International

Türkei und Iran-Krieg: „Es besteht ein sehr konkretes Unsicherheitsgefühl“

17. März 2026 08:52:18
In der Türkei wird der Iran-Krieg aufmerksam verfolgt. Wie die Menschen hier die Vorgänge im Nachbarland bewerten und welchen Einfluss der Krieg in der Türkei jetzt schon hat, sagen Tina Blohm und Tamer İlbuğa von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Istanbul.
Eine ausgebrannte Rakete steckt mit dem Kopf im Boden eines Ackers; links und rechts daneben jeweils ein Kind

Einschlag einer iranischen Rakete auf syrischem Staatsgebiet nahe der türkischen Grenze: Nach türkischen Angaben wurde der türkische Luftraum seit Beginn des Iran-Kriegs bereits dreimal verletzt.

Vor gut zwei Wochen haben die USA und Israel ihre Angriffe auf Iran begonnen. Welche Rolle spielt der Krieg in der türkischen Bevölkerung?

Tina Blohm: Der Krieg wird in der Türkei nicht als fernes außenpolitisches Ereignis wahrgenommen, sondern als unmittelbare regionale Bedrohung. Über politische Lager hinweg hat sich dabei ein bemerkenswerter Grundkonsens herausgebildet: Von linken und regierungskritischen bis hin zu konservativen und regierungsnahen Stimmen wird der Krieg gegen Iran weitgehend als falsche und hochriskante Intervention gesehen. Die Gemeinsamkeit liegt weniger in einer Unterstützung für das iranische Regime, als in der Einschätzung, dass ein solcher Krieg die Region weiter destabilisiere, neue Sicherheits- und Fluchtrisiken schaffe. Die Wahrnehmung ist zudem, dass er strategisch vor allem Israel nütze, was als kritisch bewertet wird.

Tina Blohm: „Der Krieg wird in der Türkei als soziale und wirtschaftliche Bedrohung wahrgenommen“

Zusätzliche Brisanz erhält die Debatte über die Rolle der Türkei selbst in dem Konflikt. Mit dem Luftwaffenstützpunkt İncirlik und der NATO-Radaranlage Kürecik verfügt das Land über zwei Standorte, die in diesem Krieg als militärisch sensible Infrastruktur gelten. Gerade deshalb wächst der Druck auf Ankara, diese Einrichtungen den USA und der NATO nicht für einen Krieg gegen Iran zur Verfügung zu stellen. Sonst sei die Türkei trotz gegenteiliger Beteuerungen faktisch Teil des Krieges.

Es besteht ein sehr konkretes Unsicherheitsgefühl: Nach türkischen Angaben wurde der türkische Luftraum seit Kriegsbeginn dreimal verletzt. Die iranische Botschaft in Ankara bestreitet allerdings, dass Iran gezielt in Richtung Türkei gefeuert habe. Diese widersprüchliche Lage verstärkt Spekulationen über Fehlkalkulationen, aber auch über mögliche Provokationen.

Wie blicken die Menschen in der Türkei auf den Krieg im Nachbarland?

Tina Blohm: Der Krieg wird in der Türkei als soziale und wirtschaftliche Bedrohung wahrgenommen. In der derzeitigen türkischen Debatte ist präsent, dass der Konflikt das Land über drei Kanäle treffen dürfte: Erstens, steigende Energie-Importkosten und sinkende Tourismuseinnahmen. Zweitens, zusätzlichen Inflationsdruck bei Energie und Lebensmitteln. Drittens, über anhaltend hohe Zinsen, die das Wachstum bremsen. Für viele Menschen bedeutet das: Selbst wenn die Türkei militärisch nicht hineingezogen wird, befürchten breite Bevölkerungsschichten die Kosten des Krieges über sinkende Kaufkraft und weiter verschlechterte Lebensbedingungen zu tragen.

Tamer İlbuğa: „Die Türkei liegt längst im Gefahrenradius des Krieges“

Seit dem Beginn des Iran-Kriegs wurden von iranischem Gebiet bereits mehrfach Raketen auf die Türkei abgefeuert, die allerdings alle abgefangen werden konnten. Droht die Türkei in den Krieg hineingezogen zu werden?

Tamer İlbuğa: Die Gefahr ist vorhanden, auch wenn Ankara alles daransetzt, genau das zu verhindern. Türkische Medien berichten über mehrere Vorfälle mit Raketen oder Munitionsresten im Zusammenhang mit dem Krieg. Zugleich haben das Außen- und Verteidigungsestablishment mehrfach betont, dass die Türkei unter keinen Umständen Kriegspartei werden wolle. Außenminister Hakan Fidan sagte am 15. März ausdrücklich, die Türkei wolle „an diesem Krieg nicht teilnehmen“.

Gleichzeitig haben türkische Stellen wiederholt erklärt, dass ballistische Geschosse aus dem Iran den türkischen Luftraum verletzt hätten und von NATO-gebundenen Luftverteidigungssystemen abgefangen wurden. Teheran weist die Vorwürfe zurück. Auch der Umstand, dass ein türkisches Schiff nach iranischer Genehmigung die Passage im Raum Hormus fortsetzen konnte, spricht eher dafür, dass auch Iran eine direkte Konfrontation mit der Türkei vermeiden will. Deshalb wird neben der Möglichkeit technischer Fehlsteuerungen auch über Provokationen oder das Eingreifen von Drittakteuren gesprochen.

Das ändert aber nichts daran, dass die Türkei längst im Gefahrenradius des Krieges liegt. Ankara hat zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, NATO-Systeme eingebunden und F-16 nach Nordzypern verlegt. Die Türkei ist also nicht Kriegspartei, befindet sich aber in einer Lage, in der weitere Zwischenfälle, Fehleinschätzungen oder bewusste Eskalationsversuche den politischen Druck auf Ankara deutlich erhöhen könnten.

Tina Blohm: „Ein geschwächter Iran könnte für die Türkei nicht nur mehr Einfluss, sondern auch mehr Instabilität, mehr Grenzrisiken, neue Fluchtbewegungen und erhebliche wirtschaftliche Folgekosten bedeuten“

Die Türkei und Iran gelten als strategische Gegner in der Region. Könnte die Türkei als Profiteur aus dem Krieg hervorgehen?

Tina Blohm: Unsere Einschätzung ist: allenfalls begrenzt und eher kurzfristig. Ankara könnte in einzelnen regionalen Fragen mehr Spielraum gewinnen, falls Iran geschwächt würde – etwa in Syrien, im Irak oder im Wettbewerb um politischen Einfluss im Nahen Osten. Dieses Argument ist auch in der türkischen Debatte zu hören.

Gleichzeitig überwiegt in Ankara erkennbar die Einschätzung, dass eine tiefere Destabilisierung Irans für die Türkei mehr Risiken als Vorteile mit sich bringen würde. Die türkische Regierung hat sich ausdrücklich gegen Szenarien ausgesprochen, die auf einen inneren Zerfall Irans oder auf ethnisch beziehungsweise konfessionell aufgeladene Konflikte hinauslaufen könnten. Ein geschwächter Iran könnte für die Türkei eben nicht nur mehr Einfluss, sondern auch mehr Instabilität, mehr Grenzrisiken, neue Fluchtbewegungen und erhebliche wirtschaftliche Folgekosten bedeuten, also höhere Energiekosten und eine Abwertung der Türkei als wirtschaftlicher Hub. Gerade weil die türkische Wirtschaft schon jetzt unter Inflation, hoher Zinslast und äußerer Verwundbarkeit leidet, wäre ein regionales Chaos für Ankara eher Belastung als Gewinn.

Präsident Erdoğan hat beide Seiten für ihr Vorgehen kritisiert und bisher vermieden, sich auf eine Seite zu schlagen. Welches Ziel verfolgt er?

Tamer İlbuğa: Erdoğan versucht, den außenpolitischen Handlungsspielraum der Türkei möglichst groß zu halten. Die Regierung kritisiert die Eskalation, vermeidet aber eine eindeutige Festlegung auf eines der beiden Lager. Damit soll verhindert werden, dass die Türkei diplomatisch oder militärisch zu eng an eine Konfliktpartei gebunden wird.

Zugleich verfolgt Ankara damit ein innenpolitisches Ziel. Die Regierung möchte Handlungsfähigkeit demonstrieren und gleichzeitig den Eindruck vermeiden, keine feste politische Position einzunehmen. Gerade nach den Luftraumverletzungen ist das wichtig: Die Führung will Härte in der Verteidigung der eigenen Souveränität zeigen, ohne dadurch automatisch in eine Bündnisdynamik hineingezogen zu werden, die eine weitere Internationalisierung des Krieges befördern könnte. Im Kern geht es also um maximale Beweglichkeit bei minimaler Bindung.

Tina Blohm: „Ankara möchte sich als unverzichtbarer Akteur präsentieren, der sowohl im Westen als auch im Nahen Osten handlungsfähig ist“

Erdoğan hat gute Kontakte in die Staaten des Nahen Ostens. Gleichzeitig ist die Türkei NATO-Mitglied. Könnte das Land eine Vermittlerrolle spielen?

Tina Blohm: Theoretisch ja, praktisch aber nur eingeschränkt. Die Türkei verfügt über Gesprächskanäle in verschiedene Lager der Region und versucht offenkundig, diese diplomatisch zu nutzen. Ankara möchte sich als unverzichtbarer Akteur präsentieren, der sowohl im Westen als auch im Nahen Osten handlungsfähig ist. Tatsächlich war die Türkei seit Kriegsbeginn mit verschiedenen Seiten in Kontakt und drängt auf eine Rückkehr zur Diplomatie.

Allerdings sind die Grenzen dieser Rolle offensichtlich. Gerade weil die Türkei NATO-Mitglied ist und ihre eigene Sicherheit in dieser Eskalation bereits von NATO-Systemen mit abgesichert wird, ist sie keine neutrale Vermittlungsmacht im engeren Sinn. Realistischer ist deshalb, dass Ankara eher als Kontaktkanal, Übermittlerin oder regionaler Gesprächsknoten fungieren kann, aber nicht als eigentliche Vermittlungsmacht mit Durchsetzungskraft.

Es gibt Gerüchte, die USA könnten die Kurden im Irak bewaffnen, um gegen das iranische Regime zu kämpfen. Wie wird das in der Türkei aufgenommen?

Tamer İlbuğa: Solche Berichte werden in der Türkei mit großer Sensibilität verfolgt. In Ankara wird jede mögliche militärische Aufwertung kurdischer Akteure in der Region sofort auch mit Blick auf die eigene Sicherheitspolitik und Politik gegenüber Kurd*innen gelesen. Entsprechend lehnt die türkische Regierung Szenarien ab, die innere Konfliktlinien im Iran verschärfen oder neue regionale Dynamiken entlang ethnischer Bruchlinien auslösen könnten.

Tamer İlbuğa: „In der türkischen Wahrnehmung geht es also nicht nur um Iran, sondern immer auch um mögliche regionale Folgewirkungen“

Zugleich ist die kurdische Sicht komplexer, als es in Ankara oft dargestellt wird. Aus den Debatten über iranisch-kurdische Parteien und den Äußerungen aus der kurdischen Region ist eher eine abwartende Haltung herauszulesen als eine Aufbruchsstimmung. Viele Akteure fürchten, zwischen die Fronten zu geraten und erneut als Stellvertreter in einem Krieg benutzt zu werden, den andere führen. In der türkischen Wahrnehmung geht es also nicht nur um Iran, sondern immer auch um mögliche regionale Folgewirkungen – im Nordirak, in Syrien und in der eigenen Innenpolitik.

In der Türkei leben bereits rund vier Millionen Geflüchtete aus Syrien. Beobachter*innen warnen, dass es zu starken Flüchtlingsbewegungen auch aus Iran kommen könnte. Ist die Türkei darauf vorbereitet?

Tina Blohm: Die Türkei bereitet sich nicht erkennbar auf ein solches Szenario vor, geht aber zugleich davon aus, dass eine größere Fluchtbewegung vor allem bei längerer Eskalation oder innerem Zerfall im Iran wahrscheinlich wäre. Die Regierung hat nach eigenen Angaben Notfallpläne ausgearbeitet; dazu gehören grenznahe Pufferzonen und mögliche Zeltlager. Zugleich gibt es bislang keine Hinweise auf eine plötzliche Massenbewegung an den offiziellen Übergängen, auch wenn der Grenzverkehr zugenommen hat und internationale Organisationen bereits vor Millionen Binnenvertriebenen innerhalb Irans warnen.

Politisch und gesellschaftlich wäre eine neue größere Fluchtbewegung eine erhebliche Herausforderung. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre mit syrischen Geflüchteten haben das Thema in der Türkei stark politisiert. Deshalb dürfte Ankara im Ernstfall vor allem auf Kontrolle, Begrenzung und grenznahe Lösungen setzen, statt auf eine offene Aufnahmepolitik.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Autor*in
Kai Doering
Kai Doering

ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts und auf Bluesky unter @kaid.bsky.social zu finden.

Weitere interessante Rubriken entdecken

Noch keine Kommentare
Schreibe einen Kommentar

Klartext

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Website- und E-Mail-Adressen werden automatisch in Links umgewandelt.