100. Geburtstag von Hans-Jochen Vogel: Die Politik ließ ihn nie los
imago images/Heinz Gebhardt
So ist er in der SPD und darüber hinaus bekannt: Hans-Jochen Vogel mit Aktentasche am Schreibtisch in seinem Büro als Münchener Oberbürgermeister
HJV nannten ihn Freund*innen und Gegner*innen kurz und respektvoll. Die Initialen seines Namens reichten, um Hans-Jochen Vogel zu beschreiben. Schnörkellos, knapp, ein wenig bürokratisch anmutend. HJV – das war das Qualitätssiegel für sein politisches Leben, das 1950 mit dem Eintritt in die SPD begann und Jahrzehnte nach dem Ausscheiden aus politischen Ämtern – er gab sein Bundestagsmandat 1994 auf – 2020 erst mit dem Tod endete.
Der Respekt vor Hans-Jochen Vogel wuchs stetig
Das Bild, das von Hans-Jochen Vogel haften geblieben ist, wirkt seltsam zeitlos. Schwere Brille, Lockentolle, energisch, Tatendrang ausstrahlend. So haben ihn Generationen in der Bonner Republik erlebt: Als Oberbürgermeister von München (1960 bis 1972), als Bauminister im Kabinett Willy Brandts (1972 bis 1974), als Justizminister unter Kanzler Helmut Schmidt (1974 bis 1982), als kurzzeitiger Regierender Bürgermeister Berlins (1982), als SPD-Kanzlerkandidat (1983), als Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion (1983 bis 1991) und als SPD-Vorsitzender (1987 bis 1991).
Eine stolze Galerie politischer Verantwortung. Aber fast noch wichtiger: Der Respekt vor ihm wuchs stetig und galt lebenslang. Eine Instanz, ein immer wieder gesuchter Ratgeber für seine Partei, ein steter Mahner für Demokratie, einer, der im Olymp der großen bundesdeutschen Sozialdemokraten neben Willy Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner seinen Platz hatte. Dabei lehnte er es immer ab, mit diesen Drei in einem Atemzug genannt zu werden. Deren Biographien, noch im Kaiserreich geboren, in Weimar aufgewachsen und den Nationalsozialismus bewusst erlitten, stehe für eine „Autorität“, der seine Generation nicht gewachsen sei.
Hans-Jochen Vogel: Sein Pflichtgefühl war grenzenlos
Diesem vermeintlichen Manko begegnete Hans-Jochen Vogel durch ein übergroßes Maß an Pflichtgefühl. Er ließ sich für seine Partei, für das Gemeinwesen immer wieder in eben diese Pflicht nehmen. Selbst in fast chancenlosen Situationen. So als er 1983 gegen Helmut Kohl als Kanzlerkandidat antrat. Statt Kanzler wurde er Oppositionsführer. Wohl ahnend, dass die SPD diese Rolle lange Jahre ausfüllen müsste. Dennoch organisierte er die Fraktion so, dass sie realpolitisch jeden Tag zur Regierungsübernahme in der Lage sei. Ein Kraftakt, unter dessen Anforderungen seine Abgeordneten stöhnten und sein Regiment nicht immer zustimmend ertrugen.
1987 war wieder sein Pflichtgefühl gefordert, als Willy Brandts Plan nicht aufging, seine Nachfolge im Parteivorsitz an den Enkel Oskar Lafontaine zu übergeben. Vogel musste ran, um als Parteichef den Übergang zu organisieren. Eine Aufgabe, die ihn viel Kraft kostete und die er sich 1991 nicht mehr zutraute. Ungewöhnlich offen begründete er in seinen Erinnerungen „Nachsichten“ (1996) die für viele überraschende Entscheidung: „Ich hielt auch meine Kraft nicht für unerschöpflich und mir war kein Gedanke mehr zuwider als die Vorstellung, andere würden ein Nachlassen meiner Präsenz, Konzentration und Leistungsfähigkeit konstatieren können.“
Hans-Jochen Vogel: Immer zu hundert Prozent engagiert
So war er. Kein Mensch für halbe Sachen. Immer zu hundert Prozent engagiert. Und so wie er sich forderte, verlangte er es auch von seinen Mitstreiter*innen. Er wirkte in der die Partei dominierenden Enkel-Generation manchmal wie ein Relikt, das Sekundärtugenden wie Fleiß, Zuverlässigkeit oder Pünktlichkeit nicht als altmodisches Gehabe abtun wollte.
Was häufig übersehen wurde: Der pedantisch wirkende Jurist war erstaunlich weitsichtig und moderner als viele Mitstreiter*innen. Als Fraktionsvorsitzender leitete er 1986 im Bundestag fast im Alleingang die Forderung nach einem Ausstieg aus der Atomenergie ein. Als SPD-Vorsitzender setzte er sich 1988 gegen viele Widerstände für eine Quotenregelung ein, die der Benachteiligung von Frauen in Parteiämtern entgegenwirken sollte.
Bezahlbares Wohnen war ein Lebensthema
Hans-Jochen Vogel, der OB, der Minister, der Fraktionsvorsitzende und Parteichef wurde von vielen geachtet. Geliebt wie Willy Brandt wurde er nicht. Jedenfalls nicht, so lang er Ämter innehatte. Umso erstaunlicher, wie mit steigendem Lebensalter aus der Achtung Verehrung, ja auch ein Stück Liebe wurde: Wenn er auf Parteitagen auftrat und mit immer packenden Reden Regierungsbeschlüsse und Parteientscheidungen verteidigte.
Oft genug war er Argumentations-Nothelfer für Kanzler oder SPD-Vorsitzende und moralisch-politischer Zeichengeber für die Parteibasis. Gerade bei jungen Sozialdemokrat*innen erlebte er eine Renaissance der Anerkennung.
Die Politik ließ ihn nie los. Selbst im hohen Alter, schon gezeichnet durch seine Parkinson-Erkrankung, mischte sich Hans-Jochen Vogel ein mit Ratschlägen und Hinweisen, wo seiner Meinung nach etwas im Argen lag. Unermüdlich sein Bemühen, durch eine Bodenrechtsreform Wohnen wieder erschwinglich zu machen. Noch in den letzten Monaten seines Lebens veröffentlichte er ein Manifest zu dieser gerade in seiner Heimatstadt München immer fordernder werdenden Problematik.
Mit seinem Tod am 26. Juli 2020 endete eine Ära bundesdeutscher Geschichte. HJV hat sie über sieben Jahrzehnte mitgestaltet.
arbeitete in den 1980er und 1990er Jahren frei für den „Vorwärts". Danach war er Parlamentskorrespondent, Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und des Verteidigungsministeriums.