Augen auf-Kinotag: „Extremer Aufklärungsbedarf über Verbrechen der Nazis“
IMAGO/Capital Pictures
Auch der Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ läuft beim Augen-auf-Kinotag: Der hessische Generalstaatsanwalt spielte bei der Verfolgung von NS-Tätern eine zentrale Rolle.
Anlässlich des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar geht der Augen-auf-Kinotag in der kommenden Woche in die zweite Runde. Am 27. und 28. Januar werden in Berlin, Dresden, Erfurt, Frankfurt am Main, Rostock und Stuttgart Filme gezeigt, die vor allem junge Menschen für die Schrecken der NS-Zeit und die Gefahren des Rechtsextremismus von heute sensibilisieren sollen.
Im Zentrum stehen die Publikumspremiere des Kinder- und Familienfilms „Das geheime Stockwerk“ sowie ein Schulkinoprogramm. Teil davon ist unter anderem der Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ von Lars Kraume. Im Interview spricht der Regisseur und Drehbuchautor über seine Erwartungen an den Augen auf-Kinotag.
Warum braucht es gerade in dieser Zeit den Augen auf-Kinotag?
Angesichts der zahllosen Streamingangebote ist Kino als Gemeinschaftserlebnis bei vielen jungen Leuten etwas in Vergessenheit geraten. Deshalb wäre es toll, wenn diese Initiative wieder mehr Menschen an das Kino heranführt. Viele meiner Filme drehen sich um deutsche Geschichte, doch ein Kinobesuch ist nicht in erster Linie eine Lehrstunde. Film und Kino können aber einen Anstoß bieten, sich mit solchen Themen zu beschäftigen und darüber zu diskutieren.
Lars Kraume: „Ich halte Fritz Bauer für eine heldenhafte Figur“
An dem Kinotag wird Ihr Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ gezeigt. Dieser dreht sich um den früheren hessischen Generalstaatsanwalt, der eine wichtige Rolle bei der Verhaftung von Adolf Eichmann und die Frankfurter Auschwitzprozesse gespielt hat. Welche Wirkung erhoffen Sie sich im Kontext des Kinotages, der junge Leute für die NS-Geschichte und die Gefahren des Rechtsextremismus sensibilisieren soll?
Ich halte Fritz Bauer für eine wahnsinnig inspirierende, geradezu heldenhafte Figur. Er war ein einsamer und tapferer Kämpfer gegen reaktionäre Kräfte. Das war der Grund, warum ich gerne einen Film über sein Leben in der Bundesrepublik der 50er-Jahre machen wollte. Und für seine Mission, die Menschen, die den Holocaust zu verantworten hatten, einer gerechten Strafe zuzuführen. Damit stellte er sich klar gegen den weitverbreiteten Hang zur Verdrängung.
In einer Szene sagt er: „Ich dachte wir wollen hier einen richtigen Neuanfang machen, aber in Wahrheit wollen die Leute nur ihren Kleinwagen und Kühlschrank.“ Man fühlt sich dabei wahnsinnig an die Gegenwart erinnert. Die Welt steht in Flammen und viele junge Leute sind vor allem mit Konsum beschäftigt und können gar nicht schnell genug Teil des kapitalistischen Systems werden.
Lars Kraume: „Kaum vorstellbar, dass Deutschland in so einem Ausmaß zu nationalistischen Parolen zurückfindet“
Inwiefern sehen Sie Wissenslücken bei der jungen Generation, wenn es um Nationalsozialismus und Rechtsextremismus geht?
Wenn rechtspopulistische Parteien wie die AfD gerade unter jungen Menschen reichlich Nachwuchs rekrutieren, gibt es ganz offensichtlich extremen Aufklärungsbedarf über die Verbrechen, die im Namen von Nationalismus und Nationalsozialismus begangen wurden. Es ist für mich kaum vorstellbar, dass Deutschland in so einem großen Ausmaß zu nationalistischen Parolen zurückfindet, wie es gerade zu erleben ist.
Initiiert wird der Augen auf-Kinotag von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ). Weitere Informationen zum Augen auf-Kinotag gibt es hier.