Inland

Überfüllt und kostenpflichtig: So prekär ist die Situation der Frauenhäuser

20. January 2026 07:53:07
Frauen sollen einen Anspruch auf Schutz in Frauenhäusern bekommen. Doch schon heute gibt es dort kaum freie Plätze. Und das ist nicht das einzige Problem, wie Sibylle Schreiber, Geschäftsführerin der Frauenhauskoordinierung, berichtet.
Frauen in Deutschland sollen ab 2032 einen gesetzlichen Anspruch auf Schutz bekommen.

Frauen in Deutschland sollen einen Anspruch auf Schutz in Frauenhäusern bekommen.

Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau getötet. Gewalt gegen Frauen nimmt in allen Formen weiter zu, das Bundeskriminalamt berichtete im November von fast 266.000 Fällen von häuslicher Gewalt im Jahr 2024, die meisten gegen Frauen. Ein erheblicher Teil, davon ist auszugehen, bleibt im Dunkeln.

Mit dem Gewalthilfegesetz hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr beschlossen, ab 2032 einen Rechtsanspruch für Gewalthilfe einzuführen. Damit soll jeder Frau garantiert werden, dass sie Beratung und einen kostenfreien Schutz in einem Frauenhaus bekommt. Sibylle Schreiber ist Geschäftsführerin des Vereins Frauenhauskoordinierung, dem 280 Einrichtungen angehören. Sie erklärt, warum es noch viel zu tun gibt, damit der Rechtsanspruch erfüllt werden kann.

12.000 Schutzplätze in Frauenhäusern fehlen

Wie ist die aktuelle Situation der Frauenhäuser in Deutschland? 

Die Situation der Frauenhäuser ist seit Jahren prekär. In Deutschland gibt es rund 400 Einrichtungen mit etwa 7.400 Plätzen. Hochrechnungen für 2024 zeigen, dass knapp 14.000 Frauen und über 15.000 Kinder Schutz in den Häusern gefunden haben. Täglich müssen dennoch Frauen abgewiesen werden. Genaue Zahlen gibt es nicht, da dies nicht einheitlich erfasst wird. Gemessen an den Vorgaben der Istanbul-Konvention fehlen nach Schätzungen rund 12.000 Schutzplätze.

Welche Hintergründe haben Frauen, die sich an Frauenhäuser wenden?

Befragungen in 189 Häusern zeigen, dass die meisten Frauen zwischen 20 und 40 Jahre alt sind und Kinder haben – durchschnittlich 1,1 pro Frau. Viele werden über Beratungsstellen vermittelt, ein großer Teil kommt aber auch aus eigener Initiative. 69 Prozent der Frauen im Jahr 2024 waren nicht in Deutschland geboren. Die meisten Frauen sind finanziell vom Gewalttäter abhängig. Frauen mit Migrationshintergrund oder aus prekären Verhältnissen sind deswegen besonders häufig in Frauenhäusern vertreten, weil ihnen die finanziellen Mittel und das soziale Netzwerk für Alternativen fehlen.

Keine Übersicht über freie Plätze

Welche Frauen haben strukturell erschwerten Zugang zu Frauenhäusern?

Körperliche oder psychische Beeinträchtigungen sowie Behinderungen stellen große Hürden dar. Viele Häuser sind nicht barrierefrei und können besondere Bedarfe nicht abdecken. Geflüchtete Frauen haben oft einen unsicheren Aufenthaltsstatus und eine Wohnsitzauflage, die den Zugang erschwert, wenn das Frauenhaus in einer anderen Stadt liegt. Anträge für Ausnahmeregelungen dauern dann häufig lange, währenddessen ist die Finanzierung unklar.

Wie geht man vor, um einen Frauenhaus-Platz zu finden?

Es gibt keine bundesweite Übersicht über Kapazitäten in den Frauenhäusern. Frauen müssen meist die einzelnen Einrichtungen anrufen. Dann wird geprüft, ob das Haus geeignet ist – etwa ob Platz für Kinder vorhanden ist – und ob die Frau die Kosten selbst tragen muss und kann. Wenn alles passt, wird ein Treffpunkt vereinbart, da die Adressen der Häuser in den meisten Fällen geheim gehalten werden, um Frauen vor ihren Tätern zu schützen.

Hohe Tagessätze in Frauenhäusern

Warum ist die Finanzierung der Einrichtungen so schwierig? 

Frauenhäuser werden regional unterschiedlich finanziert, es gibt keine bundeseinheitlichen Vorgaben. Die Mittel der Häuser hängen stark vom Haushalt der Länder und Kommunen ab. Die Träger versuchen die Lücke zwischen den bewilligten Mitteln und den tatsächlichen Kosten zu schließen, und sind zum Teil auf Eigenanteile der Frauen angewiesen. Viele Häuser nehmen trotzdem Frauen auf, deren Finanzierung unklar ist. Doch das ist nicht immer möglich.

Sind Frauenhaus-Plätze also nicht kostenlos?

Nein, Frauenhäuser-Plätze sind nicht grundsätzlich kostenlos. In einigen Städten wie Berlin, Hamburg oder Bremen gibt es kostenlose Plätze. Aber fast ein Viertel der Frauen musste 2024 teilweise oder vollständig selbst zahlen. Vielerorts gilt ein Anspruch auf Sozialleistungen als Voraussetzung für kostenfreie Unterbringung. Wer keinen Anspruch hat und über ein eigenes Einkommen verfügt, zahlt Tagessätze zwischen 12 und 50 Euro. Statistiken zeigen, dass selbstzahlende Frauen in der Regel kürzer im Haus bleiben. Das reduziert ihren Schutz vor dem Täter.

Bundesmittel für Schutz vor Gewalt gegen Frauen 

Die Finanzierung soll sich zukünftig ändern. Bis Frauen ab 2032 einen Rechtsanspruch auf Schutz vor Gewalt und Beratung bekommen, müssen die Länder ihre Schutzplätze ausbauen. Der Bund beteiligt sich mit 2,6 Milliarden Euro. Wie bewerten Sie diese Maßnahmen?

Der Rechtsanspruch auf Gewaltschutz ist ein wichtiger Schritt, weil die Länder in die Verantwortung genommen werden. Das wird auch die Datenerfassung und damit die Suche nach freien Plätzen verbessern. Allerdings reichen die Bundesmittel bei weitem nicht aus: Eine Kostenstudie zeigt, dass allein die laufenden Kosten eines ausgebauten Hilfesystems 1,6 Milliarden Euro pro Jahr betragen. 

Nicht nur die Frauenhäuser, auch die Beratungsstellen sind erheblich unterversorgt und müssen ausgebaut werden. Das führt aktuell dazu, dass einige Länder und Kommunen Einsparungen vornehmen, weil sie wissen, dass wegen des erforderlichen Ausbaus der Angebote perspektivisch hohe Kosten auf sie zukommen.

Autor*in
Lea Hensen
Lea Hensen

ist Redakteurin des „vorwärts“.

Weitere interessante Rubriken entdecken

Noch keine Kommentare
Schreibe einen Kommentar

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.