Wahl in Dänemark: Warum Mette Frederiksen einen Linkskurs einlegt
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Mette Frederiksen, dänische Ministerpräsidentin, steigt aus einem Bus ihrer sozialdemokratischen Partei.
Die vorgezogene Parlamentswahl in Dänemark am 24. März 2026 kommt nicht überraschend – sie ist ein strategisch kalkulierter Schachzug von Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. Nach mageren Ergebnissen bei Europa- und Kommunalwahlen sind die Parteien der von Frederiksen selbst oft als „merkwürdig“ titulierten, politisch schwer vermittelbaren großen Koalition – bestehend aus Sozialdemokrat*innen, der liberalen „Venstre“ und den zentristisch-konservativen Moderaten – nun in den Wahlkampfmodus gewechselt. Ihre Umfragewerte lagen ohnehin seit Monaten auf Eis. Obwohl es der Wirtschaft gut geht, die Arbeitslosenquote konstant auf Rekordtief ist und eines der größten Probleme auf dem Arbeitsmarkt der Fachkräftemangel ist.
Der politische Tiefpunkt folgte im November 2025: Erstmals seit 87 Jahren rückte keine sozialdemokratische Politikerin, sondern eine Vertreterin der grün-linken Sozialistischen Volkspartei ins Kopenhagener Oberbürgermeisteramt auf. Vor allem die hohen Lebenshaltungskosten und eine missglückte sozialdemokratische Wohnungspolitik hatten die sozialdemokratische Kernwählerschaft enttäuscht. Innerparteilich hagelte es in der Partei darauf Fragen, wie man wieder „sozialdemokratischer“ klingen könne. Es folgte ein Abwärtstrend. Ende des Jahres lagen die Sozialdemokrat*innen mit 16,5 Prozent auf dem tiefsten Wert seit über einem Jahrzehnt.
Grönland-Drohungen beschehrten Umfragehoch
Die Wende kam ausgerechnet von außen: Donald Trump drohte erneut mit der Übernahme Grönlands und holte damit wieder das Beste aus Frederiksen heraus. Die trumpschen Drohungen katapultierten die Ministerpräsidentin zu Höchstleistungen und die Sozialdemokrat*innen zu einem Aufstieg in den Umfragen.
Von der Pandemie, über die russische Invasion in die Ukraine und Drohnen-Krisen bis zum Grönland-Konflikt mit Trump: In puncto Krisenkompetenz ist die politische Konkurrenz ihr meilenweit unterlegen. Um den Grönland-Effekt zu konservieren, setzt Frederiksen auf eine Vertiefung des sozialdemokratischen Profils, gepaart mit ihren harten Positionen in der Migrationspolitik. Die pragmatische Premierministerin passt sich damit der neuen Realität der dänischen Politik an, in der die politischen Blöcke sich zunehmend in viele Einzelteile fragmentieren – ähnlich dem dänischen Exportschlager Lego – und alle versuchen, ihre Klientel zu bedienen.
In der Wählerschaft trifft der strategische Linkskurs einen Nerv, und die Sozialdemokrat*innen nehmen für sich in Anspruch, Verteilungsgerechtigkeit wieder in den Fokus gerückt zu haben
Mette Frederiksen sucht sich die Steine zusammen, die die Sozialdemokratie in einer koalitionsversprechenden Position verankern können, setzt jedoch auch auf eigenes Profil. Vieles deutet darauf hin, dass die meisten Verbindungsstücke dieses Mal links der Mitte angebaut werden könnten. Nach links verlieren die Sozialdemokrat*innen im Vergleich zur letzten Folketingswahl 2022 die meisten Wähler*innen. Früh im Wahlkampf etablierte die Partei deshalb Bildung als wichtiges Thema. Mit dem Vorschlag, die Klassengrößen in der Grundschule von 26 auf 14 Schüler zu senken und dafür rund 700 Millionen Euro zu investieren, konnte sie punkten und besetzte zeitig ihr traditionelles Image als Wohlfahrtspartei.
Umverteilung durch Vermögenssteuer
Die öffentliche Debatte nahm gewaltig an Fahrt auf, als die wirtschaftsfreundliche Frederiksen in ihrer Rede zur Wahlausrufung die Einführung einer Vermögenssteuer forderte – zur Deckung der geplanten Bildungsinvestitionen. Die Steuer von 0,5 Prozent solle auf Vermögensanteile erhoben werden, die 25 Millionen dänische Kronen (etwa 3,35 Millionen Euro) übersteigen. „Die breitesten Schultern müssen mehr tragen“, und Dänemark sei „zu klein für solche Ungleichheit“, beteuerte die Premierministerin im Wahlkampfmodus. Sie bezog sich darauf, dass 25 Prozent des Vermögens in Dänemark in der Hand von einem Prozent der Bevölkerung seien.
Wer Wind sät, wird Sturm ernten – das hat bereits der letztjährige Wahlkampf im Nachbarland Norwegen gezeigt, unter anderen Voraussetzungen. Dort hielten allerdings die Sozialdemokrat*innen unter Finanzminister Stoltenberg einer Rekordkampagne für die Abschaffung einer bestehenden Vermögenssteuer stand. Stoltenberg mischte sich deshalb auch unterstützend im dänischen Wahlkampf ein – und bekräftigte gegenüber der Presse, es sei ein „Mythos“, dass die Vermögenssteuer Norwegen schade.
Verteilungsgerechtigkeit wieder im Fokus
Der dänische sozialdemokratische Kollege bedankte sich. Wirtschaftsverbände und der blaue rechte Block lehnen den Vorschlag naturgemäß ab und wettern, Frederiksen wolle Dänemark ärmer machen. Auch der Lego-Chef Niels Christiansen zeigte sich wenig begeistert von dem sozialdemokratischen Vorschlag. Die Koalitionspartner schlossen eine erneute Regierungsbeteiligung aus, sollten die Sozialdemokrat*innen nicht von der Forderung abrücken.
Mette Frederiksen bieten sich nun jedoch unzählige Möglichkeiten zur Schärfung ihres linken Profils, das durch die große Koalition massiv gelitten hat. In der Wählerschaft trifft dieser strategische Linkskurs offenbar einen Nerv, und die Sozialdemokrat*innen nehmen für sich in Anspruch, Verteilungsgerechtigkeit wieder in den Fokus gerückt zu haben – auch wenn die Kritik an ihrem Willen zur Umsetzung dieses Vorschlags anhält. Es ist schwierig sich vorzustellen, wie solche Forderungen – anders als mit einer linken Koalition – umzusetzen wären.
Rentenalter soll langfristig sinken
Nahtlos gingen Frederiksens Sozialdemokrat*innen zum nächsten traditionellen Thema über: die Rentenreform. Ab 2040 solle das Rentenalter alle fünf Jahre statt um ein Jahr, nur noch um ein halbes Jahr steigen. Langfristig läge das Rentenalter damit bei 74 statt bisher 77 Jahren. Auch Arne, der Brauereifacharbeiter, der 2025 seine Frührente antrat, ist wieder omnipräsent. Dieses sozialpolitische Kronjuwel wird weiter behutsam geschliffen. Die Sozialdemokrat*innen planen, das Maximalalter, um in Frührente zu gehen, auf 66 Jahre einzufrieren. Das ist fast identisch mit den Forderungen des dänischen Gewerkschaftsdachverbands, weshalb Frederiksen sich öffentlichkeitswirksam mit dem Vorsitzenden zu einem „echten Arbeiteressen“ traf.
Das Thema Klima spielt an sich keine zentrale Rolle im Wahlkampf, doch rücken in den letzten Tagen menschenzentrierte Umweltthemen als linke Gewinnerthemen in den Vordergrund: Im Fokus steht das durch Nitrate und Pestizide aus der Landwirtschaft stark verschmutzte Grundwasser. Die linken Oppositionsparteien werfen der Regierung Untätigkeit vor und finden damit großen Anklang in der Bevölkerung. Zwar kann den Sozialdemokrat*innen durchaus Untätigkeit vorgeworfen werden – dies jedoch lediglich von links.
Die dänischen Sozialdemokrat*innen haben den Ruf, das Thema Migration abgeräumt zu haben
Vorwürfe von rechts, wie von „Venstre“-Vizepremier Troels Lund Poulsen, wirken hingegen unglaubwürdig. Die Parteien des blauen Blocks, insbesondere „Venstre“, pflegen nämlich enge Beziehungen zur Landwirtschaft. Nun fordern jedoch fast alle Parteien links der Mitte umfassende Pestizidverbote. In diesem Zusammenhang spielt auch die Regulierung der exzessiven und zunehmend in der Kritik stehenden Schweinezucht eine Rolle im dänischen Wahlkampf.
Die dänischen Sozialdemokrat*innen haben den Ruf, das Thema Migration abgeräumt zu haben. Die Zahlen sind mittlerweile verschwindend gering. Trotzdem kehrte 2025 die lange totgesagte Dänische Volkspartei im Kommunalwahlkampf stark zurück. Sie punktete jedoch weniger mit Migrationspolitik, sondern mit Themen wie Lebenshaltungskosten und der Stärkung des ländlichen Raums. Zu Beginn des nationalen Wahlkampfes polarisiert die Dänische Volkspartei (DF) jedoch mit dem Thema „Remigration“: „Es muss eine Netto-Auswanderung von muslimischen Mitbürgern geben“ forderte der DF-Chef Morten Messerschmidt und warf den Sozialdemokrat*innen vor, zu weich zu sein.
Harte Linie gegen kriminelle Asylbewerber*innen
Die Sozialdemokrat*innen bleiben tough: Unter dem Titel „Wir wollen die nicht, die Dänemark nicht wollen“ veröffentlichten sie 18 neue Maßnahmen, darunter die Ausweisung krimineller Asylbewerber (bei über einem Jahr Haftstrafe), EU-externe Zentren sowie die Verweigerung von Gesundheitsversorgung bei Gewalt gegen Personal. Sie stellen sich jedoch aktiv gegen den von DF und anderen geforderten Ausstieg aus dem Europäischen Gerichtshof und die Aufkündigung internationaler Verträge. Auch in der Entwicklungshilfe wolle man nicht kürzen: 0,7 Prozent vom BIP Dänemarks sollen hier weiterhin die Maßgabe sein.
Die letzten Umfragen zeigen: Der Trend favorisiert die Sozialdemokrat*innen, sie bleiben jedoch weit unter dem Wahlergebnis von 2022 (27,5 Prozent). Sie werden wohl die Unterstützung des gesamten linken Blocks benötigen, um eine linke Regierung zu bilden. Eine Neuauflage der großen Koalition ist unbeliebt.
Keine Mehrheitsregierung ohne die Mitte-Partei
Während die liberale „Venstre“ strauchelt, befinden sich die sich als blockdurchbrechende Mitte definierenden Moderaten unter Lars Løkke Rasmussen aktuell in einer Traumposition. Sie sind gewissermaßen der goldene Stein im Koalitionslego, denn ohne die Moderaten wird es wohl keine Mehrheitsregierung geben können.
Dabei bleibt – vor allem nach der aktuellen Erfahrung – die Minderheitsregierung eher die Regel in Dänemark. Bis zum Stichtag konzentriert sich die krisenerprobte Mette Frederiksen weiter auf ihr Kerngeschäft, gibt alles und versucht, durch ihr linkes Agenda-Setting die Gegner*innen einerseits zur Reaktion zu drängen und andererseits eine Rückkehr in den roten Block zu erleichtern. Bis zur Stimmabgabe am Dienstag, 24. März, bleibt es spannend, wer danach im Königreich den Ton angibt – und wo Løkke seinen goldenen Legostein platziert.
Dieser Beitrag erschien zuerst im ipg-journal.
Kristina Birke Daniels ist Direktorin des FES-Regionalbüros für die Nordischen Länder in Stockholm. Zuvor war sie für die FES als Leiterin in Kolumbien, Marokko und Indien tätig.
zumindest in Sachen Asyl- und Schutz für Migranten hat sie ja auf Augenhöhe mit den Forderungen der AfD gehandelt, die dann ja auch nicht Müde wurde, DK immer wieder als Vorbild für uns in den Raum zu stellen. Schön, wenn Sie nun erkannt hat, dass sie auf dem falschen Pfad unterwegs war und nun zurückkehrt zu den Werten der Sozialdemokratie. Drücken wir ihr die Daumen