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Reem Alabali Radovan: So schützt Deutschland Kinderrechte weltweit

20. November 2025 11:43:52
Zum Welttag der Kinderrechte lobt Ministerin Reem Alabali Radovan die Erfolge der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Zugleich fordert sie im Interview mehr Engagement. Anderenfalls könne dies dramatische Folgen haben.
Symbolbild: Ein jordanischer Junge spielt mit Wasser. In dem Land ermöglicht die Zusammenarbeit des BMZ mit UNICEF benachteiligten Kindern und Jugendlichen Schutz, Bildung und soziale Teilhabe.

Ein jordanischer Junge spielt mit Wasser. In dem Land ermöglicht die Zusammenarbeit des BMZ mit UNICEF benachteiligten Kindern und Jugendlichen Schutz, Bildung und soziale Teilhabe.

Herbert Grönemeyer sang 1986 „Gebt den Kindern das Kommando“, drei Jahre später trat die UN-Kinderrechtskonvention in Kraft. Was hat sich seitdem weltweit für Kinder verbessert?

Kinder sind unsere Zukunft. Sie haben ein Recht darauf, gehört zu werden und ihre Zukunft aktiv mitzugestalten. In der Kinderechtskonvention haben sich die Staaten dazu verpflichtet, diese Recht zu achten, zu gewährleisten und zu schützen.

Dadurch ist sicher nicht alles gut, aber in den vergangenen 36 Jahren hat sich tatsächlich schon viel getan. Der Zugang zu Bildung ist verbessert. Bei Kindern unter fünf Jahren sank die weltweite Sterblichkeitsrate seit dem Jahr 2000 um mehr als die Hälfte.

Zur Person

Seit Mai 2025 ist Reem Alabali Radovan Entwicklungsministerin. Zuvor war sie Staatsministerin beim Bundeskanzler, Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus. Seit 2021 ist die SPD-Politikerin Bundestagsabgeordnete.

Reem Alabali Radovan ist Entwicklungsministerin.

Trotzdem sind nach Zahlen der Welthungerhilfe fast 150 Millionen Kinder weltweit chronisch unterernährt. Warum?

Die Ursachen für chronische Unterernährung sind vielfältig: Armut, Ungleichheit, Kriege und Krisen spielen eine große Rolle und auch der Klimawandel. Kinder sind von diesen dramatischen Auswirkungen besonders betroffen.

Aber: Hunger ist menschengemacht. Es ist ein Problem, das wir lösen können. Kein Kind auf dieser Welt darf an Hunger sterben, das ist und bleibt unser klarer Anspruch.

Was tut die deutsche Entwicklungszusammenarbeit dagegen?

Der weltweite Kampf gegen Hunger ist ein wesentliches Ziel deutscher Entwicklungszusammenarbeit – und auch mir persönlich sehr wichtig. Wir sind auf vielfältige Weise unterwegs. Wir engagieren uns direkt in den Ländern des Globalen Südens durch strategische Partnerschaften mit Organisationen wie dem Welternährungsprogramm (WFP) und dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF. Das ist in diesen Zeiten, in denen der Multilateralismus von vielen Seiten angegriffen wird, besonders wichtig.

Ein konkretes Beispiel für unser Engagement sind die Schulernährungsprogramme, die wir gemeinsam mit Partnern wie dem Welternährungsprogramm (WFP) fördern. Ziel dieser Programme ist es, dass alle Kinder gesunde Mahlzeiten in der Schule erhalten und Zugang zu Schulbildung haben. Diese Programme verbinden Ernährungssicherheit, Bildung und Gesundheitsversorgung. 

Reem
Alabali Radovan

Der stärkste Hebel ist, die Welt aus Kinderaugen zu zeigen.

Wenn Sie auf Ihre bisherigen Erfahrungen als Ministerin zurückblicken: Was ist aus Ihrer Sicht der stärkste Hebel, um Kinderrechte weltweit nachhaltig zu verbessern?

Der stärkste Hebel ist, die Welt aus Kinderaugen zu zeigen und ihre Perspektive auf eine immer kinderfeindlichere Umwelt hervorzuheben. Wenn wir Schutz und Förderung ernst nehmen, wie es die Kinderechtskonvention einfordert, heißt das, bei der Gesundheit von Kindern darauf zu achten, dass die ersten 1.000 Tage im Leben eines jeden Menschen ausschlaggebend für seine weitere Entwicklung sind.

Das bedeutet auch, dass wir in Bildung investieren. Mit der Global Partnership for Education (GPE) unterstützen wir die Stärkung von Bildungssystemen in 90 Ländern. Dadurch konnten wir in den vergangenen vier Jahren mehr als 372 Millionen Kinder erreichen. Das ist fast ein Drittel aller Schulkinder in diesen Ländern. Dazu unterstützt das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) den Education Cannot Wait (ECW) Fonds für Bildung in Notsituationen und langanhaltenden Krisen seit 2017. ECW hat bislang über 14 Millionen Kinder und Jugendliche erreicht.

Beteiligung bedeutet, dass wir Kinder ernst nehmen als Expert*innen in eigener Sache. Das BMZ hat als einziges Ressort einen institutionalisierten Jugendbeirat, der uns bei vielen Entscheidungen berät.

Wo profitieren Kinder konkret von der deutschen Entwicklungszusammenarbeit?

Im Sudan richtet sich das sogenannte 1.000-Tage-Programm, das das BMZ in Zusammenarbeit mit UNICEF unterstützt, an schwangere und stillende Frauen sowie Mütter von Kleinkindern. Trotz des bewaffneten Konflikts hat sich die Ernährung von Frauen und Kindern im Programm nachweisbar verbessert.

In Jordanien ermöglicht unsere Zusammenarbeit mit UNICEF benachteiligten Kindern und Jugendlichen Schutz, Bildung und soziale Teilhabe. Über 52.000 Kinder und Jugendliche profitieren von den Angeboten.

Reem
Alabali Radovan

Angesichts zunehmender Krisen investiert Deutschland in der internationalen Zusammenarbeit viel weniger, als eigentlich dringend gebraucht wird.

Zugleich kritisieren Entwicklungsorganisationen wie ONE und andere, dass die erneuten Mittelkürzungen im Haushalt des BMZ die Perspektiven von Kindern und Mädchen in Entwicklungsländern deutlich verschlechtern. Was entgegnen Sie dieser Kritik?

Die Einsparungen für Entwicklungszusammenarbeit sind hart und schmerzhaft. Angesichts zunehmender Krisen investiert Deutschland in der internationalen Zusammenarbeit viel weniger, als eigentlich dringend gebraucht wird. 

Die drastischen Folgen des amerikanischen Rückzugs machen das sehr deutlich. Bis zu 14 Millionen Menschen drohen in den nächsten fünf Jahren zusätzlich zu sterben, wenn Hilfen gekürzt werden. Die deutsche Entwicklungspolitik muss daher handlungsfähig bleiben. Deutschland ist und bleibt hier ein verlässlicher Partner.

Entwicklungspolitik ist auch Friedens- und Sicherheitspolitik. Das betrifft uns auch hier in Deutschland konkret.

Welches Ziel setzen Sie sich bis zum Ende der Legislaturperiode, um Kinderrechte zu stärken?

Ich weiß, was es bedeutet, wenn Kinder Flucht und Unsicherheit erleben. Auch deswegen ist mir wichtig: Kinderrechte waren und sind Leitprinzipien der Entwicklungspolitik des BMZ. 

Ich setze alles daran, dass wir uns mit vereinten Kräften und unserem gesamten Instrumentarium für Kinder und Jugendliche einsetzen und damit konkret zu mehr Schutz, Förderung und Beteiligung beitragen. Insbesondere in Gefährdungssituationen müssen wir alles daransetzen, das Leben von Kindern zu verbessern, wie wir es zum Beispiel in der Ukraine und in Gaza tun.

Entwicklungspolitik denkt langfristig und nimmt die Interessen von Kindern und Jugendlichen besonders in den Blick. Dafür setze ich mich ein.

Dieses Interview wurde schriftlich geführt.

Autor*in
Jonas Jordan
Jonas Jordan

ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo

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