Geschichte

Erleben wir eine Rückkehr der Weimarer Verhältnisse?

30. January 2026 11:58:00
Unzufriedene Bürger*innen, eine erstarkende rechtsextreme Partei: Bei vielen werden da Erinnerungen an die Zeit der Weimarer Republik wach. Ein Blick zurück zeigt jedoch, dass es nicht ganz so einfach ist.
Schwarz-Weiß-Aufnahme des Plenarsaals des Reichstags in den 30er Jahren

Sitzung des Reichstags in den 30er Jahren: Jedes Mal fast sechs Ordnungsrufe

Seit einiger Zeit geht die Sorge um, die Bundesrepublik könnte eine Rückkehr der „Weimarer Verhältnisse“ erleben. Die Erfolge der rechtsradikalen AfD, der Niedergang der Volksparteien CDU/CSU und SPD, die Aufsplitterung des Parteiensystems und die damit verbundenen Schwierigkeiten bei der Regierungsbildung scheinen eine Parallele zur Zeit zwischen 1918 und 1933 nahezulegen. Als Anzeichen wird dafür auch ein zunehmender Verfall der parlamentarischen Sitten gesehen, der in einer erschreckenden Zunahme der Ordnungsrufe zum Ausdruck kommt. Durchweht also ein Hauch von Weimar den Plenarsaal des Bundestags?

Viele Ordnungsrufe sind noch kein Zeichen für eine Verrohung

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, sich mit der parlamentarischen Kultur der Weimarer Republik zu beschäftigen. Auf den ersten Blick mag die hohe Zahl von 135 Ordnungsrufen, die in der Wahlperiode zwischen 2021 und 2025 im Bundestag erteilt werden mussten (das entspricht 0,6 Ordnungsrufen pro Sitzung), an Weimar erinnern. Die meisten Ordnungsrufe entfielen dabei auf die AfD. Doch diese Zahl relativiert sich, wenn man bedenkt, dass zwischen 1920 und 1933 durchschnittlich 1,6 Ordnungsrufe pro Sitzung verhängt wurden. Der Höhepunkt wurde in der Wahlperiode von 1930 bis 1932 erreicht, als in 64 Sitzungen insgesamt 378 Ordnungsrufe erteilt wurden, mit anderen Worten: In jeder Sitzung gab es fast sechs Ordnungsrufe.

Doch Ordnungsrufe allein sind noch kein Indiz für die Verrohung des parlamentarischen Stils. Sie können auch Ausdruck einer besonders lebhaften, hitzigen Debatte sein. So war der Abgeordnete, der in der alten Bundesrepublik die meisten Ordnungsrufe erhielt, ein lupenreiner Demokrat: der langjährige SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner, der während seiner Zeit im Bundestag von 1949 bis 1983 insgesamt 58 Ordnungsrufe kassierte.

Unerträglicher Ton im Reichstag

Der Verfall des parlamentarischen Stils lässt sich in Weimar auch anhand weiterer Kriterien festmachen. So verhängte das Reichstagspräsidium in den 14 Jahren der Weimarer Republik 117 Sitzungsausschlüsse wegen gröblicher Verletzung der Ordnung. Dagegen war dies in der vergangenen Wahlperiode in keinem und im Bundestag von 1949 bis 1990 lediglich in 23 Fällen erforderlich, von denen allein 17 auf den ersten Deutschen Bundestag mit KPD und Rechtsradikalen entfielen.

In Weimar mussten darüber hinaus zehn Störer*innen, die den Anordnungen des Parlamentspräsidiums keine Folge leisteten, von der Polizei aus dem Plenarsaal entfernt werden. Im Bundestag ist der Einsatz von Polizeimaßnahmen in diesem Ausmaß bislang nicht erforderlich gewesen.

Die Verhältnisse im Weimarer Reichstag unterschieden sich letztlich deutlich von denen des Bundestages. Der Ton im Parlament war rauer, geradezu unerträglich. So wurden die politischen Gegner als „Juden“, „November-Verbrecher“, „Moskausöldlinge“, als „Gesinnungslumpen“, „Halunke“, „Lügner“, „Schieber“ oder „Verräter“ beschimpft. Redner*innen wurden niedergeschrien, Trillerpfeifen kamen zum Einsatz, Lieder während der Sitzung angestimmt, Schreibutensilien und Ähnliches als Wurfgeschosse benutzt und politische Gegner*innen angerempelt oder niedergeschlagen. Wiederholt kamen gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Abgeordneten vor. Selbst eine Handgranate, die zusammen mit einem Plakat auf dem Tisch des Hauses vor dem Präsidenten platziert wurde, ist dokumentiert.

Sand im Getriebe des parlamentarischen Ablaufs

Als problematisch erwies sich auch, dass die radikalen Flügelparteien die parlamentarischen Verfahrensweisen fortwährend infrage stellten. Ein Mittel war hierbei die Einbringung von Misstrauensanträgen, deren Zahl sich zwischen 1930 und 1933 auf 73 addierte (bei insgesamt 169 Anträgen seit 1920), ebenso wie Vertrauensanträge, denen die Antragsteller*innen selbst nicht zustimmten, mit denen aber die Regierungsparteien unter Druck gesetzt wurden.

Dazu gehörten auch nicht finanzierbare Anträge zum Haushalt, die rein agitatorischen Charakter hatten, sowie das Aufwerfen von Geschäftsordnungsfragen, mit denen die Beschlussfähigkeit angezweifelt, der Aufnahme eines Antrags in die Tagesordnung widersprochen oder eine namentliche Abstimmung beantragt wurde. Diese Maßnahmen sollten den geregelten Ablauf der Plenarsitzungen verhindern, Beratungen verzögern und damit insgesamt das parlamentarische System diskreditieren.

Dieser missbräuchlichen Handhabung der parlamentarischen Mittel versuchte man zwar durch Geschäftsordnungsänderungen zu begegnen, doch wurde man dem Treiben der Extremisten nicht wirklich Heer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde deshalb die Frage aufgeworfen, ob man im Weimarer Reichstag gegen Störer*innen nicht entschiedener hätte vorgehen sollen. Doch für einschneidendere Maßnahmen, wie die Aberkennung des Mandats für Wiederholungstäter*innen, hätte es entsprechender parlamentarischer Mehrheiten bedurft, und die gab es, zumal nach 1930, nicht mehr.

Insofern blieb dem langjährigen Reichstagspräsidenten und Sozialdemokraten Paul Löbe nichts anderes übrig, als mit Geduld und dem ständigen Appell an die Vernunft der Abgeordneten auf die zunehmende Verrohung zu reagieren. 

Eine Lehre aus Weimar

Auch wenn heute im Bundestag nicht von einer Verwahrlosung des parlamentarischen Stils in einem Ausmaß, wie er für den Weimarer Reichstag vor allem der frühen dreißiger Jahre charakteristisch war, gesprochen werden kann, und unser Verfassungssystem sich einer hohen Akzeptanz in der Bevölkerung erfreut, wäre es doch fehl am Platz, sich zurückzulehnen. Anti-Systemparteien, und dies zeigen die genannten Beispiele deutlich, wollen stets provozieren, sie wollen die Grenzen des Sag- und Machbaren austesten und verschieben. Ihr Ziel ist und bleibt die Diskreditierung und Beseitigung des parlamentarischen Systems. Auch das ist eine Lehre aus Weimar.

Zum Weiterlesen

Volker Stalmann: Paul Löbe 1875–1967. Sozialdemokrat, Journalist, Reichstagspräsident und Bundestagsabgeordneter, Metropol-Verlag, Berlin 2025, ISBN 978-3-86331-828-4, 470 Seiten, 29 Euro

Autor*in
Volker Stalmann

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien (KGParl) in Berlin. Er veröffentlichte bereits mehrere Biographien über sozialdemokratische Politiker der Weimarer Republik

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Gespeichert von Peter Boettel (nicht überprüft) am Fr., 30.01.2026 - 16:00

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Es gibt eine Reihe von Parallelen. So hat Reichskanzler Brüning mit seinen Kürzungen im sozialen Bereich wesentlich zum Erstarken der NSDAP beigetragen, und wenn heute Merz, Reiche u.a. im Sozialbereich kürzen, stärken sie die AfD, obwohl diese das Gleiche will.
Und in der Weimarer Zeit haben die Ruhrbarone und andere Wohlhabende die Nazis ebenso unterstützt wie heute die AfD horrende Spenden von Firmen erhält. Auch tragen die Forderungen der Wirtschaftsverbände der Union ebenso wie die der "Familienunternehmen" nach Kürzungen im Sozialbereich erheblich zu Stimmengewinnen der Rechten bei.
Andererseits verlangen diese Firmen vermehrt Steuernachlässe, obwohl sie horrende Gewinne machen und, wenn sie massive Spenden an die Unionsparteien, an die AfD und die FDP zahlen können, sollten sie auch ihrer Steuerpflicht nachkommen, da sie schließlich am meisten von den Steuereinnahmen des Staates profitieren (z.B. Straßen, Luft- und Bahnverkehr, Bildung, Sicherheit, Subvention u.v.a.m.)

müssen. zentral ist die Bedeutung der Medien, damals unter der - wie wir heute wissen- nehzug (wenn auch verdeckt durch Aktienbesitz) staatseigenen Nachrichtenagentur (hier grob zusammengefasst nachzulesen; https://de.wikipedia.org/wiki/Wolffs_Telegraphisches_Bureau) , die sowohl bestimmte, was in die Zeitungen gelangte (und was nicht) und wie berichtet wurde. Gab es eine Wirtshausauseinandersetzung (Mord von rechts) oder gab es einen politischen Hintergrund (Mord von links) . Staatsferne Medien waren nach 1945 sehr wichtig. Man hat vielerorts Zweifel, das die Medien heute noch staatsfern sind- ich teile die bedenken nicht, aber wissen muss man schon um diesen Faktor. Um so wichtiger ist es daher, dass wir Sozialdemokraten in den Rundfunkräten weiterhin präsent sind

Gespeichert von max freitag (nicht überprüft) am Mo., 02.02.2026 - 13:49

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Wesentliche_ haben wir die erneute Zersplitterung der Linken. Dann haben wir eine unzureichende Pluralität in den Medien , heute versinnbildlicht durch den ÖRR- und die daraus sich ableitende Frustration gerade der seinerzeit ausgeschlossenen und permanent verunglimpften KPD, die sich dann folgerichtig einer zunehmenden Stärke erfreuten, bei zumindest fragwürdiger Zustimmung zum Staatswesen. Die KPD hatte, um es auf den Punkt zu bringen, wie die NSDAP, kein Interesse an der Aufrechterhaltung des politischen Systems. Die SPD wiederum hat sich der KPD gegenüber völlig verschlossen, und damit einen Teil der Verantwortung aus sich geladen, für das Scheitern des Systems

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