Parteileben

Behauptet wird, richtig ist

von Susanne Dohrn · 23. September 2008
placeholder

1992 gehörten noch 62 Prozent der deutschen Haushalte zur Mittelschicht, also zu denjenigen, die zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. 2006 waren es nur noch 54 Prozent, rund 5 Millionen Menschen weniger. Für manche ist das durchaus angenehm. Denn die Klasse der Haushalte, die mehr als 150 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung haben, ist größer geworden. Es sind jedoch mehr Mittelschichtler abgerutscht als aufgestiegen. Das war eine kontinuierliche Entwicklung, die schon vor mindestens 20 Jahren begann. Die Gründe dafür sind sehr vielschichtig. Die Zahl der Alleinerziehenden hat allein seit 1996 um 400 000 zugenommen. Alleinerziehende finden sich praktisch nie unter den Einkommensstarken, aber überdurchschnittlich bei den Einkommensschwachen. Außerdem brauchen junge Menschen, auch mit abgeschlossenem Studium, vier bis fünf Jahre, bis ihr Verdienst ihnen die Rückkehr in die Mittelschicht ermöglicht, hat der Soziologe Hans-Werner Blossfeld herausgefunden. Und wer steigt auf? Es sind vor allem gut ausgebildete Paare. "In den vergangen Jahren ist das Bildungssystem zu einem immer wichtigerem Partnermarkt geworden," so Soziologe Blossfeld und das zementiert soziale Ungleichheit, "weil dann die Hochqualifizierten hoch qualifizierte Partner und die Wenigqualifizierten wenig qualifizierte Partner heiraten." Kurz: Das Modell Chefarzt/Sekretärin gehört der Vergangenheit an, das Model Akademikerin/Handwerker sowieso. Aber: Wer daraus einen langfristigen Trend machen will, muss vor allem den Zugang zu Bildung für die unteren Schichten verbessern, um für neuen Zustrom zur Mittelschicht zu sorgen. Gute Kinderbetreuung kann dafür sorgen, dass Geschiedene oder getrennt Lebende selbst für ihren Lebens unterhalt sorgen können und nicht so leicht in die Schicht der Einkommensschwachen abrutschen.

Autor*in
Avatar
Susanne Dohrn

ist freie Autorin und ehemalige Chefredakteurin des vorwärts.

0 Kommentare
Noch keine Kommentare