Inland

Erbschaftssteuer: Warum vor allem reiche Menschen in Westdeutschland erben

22. January 2026 09:34:21
Deutschland gehört zu den Ländern mit der höchsten Vermögensungleichheit in Europa. Erbschaften tragen dazu bei, dass diese Schere jedes Jahr noch weiter auseinandergeht. Auch regional sind die Unterschiede dramatisch.
Fast die Hälfte des Vermögens in Deutschland wird vererbt.

Fast die Hälfte des Vermögens in Deutschland wird vererbt.

Deutschland gehört zu den vermögendsten Ländern der Welt – aber auch zu den Ländern, in denen Vermögen besonders ungleich verteilt ist. Das wohlhabendste ein Prozent der Gesellschaft besitzt mehr als ein Drittel von allem. Allein durch Arbeit ist es kaum möglich, nennenswertes Vermögen anzusammeln. 

Geschätzte 400 Milliarden Euro Erbsummen

Tatsächlich wird Schätzungen zufolge fast die Hälfte der Vermögen in Deutschland vererbt. Dadurch wird die Ungleichheit gesteigert, denn Vermögen vermehrt sich schließlich von selbst, wenn es richtig angelegt und investiert wird. Wer vermögend wird und erbt, entscheidet sich vor allem über die familiäre Herkunft.

Wie viel vererbt wird, ist schwierig zu beziffern. Das Statistische Bundesamt macht nur Angaben zu Erbschaften und Schenkungen, die unter die Erbschaftssteuer fallen und somit oberhalb der großzügigen Freibeträge liegen. Das waren für 2024 rund 113,2 Milliarden Euro. Darunter entfielen rund 21,5 Milliarden Euro auf Betriebsvermögen.

Das tatsächlich vererbte und geschenkte Vermögen liegt deutlich darüber. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schätzt das Erbvolumen pro Jahr auf 400 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt 2026 umfasst rund 520 Milliarden Euro. Es wird also fast so viel vererbt und verschenkt, wie der Staat an Geld ausgibt. 

Wie viele Menschen erben?

Erbschaften sind Vermögensübertragungen nach dem Tod, Schenkungen sind Vermögensübertragungen zu Lebzeiten. Beides bleibt in den Händen einer kleinen Gruppe der Gesellschaft. Die meisten Menschen in Deutschland erben nämlich Schulden oder gar nichts. In einer Studie des DIW von 2021 gaben nur rund zehn Prozent der Befragten an, in den vergangenen 15 Jahren nennenswerte Summen geerbt zu haben oder eine größere Schenkung erhalten zu haben. 

Damit tragen Erbschaften und Schenkungen nachweislich dazu bei, dass die ohnehin sehr hohe Vermögensungleichheit in Deutschland steigt. Ein großer Teil des geerbten Vermögens konzentriert sich bei nur wenigen Menschen. Denn die oberen zehn Prozent der Menschen mit den höchsten Erbschaften bekommt bereits die Hälfte der gesamten Erbschaften und Schenkungen ab. Die unteren 50 Prozent der Erb*innen hingegen erhielt nur sieben Prozent aller Erbschaften und Schenkungen. 

Vor allem reiche Menschen im Westen erben

Das DIW wies nach, dass Häufigkeit und Höhe der Erbschaften steigen, umso höher das Einkommen ist. Zudem unterscheidet sich geografisch, wer erbt und wer nicht. In einer Umfrage des Allensbach-Instituts im Auftrag der Deutschen Bank von 2024 gab in Westdeutschland jede*r Vierte an, ein Erbe zu erwarten. Im Osten war es nur jede*r Sechste. Das liegt daran, dass Vermögensaufbau in der DDR sehr schwierig war. Nach der Wende wurden staatliche Unternehmen privatisiert, meistens gingen sie an Menschen aus dem Westen. Der Studie des DIW von 2021 zufolge erbten Menschen im Westen im Schnitt rund 92.000 Euro, während es in Ostdeutschland nur 52.000 Euro waren.

Was erben die Deutschen?

Vor allem Geld. In der Studie der Deutschen Bank gaben drei Viertel der Erb*innen an, dass Geld ein Teil ihres Erbes war. Die Hälfte der Erb*innen erhielt außerdem persönliche Gegenstände wie Bücher, Geschirr oder andere Erinnerungsstücke. Etwas mehr als die Hälfte erbte ein Grundstück oder eine Immobilie.

8,8 Milliarden Euro Verluste durch Privilegien

Wie bereits erwähnt, wird nur ein kleiner Teil der Erbschaften und Schenkungen besteuert und fällt in die amtliche Statistik. Insgesamt nahm der Bund 13,3 Milliarden Euro Erbschafts- und Schenkungssteuer ein. Ohne die systematische Privilegierung von Betriebsvermögen wäre das wesentlich mehr. Die Bundesregierung gibt an, deswegen jährlich rund 8,8 Milliarden Euro an Einnahmen zu verlieren. 

Wie werden große Erbschaften geschont?

Die aktuelle Erbschaftssteuer führt dazu, dass kleine Erben mehr Steuern zahlen als große Erben. Bei privaten Erbschaften gibt es Freibeträge, die sich alle zehn Jahre erneuern: Ehepartner*innen und eingetragene Lebenspartner*innen können bis zu 500.000 Euro steuerfrei erben, Kinder bis zu 400.000 Euro. Die Erbschaftssteuer fällt dann auf den Betrag an, der darüberhinausgeht: Wenn die geerbte Immobilie der Mutter etwa 600.000 Euro wert ist, fallen auf 200.000 Euro Erbschaftssteuer an.

Große Erbschaften werden hingegen systematisch verschont. Meistens handelt es sich dabei nämlich um Betriebsvermögen. Wird der Betrieb vom Erb*in über einen bestimmten Zeitraum weitergeführt mit stabilen Löhnen und Arbeitsplätzen, kann die Erbschaftssteuer zum Teil oder vollständig entfallen. Die Abgabe kann oft legal umgangen werden, wenn das Vermögen in eine Stiftung übergeht oder noch zu Lebzeiten verschenkt wird.

SPD legt Konzept für neue Erbschaftssteuer vor

Auch durch die Verschonungsbedarfsprüfung werden Betriebe verschont: Sie soll sicherstellen, dass ein Betrieb auch dann weitergeführt werden kann, wenn eine hohe Erbschaftssteuer anfällt. Sprich: Kann die oder der Erb*in die Abgabe nicht aus eigener Tasche zahlen, fällt die Steuer ganz oder teilweise weg. Um das nachzuweisen, reicht es oft, dass das Bankkonto den Betrag zum Zeitpunkt der Prüfung nicht hergibt.  

Somit profitieren also die Reichsten am meisten von den Schlupflöchern in der Erbschaftssteuer. Die SPD will das ändern – und hat ein Konzept für eine Reform vorgelegt.

Schlagwörter
Autor*in
Lea Hensen
Lea Hensen

ist Redakteurin des „vorwärts“.

Weitere interessante Rubriken entdecken

Gespeichert von Peter Boettel (nicht überprüft) am Do., 22.01.2026 - 17:34

Permalink

Und deshalb sollte die SPD bei diesem Thema hart bleiben und die Argumente für eine gerechtere Erbschaftssteuer auch bei den anstehenden Landtagswahlen immer wieder darlegen!

Schreibe einen Kommentar

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.