jugendliche deutlicher schwerer als wenn es um Instagram geht. Youtube hat einen ganz anderen Stellenwert als Facebook, das Jugendliche eigentlich gar nicht mehr nutzen. Auch X spielt eigentlich keine Rolle. Wenn man es pauschal beantworten will, stehen bei der Nutzung sozialer Netzwerke für Jugendliche in erster Linie der Austausch und die Kommunikation im Mittelpunkt.
Wenn ein Social-Media-Verbot nicht die Lösung ist: Wie lassen sich Kinder und Jugendliche dann vor gefährlichen Inhalten im Internet schützen?
Die eine Stellschraube gibt es nicht, sondern eine Vielzahl von Maßnahmen. Zunächst mal sind die Eltern in der Verantwortung, hinzuschauen, was ihre Kinder im Netz machen. Eltern wissen meistens, dass ihre Kinder auf TikTok aktiv sind. Und das nötige Smartphone haben in der Regel auch die Eltern ihnen geschenkt. Der Eintritt in die digitale Welt bedeutet für Eltern, Pädagogen und Fachkräfte ein weiteres Erziehungsfeld. Ich weiß selbst aus eigener Erfahrung wie anstrengend die Diskussionen um Bildschirmzeiten und geeignete Inhalte sind.
Ich verstehe auch, dass man das gern durch Verbote auslagern möchte. Aber, wenn wir unsere Kinder zu kritischen, mündigen und autonomen Menschen erziehen wollen, kommen wir nicht drumherum, in diese Aushandlungsprozesse zu gehen. Zur Unterstützung bieten der Kinderschutzbund und andere Akteure auch Elternabende und Informationsmaterial an. Und in vielen Schulen gibt es auch Medienpädagogen, die sich gut auskennen.
„Eine Regulierung des Systems und eine gute Medienpädagogik können gut Hand in Hand gehen“
Sie würde die Dinge also eher auf er persönlichen Ebene regeln, nicht auf der politischen?
Wir brauchen auf jeden Fall politische Regulierung. Das ist kein Widerspruch. Mit dem Digital Services Act haben wir ja bereits eine Gesetzgebung auf europäischer Ebene. In Artikel 28 verpflichtet er die Anbieter, den Schutz von Minderjährigen zu gewährleisten.
Wenn die Politik jetzt feststellt, dass das nicht der Fall ist, brauchen wir aber keine neuen Gesetze wie ein Social-Media-Verbot, sondern eine Durchsetzung der bestehenden Regeln. Damit negieren wir nicht die Risiken sozialer Medien, sondern wir glauben, dass der Ansatzpunkt bei den Konzernen der bessere wäre. Eine Regulierung des Systems und eine gute Medienpädagogik können da gut Hand in Hand gehen.
Dirk Bleicker | vorwärts
ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts und auf Bluesky unter @kaid.bsky.social zu finden.
von der rechten Spur abkommen und uns gewogen bleiben. Dazu bedarf es eines Verbots der Nutzung sozialer Medien mindest bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres. Das mag mit Schwierigkeiten verbunden sein, die aber nicht schrecken dürfen, denn wenn wir nichts unternehmen, sind die jungen Leute als Wähler vom morgen für unsere Linie verloren. Wir sehen doch heute schon den weit überproportionalen Zuspruch der AfD gerade bei den jungen Leuten. Dem muss Einhalt geboten werden, mit allen Mitteln. Die jungen Leute müssen zum ÖRR zurückgeführt werden, damit wir sie politisch demokratisch schulen und auf Linie bringen können