Meinung

Warum der Klimaschutz starke Unternehmen braucht

20. März 2026 09:15:53
Klimaschutz und starke Unternehmen sind kein Gegensatz, im Gegenteil. Klimaschutz kann nur gelingen, wenn Unternehmen auch wirtschaftlich dazu in der Lage sind. Gleichzeitig ist die Transformation Voraussetzung für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit und sichere Arbeitsplätze.
Blick auf eine Industrieanlage mit rauchenden Schloten im Sonnenaufgang, im Vordergrund der Rhein

Klimaschutz und industrielle Stärke: Im Thyssen-Krupp-Werk Bruckhausen in Duisburg soll künftig standardmäßig Stahl mithilfe von Wasserstoff herstellt werden.

Die SPD steht für eine starke Industrie und wirksamen Klimaschutz. Beides gehört zusammen. Gute Arbeit, wirtschaftliche Stärke und klimaneutrale Produktion sichern unseren Wohlstand.

Klimaschutz gelingt nicht, wenn Politik vor allem über Auflagen, Berichtspflichten und Vorgaben gegenüber Dritten agiert. Entscheidend ist, dass der Staat die richtigen Rahmenbedingungen schafft, damit Investitionen in klimaneutrale Technologien schnell und im großen Maßstab stattfinden können.

Die Politik muss verlässliche Regeln setzen

Deshalb wollen wir den weiteren Ausbau der Erneuerbaren Energien – Wind und Solar, Geothermie und Bioenergie – ermöglichen und beschleunigen. Wir stärken Wärmenetze, entwickeln Erneuerbare Gase wie grünen Wasserstoff und Biomethan und schaffen vielfältige Speicher für Strom, Wärme und Gase. Ebenso treiben wir den Ausbau der Stromnetze voran.

Das gelingt nur im Zusammenspiel vieler Akteure: Unternehmen, Stadtwerke, Energiegenossenschaften und Bürgerenergieprojekte. Politik muss dafür verlässliche Regeln setzen, Investitionen erleichtern und Genehmigungen beschleunigen. So verbinden wir Klimaschutz mit industrieller Wertschöpfung, regionaler Beteiligung und guten Arbeitsplätzen.

Industrie – klimaneutral und wettbewerbsfähig

Dekarbonisierung durch Deindustrialisierung ist eine reale Gefahr. Sie würde Arbeitsplätze vernichten, Wohlstand gefährden und das Vertrauen in die Politik erschüttern. Unser Ziel ist deshalb klar: Die Industrie muss klimaneutral werden und wettbewerbsfähig bleiben. Denn langfristig wird nur eine moderne Industrie bestehen, die klimaverträglich produziert. Transformation ist damit keine Last, sondern die Voraussetzung für zukünftige Wettbewerbsfähigkeit und sichere Arbeitsplätze.

Ein zentraler Hebel dafür ist die Elektrifizierung industrieller Prozesse. Damit Unternehmen diesen Schritt gehen können, brauchen sie große Mengen bezahlbaren erneuerbaren Stroms und eine leistungsfähige Energieinfrastruktur. Dazu gehören: ein beschleunigter Ausbau der Stromnetze und schnelle, verlässliche Netzanschlüsse für industrielle Standorte. Wo höchste Temperaturen benötigt werden, macht der Einsatz erneuerbarer Gase und Wasserstoff Sinn. Gleichzeitig müssen Genehmigungen schneller werden und Finanzierungsinstrumente große Transformationsinvestitionen ermöglichen.

Unternehmen müssen zum Klimaschutz in der Lage sein

Die Chemieindustrie zeigt, was das konkret bedeutet: Sie ist auf große Mengen erneuerbaren Stroms, leistungsfähige Netze und planbare Anschlüsse angewiesen – und macht zugleich deutlich, dass diese Infrastruktur eine politische Aufgabe ist. Industrie, Handwerk und Gewerbe brauchen deshalb eine konzertierte Anstrengung von Bund, Ländern und Kommunen, um die Voraussetzungen für die Transformation zu schaffen.

Damit Unternehmen in klimaneutrale Verfahren investieren können, müssen sie wirtschaftlich dazu in der Lage sein. Wer einen Hochofen auf Direktreduktion umstellt, steht vor Milliardeninvestitionen – möglich sind sie nur, wenn Unternehmen aus einem erfolgreichen laufenden Geschäft heraus investieren können. Klimaschutz braucht daher starke Unternehmen, nicht ausgezehrte.

Sektorkopplung: Strom sinnvoll nutzen statt abregeln

Deutschland wird bis 2045 eine installierte Wind- und Solarleistung von rund 640 bis 700 Gigawatt benötigen, um Strom, Wärme, Industrie und Verkehr klimaneutral zu versorgen. Das entspricht mehr als einer Verdreifachung der heutigen installierten Leistung. Doch das öffentliche Stromnetz kann und braucht diese Strommengen nicht vollständig über weite Strecken zu transportieren – weder wirtschaftlich noch physikalisch. Die Konsequenz, die noch zu selten gezogen wird: Wir müssen mehr Strom direkt in der Region nutzen, in der er entsteht.

Genau das ist Sektorkopplung: Wenn viel Wind weht oder die Sonne scheint, laden Batterie- und Wärmespeicher, Wärmepumpen laufen verstärkt und Elektrolyseure produzieren Wasserstoff. Überschüssiger Strom wird genutzt statt abgeregelt – und das Netz gleichzeitig entlastet. „Nutzen statt Abregeln“ ist deshalb keine Übergangslösung, sondern eine dauerhafte energiepolitische Aufgabe, die auch durch zusätzlichen Netzausbau allein nicht ersetzt werden kann.

Kraft-Wärme-Kopplung schafft Versorgungsicherheit

Ein konkretes Beispiel ist die Kombination aus Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) und Wärmepumpen. Bei viel Erneuerbarer Energie übernimmt die Wärmepumpe die Wärmeerzeugung und nutzt günstigen Grünstrom. In Zeiten geringer erneuerbarer Erzeugung springt die KWK ein, produziert Strom und liefert gleichzeitig Wärme. Diese Kombination verbindet Strom- und Wärmesystem und stärkt die Versorgungssicherheit.

Dabei können wir auf eine bestehende Stärke aufbauen: die zahlreichen KWK-Anlagen in der Industrie, bei Stadtwerken und in der Wohnungswirtschaft. Moderne KWK-Anlagen lassen sich zudem schwarzstartfähig auslegen und können so im Fall größerer Stromausfälle vor Ort zur Wiederherstellung der Stromversorgung beitragen.

Damit Industrie und Gewerbe ihre Flexibilitätspotenziale auch tatsächlich nutzen können, braucht es praxistaugliche Netzentgeltregeln. Die heutigen Instrumente des Netzengpassmanagements sind zu komplex und bürokratisch. Was wir brauchen, sind einfache und transparente Preissignale, die systemdienliches Verhalten belohnen – idealerweise über lokale Preisanreize.

Autor*in
Klaus Mindrup
Klaus Mindrup

ist ehemaliger Bundestagsabgeordneter der SPD, arbeitet heute als unabhängiger Umweltgutachter, Experte und Berater im Bereich Erneuerbare Energien.

Autor*in
Jens Geier

seit 2009 Abgeordneter des EU-Parlaments, Mitglied im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE) und Mitglied im Haushaltsausschuss (BUDG).

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