Kultur

„My Undesirable Friends“: Wie Russlands letzter freier TV-Sender verschwand

2. April 2026 15:38:43
Das Geschäft von TV Rain war die Wahrheit. Diese wurde zum Verbrechen. Anhand von Einzelschicksalen erzählt der Dokumentarfilm „My Undesirable Friends“ vom Ende des letzten regimekritischen Fernsehsenders in Russland. Hinter diesem Ende steckt aber auch ein Anfang.
Film "My Undesirable Friends": die Journalistin Olga Churakova in Moskau

Unterwegs im Dienst der Wahrheit: die Journalistin Olga Churakova an einem Moskauer Flughafen.

Am dem Tag, als in Kiew die ersten Raketen einschlagen, steht Anna Nemzer unter Schock. Es ist der 24. Februar 2022. Russlands Großangriff auf die Ukraine hat begonnen. „Ich habe kein Land mehr“, sagt die russische Journalistin, während sie sich im Auto durch den Moskauer Verkehr quält. Das Entsetzen über Russlands Aggression steht ihr ins leichenblasse Gesicht geschrieben. 

Der Alptraum ist wahr geworden

Nemzers Kolleg*innen bei TV Rain (auch unter der russischen Originalbezeichnung „Telekanal Doschd“ bekannt), dem letzten unabhängigen und vor allem kremlkritischen Fernsehsender in Russland, geht es nicht anders. Der Alptraum, den das Team täglich erwartet, aber dennoch für abwegig gehalten hat, ist wahr geworden. Und sie ahnen, dass diese Eskalation auch ihre eigene Lage noch heikler machen wird. 

Diese Szenen sind in dem Dokumentarfilm „My Undesirable Friends“ („Meine unerwünschten Freunde“) zu sehen. Nemzer ist einer der Protagonist*innen und zugleich Co-Regisseurin. Der erste Teil ist nun auf der Streamingplattform MUBI abrufbar. 

Im Herbst 2021 reiste die US-Filmemacherin Julia Loktev nach Russland, um von den zunehmend schwierigen Bedingungen zu berichten, unter denen Nemzer und Co. ihrer Berufung nachgingen, der staatlichen Propaganda professionellen Journalismus entgegenzusetzen. Damals bekam Rain TV, wie so viele andere Organisationen, die anziehende Spirale der Repression in Russland zu spüren. Im August 2021 hatte die Regierung den in Moskau ansässigen Sender als „ausländischen Agenten“ eingestuft. Es war der Auftakt für weitere Diffamierungen und Bedrohungen.

Das Exil wird für die Journalist*innen zur einzigen Option

Mit Beginn der russischen Vollinvasion wurde alles noch schlimmer. Anfangs berichtete TV Rain über das militärische Geschehen und Protestkundgebungen gegen den Krieg, der im Putin-Staat so nicht genannt werden durfte. Doch mit der Zeit wurde klar, dass die um sich greifende Verhaftungswelle am Ende auch die Menschen hinter TV Rain treffen könnte. Nemzer und ihre Kolleg*innen blieb nur noch eine Option: die Flucht ins Exil. Eine Woche nach Kriegsbeginn blockierten die Behörden den Zugang zu den ohnehin nur noch online verfügbaren Angeboten des Senders, der Jahre zuvor vom staatlich kontrollierten Kabelsystem verbannt worden war.

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Allein der erste Teil von „My Undesirable Friends“ ist ein Langfilmprojekt: Mehr als fünf Stunden lang beobachten wir Nemzer und andere TV-Rain-Journalist*innen aus nächster Nähe, sowohl bei der Arbeit als auch in privaten Situationen, wobei die Grenzen fließend sind: Im Angesicht der wachsenden Bedrohung durch Putins Sicherheitsapparat tritt uns eine eingeschworene Gemeinschaft vor Augen, die vielen Situationen mit Galgenhumor begegnet, sich mit inhaftierten Kolleg*innen solidarisiert und enge Drähte zu Bürgerrechtsaktivist*innen pflegt. 

Loktev, in der Sowjetunion aufgewachsen und inzwischen längst ein Teil des TV-Rain-Kollektivs geworden, hat all dies mit einem Smartphone gefilmt. Daneben erleben wir diese Menschen auch in ihren öffentlichen Rollen, zum Beispiel Nemzer als Gastgeberin ihrer Talkshow, in der sie Menschen vorstellt, die sich für eine bessere Gesellschaft einsetzen. Demgegenüber zeigen die Live-Interviews ihrer Kolleg*innen, wie journalistisches Arbeiten jenseits der Zensur ab Kriegsbeginn zu einem Akt des Widerstandes wird, der nicht ohne Folgen bleibt.

Die Bedrohung ist so präsent wie in einem Thriller

Wie in einem fiktionalen Thriller legt sich die Schlinge der Bedrohung immer enger um die Gruppe junger Frauen, deren Erfahrungen den Kern der Erzählung bilden. Darin offenbaren sich bedrückende Einzelschicksale: Die Reporterin Ksenia Mironova sorgt sich um ihren Verlobten. Seit über einem Jahr wartet der Zeitungsjournalist hinter Gittern auf seinen Prozess. Ihm wird Hochvorrat vorgeworfen, was Beobachter*innen als Farce werten. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu 22 Jahre Haft. Immer wieder bricht sich bei Mironova tiefe Verzweiflung und Angst Bahn. 

Letzteres gilt auch für Olga Churakowa. Kurz vor Kriegsbeginn berichtete sie über den Aufmarsch russischer Truppen an der Grenze zur Ukraine. Kaum zurück in Moskau, wird ihr rasch klar, dass dieser Aufenthalt nicht von Dauer sein wird. Auch sie wird sich in das Heer von rund einer Million Menschen einreihen, die Putins Reich seit Ende Februar 2022 verlassen haben.

Aus einer ebenso intimen wie erhellenden Perspektive lässt uns „My Undesirable Friends“ erneut entsetzt auf Russland blicken. Loktev verfolgt noch eine andere Absicht. „Da sich so viel in der Welt nach rechts bewegt, ist diese Geschichte vielleicht näher, als man denkt“, sagte sie in einem Interview, nicht zuletzt mit Blick auf die USA unter Präsident Donald Trump.

Die Geschichte von TV Rain geht weiter

Doch in diesem düsteren Stoff steckt auch Hoffnung. Denn die Geschichte von TV Rain geht weiter. Im Exil führen die Menschen den Sender, den sie geprägt haben, fort. Auf Youtube gibt es dafür einen eigenen Kanal. Der Kreml hat darauf reagiert und TV Rain als „unerwünschte Organisation“ eingestuft, wodurch sämtliche Aktivitäten in Russland untersagt sind. 

Doch damit wird sich der zweite Teil von „My Undesirable Friends“ befassen, der voraussichtlich im kommenden Herbst veröffentlicht wird.

„My Undesirable Friends Part 1: The Last Air In Moscow“ (USA 2024), Regie: Julia Loktev, Co-Regie: Anna Nemzer, mit Olga Churakova, Ksenia Mironova, Anna Nemzer u.a., 324 Minuten

Den Stream und weitere Informationen zum Film gibt es auf mubi.com

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