Ausbildungsplätze in Berlin: So will Cansel Kiziltepe mehr Azubis fördern
IMAGO/Jens Schicke
Auszubildende bei der Deutschen Bahn in Berlin: In der Hauptstadt sind Ausbildungsplätze rar.
In Berlin kommen auf 100 Ausbildungsplätze 166 Bewerber*innen. Woran liegt es, dass so viele Menschen keinen Ausbildungsplatz finden?
Immer mehr Beschäftigte der Babyboomer-Generation gehen in diesen Jahren in Rente. In der Berliner Fachkräftestrategie schätzen wir, dass wir bis 2035 in Berlin 560.000 Arbeitsplätze neu besetzen müssen. Das heißt auch: Wir müssen viele neue Fachkräfte ausbilden.
Aber wenn man sich anschaut, wie viele Betriebe tatsächlich ausbilden, liegt Berlin unter dem Bundesdurchschnitt. Auf Bundesebene haben wir eine Ausbildungsbetriebsquote von knapp 20 Prozent. In Berlin liegt sie bei knapp 11 Prozent. Die Zahl der neuen Ausbildungsverträge ist rückläufig. Und auch die Zahl der jungen Menschen, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, ist besorgniserregend. Ich frage mich: Wenn alle Fachkräfte brauchen, warum bilden sie dann nicht aus?
„Wir wollen die Betriebe stärken, die ausbilden. Davon profitieren auch die anderen Betriebe.” (Cansel Kiziltepe)
Der Berliner Senat reagiert mit einer Ausbildungsplatzumlage. Was ist die Idee dahinter?
Als Koalition haben wir mit der Wirtschaft und den Gewerkschaften ein „Bündnis für Ausbildung“ geschlossen. Unser Ziel war es, 2.000 zusätzliche Ausbildungsverträge zu erreichen. Doch dieses Ziel haben wir nicht erreicht. Deshalb hat das Abgeordnetenhaus beschlossen, dass Berlin eine Ausbildungsplatzumlage bekommt.
Was heißt das?
Wir wollen die Betriebe stärken, die ausbilden. Davon profitieren auch die anderen Betriebe. Man kann die Auszubildenden, die ihre Ausbildung abgeschlossen haben, ja nicht im Betrieb festhalten. Das Prinzip der Umlage lautet: Betriebe, die ausbilden, sollen eine Unterstützung erhalten, indem sie die Ausbildungskosten erstattet bekommen. Dafür gründet meine Senatsverwaltung eine Ausbildungskasse. Dort zahlen alle Betriebe mit mehr als zehn Beschäftigten ein. Die Einnahmen werden dann an ausbildende Betriebe entsprechend ihrer Ausbildungsquote verteilt. Mit der Abgabe werden keine Verwaltungskosten bezahlt. Alle Einnahmen kommen zu 100 Prozent wieder den Betrieben zugute.
Als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Arbeit (AfA) in der SPD hast du gefordert, die Ausbildungsplatzumlage auch bundesweit einzuführen. Lässt sich das Berliner Modell eins zu eins auf den Bund übertragen?
Diese Diskussion ist nicht neu, wir führen sie schon seit Jahrzehnten. Es gab Anfang der 2000er Jahre dazu einen Referentenentwurf unter der rot-grünen Bundesregierung. Der hat damals die politischen Mehrheiten nicht erreicht. Aktuell ist die Ausbildungsquote auch bundesweit rückläufig. Wir sehen, dass Auszubildende Schwierigkeiten haben, einen Ausbildungsplatz zu finden. Insofern wäre eine bundesweite Ausbildungsplatzumlage sinnvoll, um den deutschen Standort, den Ausbildungsmarkt und die deutsche Wirtschaft zu unterstützen. In einigen Branchen funktionieren Ausbildungsplatzumlagen seit Jahrzehnten sehr gut, etwa in der Bauwirtschaft!
„Jetzt sind wir dabei, ein Azubi-Werk für Berlin zu gründen.” (Cansel Kiziltepe)
Gerade in Berlin haben Auszubildende auch die Herausforderung, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Wie lässt sich das Problem lösen?
Wir sind mit der Handwerkskammer, den Gewerkschaften und der Industrie- und Handelskammer einer Meinung: dass wir mehr bezahlbaren Wohnraum für Auszubildende schaffen müssen. Berlin ist auf einem guten Weg. Als ich Senatorin wurde, habe ich mich gefragt: Warum hat Berlin eigentlich kein Azubi-Werk? München und Hamburg haben so etwas. In Berlin gibt es seit über 100 Jahren ein Studierendenwerk. Und ich finde, es ist endlich Zeit, dass wir auch den Auszubildenden gegenüber dieser Wertschätzung zeigen, dass wir sie brauchen. Jetzt sind wir dabei, ein Azubi-Werk für Berlin zu gründen.
Was bedeutet das konkret?
Ab August gehen wir mit 150 landeseigenen Wohnungen als Zweier-WGs für Azubis an den Start. Alle Auszubildenden, die in Berlin ihre Ausbildungsstätte haben, dürfen sich bewerben. Wir orientieren uns daran, dass die Unterkunft nicht mehr als ein Drittel der Ausbildungsvergütung kosten soll. Das WG-Zimmer kostet 340 Euro, inklusive Betriebskosten, Heizung und Strom. Wenn man sich anschaut, was Studierende und Auszubildende normalerweise jetzt in Berlin zahlen müssten, da liegt ein WG-Zimmer bei mindestens 600 Euro. Dieses Azubiwohnheim ist der Grundstein für das Azubiwerk, welches neben Wohnraum auch Beratung und Unterstützung anbieten wird.
Maximilian König
SPDings – der „vorwärts“-Podcast, Folge 53 mit Cansel Kiziltepe
Von der Tochter eines türkischen Gastarbeiters zur Berliner Arbeitssenatorin – Cansel Kiziltepe erzählt, welchen Anteil SPD-Legende Ottmar Schreiner an ihrem Aufstieg hat und was sie in Berlin noch umsetzen will.
ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo