Kultur

Film „Friedas Fall“: Wie ein tödliches Drama die Frauenbewegung beflügelte

17. April 2026 17:50:54
Wenn der Tod des eigenen Kindes als letzter Ausweg erscheint: Das Kinodrama „Friedas Fall“ handelt von einem aufsehenerregenden Kriminalfall in der Schweiz. Zugleich berührt er die Anfänge der dortigen Frauenbewegung und stellt die patriarchalische Gesellschaft jener Zeit an den Pranger.
Julia Buchmann spielt die Hauptrolle im Kinofilm "Friedas Fall"

Frieda (Julia Buchmann) bekommt den patriarchalischen Geist des Justizsystems zu spüren.

Anfang des 20. Jahrhunderts im schweizerischen St. Gallen: Am Salontisch des Staatsanwalts hat sich die lokale Elite versammelt. Bei Rotwein und gediegenen Speisen mokiert man sich über politische Forderungen, die ihren Weg in die Eidgenossenschaft gefunden haben. „Wer nicht arbeitet, erhält auch kein Geld. So einfach ist das“, sagt einer der männlichen Gäste zum Thema Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Sozialdemokraten würden das anders sehen, sagt ein anderer, der alles andere als ein Sozialdemokrat ist. Frauenwahlrecht? Ebenfalls neumodischer Kram, der in der Schweiz nichts zu suchen habe. Man ist sich einig: Am besten bleibt alles, wie es ist.

Das Urteil gegen Frieda Keller sorgte für Empörung

Diese Szene in „Friedas Fall“ sagt einiges über den geistigen Kontext eines Dramas, von dem dieser Film erzählt. Die Geschichte dreht sich um ein Verbrechen und demaskiert wiederum den damaligen Umgang mit Frauen im moralischen Sinne als verbrecherisch. Die Handlung beruht auf einer wahren Begebenheit: 1904 wurde in einem Wald bei St. Gallen die Leiche eines fünfjährigen Jungen gefunden. Noch im gleichen Jahr wurde seine Mutter Frieda Keller wegen Mordes zum Tode verurteilt. Nicht nur in der aufkommenden Frauenbewegung sorgte das Urteil für Empörung.

Während des Prozesses stellte sich heraus, dass die alleinstehende junge Frau mehrfach vergewaltigt und dadurch ungewollt schwanger geworden war. Für ihren Sohn sah die in ärmlichen Verhältnisse lebende Schneiderin gerade wegen der konservativen Moral der Gesellschaft, die alleinstehende Mütter unehelicher Kinder (und auch diese selbst) als „ehrlos“ erachtete, keine Zukunft. Der Vergewaltiger hingegen wurde nicht belangt. Der Fall zog weite Kreise und gilt als ein Wendepunkt im politischen Kampf für Frauenrechte und Gleichstellung in der Schweiz. 

Das Langfilmdebüt der deutschen Regisseurin Maria Brendle (ihr Kurzfilm Ala Kachuu – Take and Run war 2022 für den Oscar nominiert) basiert auf dem 2015 erschienenen Roman „Die Verlorene“ der Schweizer Autorin Michèle Minelli. Im Kern geht es darum, wie Friedas Verteidiger und später auch der Ankläger um das Leben der Delinquentin kämpfen. Es ist auch eine Abrechnung mit dem damaligen Rechtssystem, das die moralische Ausgrenzung einer „unzüchtigen“ Frau mit vorgeblicher Gesetzestreue vermischt. Zudem wird in Rückblenden erzählt, wie sich Friedas Leben vor jener verzweifelten Tat abgespielt hat. 

Die Angeklagte nimmt die ganze Schuld auf sich

Die von Julia Buchmann verkörperte Frieda tritt uns als komplexe Persönlichkeit gegenüber. Wie auch die anderen tragenden Figuren ringt sie mit persönlichen Konflikten. Zunächst ist sie bereit, alle Schuld auf sich zu nehmen und akzeptiert, dass der Mann, der ihr sexualisierte Gewalt angetan hat, straflos davonkommt. Andererseits hängt die von ihrem Leben aufs Tiefste enttäuschte junge Frau dennoch an diesem. Und ihr Verteidiger und der Staatsanwalt werden nicht nur von juristischen Motiven getrieben.

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Diese Materie, die als Teil eines historischen Umbruchs zu sehen ist, wurde leider in einen sehr holzschnittartigen Plot gepresst, der sich wenig um Realismus schert. Ausgerechnet die Gattin des Staatsanwalts wird zur frühesten Verbündeten von Frieda. Als Leiterin des Frauenknastes geht sie in deren Zelle wie selbstverständlich ein und aus. Nicht nur das Handeln der „Frau Staatsanwältin“ wird auf eine Weise psychologisiert, die den Rahmen der eigentlichen Erzählung verlässt. 

Währenddessen versammeln sich jenseits des Kerkers wie aus dem Nichts Protestierende, um die Hinrichtung zu verhindern. Auf einem der Spruchtafeln prangt die Parole „Frauen, Leben, Freiheit“, die an den fast gleichlautenden Leitspruch der iranischen Protestbewegung des Jahres 2022 erinnert. Zufall? Schwer zu glauben. 

Der Kampf für Frauenrechte reicht weit zurück

Immerhin berührt die Leistung der Schauspieler*innen: Julia Buchmann und Rachel Brauschweig, die jene Ehefrau des Anklägers spielt, verleihen ihren Charakteren eine Tiefe, die angesichts der vorhersehbaren Erzählweise umso mehr überrascht.

Wenn „Friedas Fall“ also nur sehr begrenzt als historisches Drama taugt, so macht uns der Film anhand eines schockierenden Falls zumindest eines bewusst: Der Kampf für Frauenrechte reicht weit zurück, nicht nur in der Schweiz. Und gewonnen ist er noch lange nicht.

„Friedas Fall“ (nach dem Roman „Die Verlorene“, Schweiz 2024), Regie: Maria Brendle, Drehbuch: Michèle Minelli, Robert Buchschwenter und Maria Brendle, mit Julia Buchmann, Rachel Braunschweig, Stefan Merki, Max Simonischek u.a., 107 Minuten.

Im Kino

Weitere Informationen unter arsenalfilm.de

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