Kultur

„Ich war ein Zeuge“: Blick in die Abgründe einer religiösen Parallelwelt

27. März 2026 15:51:35
Missbrauch und Gewalt unter dem Deckmantel der Gottesfurcht: In dem erschütternden Dokumentarfilm „Ich war ein Zeuge“ berichten Aussteiger*innen über ihre Erfahrungen bei den Zeugen Jehovas.
Szene aus dem Dokumentarfilm "Ich war ein Zeuge"

Auch Aussteigerin Leonie kommt in dem Dokumentarfilm über die Zeugen Jehovas zu Wort.

„Ich kann von Glück sagen, dass ich noch lebe.“ Mit diesen Worten fasst ein Mann von circa 40 Jahren seine aktuelle Lebenssituation zusammen. Er möchte anonym bleiben. Vor einigen Jahren ist er bei den Zeugen Jehovas ausgestiegen. Als innerhalb der von einer strengen sozialen Kontrolle geprägten Religionsgemeinschaft bekannt geworden war, dass er homosexuell ist, wurde er massiv ausgegrenzt und erfuhr psychische Gewalt. An den Folgen leidet er bis heute.

Manche bezeichnen die Zeugen Jehovas als Sekte

Dieser Mann ist einer der Protagonist*innen des Dokumentarfilms „Ich war ein Zeuge“. Darin erzählen weitere Aussteiger*innen davon, wie sie den Alltag innerhalb der christlichen Gemeinschaft, die manche als Sekte bezeichnen, erlebt haben. Und welchen existenziellen Bruch der Ausstieg für sie bedeutete. 

Die Gespräche drehen sich um eine Kindheit und Jugend im engen Korsett religiöser Regeln. Dass die Befragten keine Einladungen zu Geburtstagen annehmen durften und auch auf andere „heidnische“ oder „weltliche“ Traditionen wie das Weihnachtsfest verzichten mussten, zählt noch zu den harmloseren Aspekten. Breiten Raum nehmen traumatisierende Erfahrungen wie gewalttätige „Züchtigungen“ oder sexuellen Missbrauch innerhalb der Familie ein. Und die Tatsache, dass sie damit jahrelang alleingelassen wurden, weil die Exzesse vertuscht wurden: In dieser bibeltreuen Gemeinschaft zählen „Zusammenhalt“ und Regeln mehr als der einzelne Mensch.

„Ich war ein Zeuge“ behandelt ein Thema, das lange Zeit unter dem Radar gelaufen ist. Seit vielen Jahren machen Berichte über sexuelle Übergriffe und andere Formen von Gewalt in Einrichtungen der Katholischen und der Evangelischen Kirche in Deutschland die Runde. Doch mittlerweile geraten auch Freikirchen und andere christliche Gemeinschaften zunehmend in den Fokus. So auch die Zeugen Jehovas, die in Deutschland rund 175.000 Mitglieder zählen. In einem Offenen Brief forderte der Verein JW Opfer Hilfe, der sich für Aussteiger*innen der Zeugen Jehovas einsetzt, vor sechs Jahren die Führung der Organisation auf, die Aufarbeitung mutmaßlicher Missbrauchsvorfälle anzugehen.

Die Betroffenen stehen im Mittelpunkt

Dieser Film beschäftigt sich allerdings nicht mit größeren Zusammenhängen, daher kommen auch keine offiziellen Vertreter*innen der Zeugen Jehovas, die ihre Organisationsstruktur als Theokratie bezeichnen, zu Wort. Stattdessen stehen die Betroffenen und ihre Erfahrungen im Mittelpunkt. Aus dem, was sie berichten, formt sich ein Blick in die Abgründe einer nach außen abgeschotteten religiösen Parallelwelt.

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Der Film basiert auf einem Projekt des Fotografen Andreas Reiner. Für eine Tageszeitung porträtierte er Menschen, die sich von den Zeugen Jehovas losgesagt haben. Irgendwann war klar, dass ihre Geschichten zu groß für ein Foto und ein paar Textzeilen sind. Somit entstand die Idee, daraus einen Film zu machen. 

Mit Regisseur Günter Moritz und Cutterin Monika Agler formte Reiner aus seiner Recherchereise zu den über Deutschland verteilten Zeitzeug*innen eine inhaltlich wie visuell sehr subtile Erzählung. Darin ist auch Reiner sehr präsent: nicht nur als Fotokünstler beim Umsetzen einer Bildidee, sondern auch als Interviewer, der bisweilen wie ein Therapeut agiert. In den Selbstzeugnissen bleibt manches vage oder abstrakt. Doch ist das persönliche Drama und Leid hinter jedem Satz stets spürbar.

Der Film bietet Raum für Hoffnung

Dieser in seiner Tonalität sehr stille und zugleich sehr aufwühlende Film bietet aber auch Raum für Hoffnung, auch wenn darin die Hypotheken der Vergangenheit mitschwingen. Gefragt nach ihrem Lebensziel, antwortet die Interviewpartnerin Leonie, die immer wieder von einem engen Angehörigen missbraucht wurde: „einfach überleben“

„Ich war ein Zeuge“ (Deutschland 2024/2025), Regie: Günter Moritz, Interviews: Andreas Reiner, Schnitt: Monika Agler, 84 Minuten.

Im Kino

Weitere Informationen unter ichwareinzeuge.de

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