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Friedenforscher*innen: Ukraine weiter militärisch stärken gegen Russland

So lange Russland glaubt, den Krieg gegen die Ukraine gewinnen zu können, wird es keinen Frieden geben. Dieses Fazit ziehen die Expert*innen bei der Vorstellung des Friedensgutachtens 2024. Für die Ukraine haben sie eine schmerzhafte Prognose.

von Lars Haferkamp · 10. Juni 2024
Deutsche Unterstützung für die Ukraine: Bundeskanzler Olaf Scholz (r.) unterzeichnet am 16. Februar 2024 in Berlin mit Präsident Wolodymyr Selenskyj das deutsch-ukrainische Sicherheitsabkommen.

Deutsche Unterstützung für die Ukraine: Bundeskanzler Olaf Scholz (r.) unterzeichnet am 16. Februar 2024 in Berlin mit Präsident Wolodymyr Selenskyj das deutsch-ukrainische Sicherheitsabkommen.

Eigentlich setzen sich Friedensforscher*innen für Abrüstung, Diplomatie und Kooperation ein. Umso überraschender dürften die Empfehlungen gewesen sein, die die führenden deutschen Friedensforschungsinstitute am Montag in Berlin der Bundesregierung im Russland-Ukraine-Krieg gegeben haben.

So plädieren die Expert*innen bei der Vorstellung ihres Friedensgutachtens 2024 dafür, nicht nur den Druck auf Russland in Form von Sanktionen aufrechtzuhalten. Sie fordern ausdrücklich, die Ukraine „weiter militärisch zu unterstützen“ – so wie es die Bundesregierung bisher praktiziert. Die Forscher*innen sind überzeugt: Um mittelfristig Friedensverhandlungen mit Russland aufnehmen zu können, brauche die Ukraine sogar „verlässliche Sicherheitsgarantien des Westens“.

Militärische und politische Unterstützung der Ukraine

Für Professorin Ursula Schröder vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH) ist das Ziel der deutschen Politik klar: „Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine muss so schnell wie möglich beendet werden.“ Es liege aber „noch ein weiter Weg“ vor den Beteiligten. „Deshalb muss die internationale Unterstützung der Ukraine – und damit meinen wir nicht nur die militärische, sondern auch die politische und wirtschaftliche – langfristig und nachhaltig gestaltet werden.“ Das grundliegende Ziel dieser Unterstützung bleibe „eine souveräne, demokratische und prosperierende Ukraine, die sich gegen mögliche weitere Angriffe erfolgreich zur Wehr setzen kann“. 

Nötig, so Ursula Schröder, sei nun „dringend ein tragfähiger Rahmen für einen politischen Prozess zur Beendigung des Krieges“. Die Friedensforscherin stellt klar: „Diplomatie und militärische Unterstützung sind dabei keine Gegensätze.“ Es müsse nun „die weiterhin notwendige militärische Unterstützung der Ukraine in den Dienst eines politischen Prozesses gestellt werden“. Dieser Prozess müsse die Beendigung des Krieges auf diplomatischem Wege vorantreiben. 

Schweizer Konferenz: Chance nicht vertun

Schröder sieht die in dieser Woche von der Schweiz ausgerichtete Konferenz zum Frieden für die Ukraine „als eine Chance, die nicht vertan werden sollte“. Ein Ergebnis dieser Konferenz sollte es sein, Verhandlungen in der Zukunft „überhaupt denkbar zu machen“. Aktuell zeigten beide Konfliktparteien – „vor allem Russland“ – kaum die nötige Bereitschaft zu ernsthaften Verhandlungen. 

Die Friedensforscherin erhofft sich von der Schweizer Konferenz auch globale Unterstützung für einen künftigen Verhandlungsprozess. Form und Inhalt solcher Verhandlungen müssten jetzt vorbereitet werden. So brauche es dafür etwa einen konkreten Fahrplan. „Die Bundesregierung sollte hierbei ihre guten diplomatischen Beziehungen nutzen, um die Rolle und den Beitrag von für beide Seiten annehmbaren Drittparteien in einem künftigen Verhandlungsprozess zu stärken“, empfiehlt Schröder. 

Kiew braucht Sicherheitsgarantie Deutschlands

Um die Erfolgschancen solcher Verhandlungen zu erhöhen, „muss die militärische Unterstützung der Ukraine langfristig und nachhaltig gesichert werden“, betont die Friedensexpertin noch einmal. Die deutschen Forscher*innen „halten es für notwendig, den Druck auf Russland aufrecht zu erhalten.“ Ursula Schröders Begründung: „So lange die russische Führung davon ausgeht, dass sie militärisch gewinnen kann, wird sie sich nicht auf echte Verhandlungen einlassen.“ Um den Kreml hier eines Besseren zu belehren, bedürfe es einer „Nachhärtung“ des deutschen Sicherheitsabkommens mit der Ukraine. Denn „derzeit handelt es sich aus unserer Sicht eher um eine Bemühenszusage als um eine Sicherheitsgarantie“, da die Vereinbarung unter einem Haushaltsvorbehalt Deutschlands stehe.

Die ab Dienstag in Berlin stattfindende Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine kann nach Ursula Schröder „einen wichtigen Beitrag leisten, um den schwierigen Wiederaufbau der zerstörten zivilen Infrastruktur in der Ukraine langfristig und umfassend zu sichern“. Deutschland komme dabei eine zentrale Rolle zu. 

Krieg könnte zehn Jahre dauern

Auf die Frage eines Journalisten, wie lange der Krieg Russlands gegen die Ukraine unter den gegebenen Umständen noch dauern werde, antwortet Schröder offen: „Wir haben auch keine Kristallkugel.“ Die Zahlen der Friedensforschung zeigten jedoch, „wenn hocheskalierte zwischenstaatliche Konflikte länger als ein Jahr andauern, haben sie die Tendenz dazu, deutlich länger anzuhalten“. Sie spricht hier von „zehn Jahren im Mittel“. 

Auch Friedensverhandlungen könnten bei Konflikten dieser Art „sehr, sehr lange dauern“. Rückschläge seien zu erwarten. Das Ganze könne sich über Jahre hinziehen. Deshalb sei „ein langer Atem“ nötig, um zum Frieden zu gelangen. 

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Gespeichert von Peter Plutarch (nicht überprüft) am Di., 11.06.2024 - 13:31

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Merkt man in der SPD eigentlich, wie sehr man sich mit solchen Doppelbotschaften ins Abseits schießt? Friedensforscher, die sich für Abrüstung einsetzen, außer gerade jetzt für die Ukraine?

Den Krieg Russlands gegen die Ukraine hätte Deutschland und die SPD als langjährige Regierungspartei verhindern können, wenn sie sich lautstark und nachdrücklich für die Minsk-Verträge eingesetzt hätten. Wenn sie sich getraut hätten, den US-Plänen für einen Regimechange zu widersprechen. Wenn man offensiv klargestellt hätte, dass ein Nato-Beitritt der Ukraine niemals auf deutsche Zustimmung hoffen kann.

Das alles hat man unterlassen. Jede rote Linie der russischen Staatsführung hat man bedenkenlos in den Wind geschlagen und übertreten, man tut es noch heute. Wer das alles für Erpressung Moskaus erklärt, hat weder von Friedens- noch von Realpolitik eine Ahnung.

Gespeichert von Jonas Jordan am Di., 11.06.2024 - 15:48

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Dass die SPD jetzt auch noch für die Gutachten von Friedensforscher*innen verantwortlich sein soll, ist aber ein wenig weit hergeholt, finden Sie nicht?

In welchem Satz, wo zwischen den Zeilen, hat PETER PLUTARCH
denn behauptet, „dass die SPD jetzt auch noch für die Gutachten von Friedensforscher*innen verantwortlich sein soll“. Er empfiehlt der SPD doch lediglich, an der ganzen Situation leidend, ihre Politik nicht mit janusgesichtigen Forschungsergebnissen zu stützen.

Ehrlich gesagt gleich zu Beginn:

 

Merkt man in der SPD eigentlich, wie sehr man sich mit solchen Doppelbotschaften ins Abseits schießt? Friedensforscher, die sich für Abrüstung einsetzen, außer gerade jetzt für die Ukraine?

Gespeichert von Rudolf Isfort (nicht überprüft) am Fr., 14.06.2024 - 14:49

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Teil 4 des „Friedensgutachten 2024“ beschäftigt sich mit dem Ukraine-Krieg, wurde von Nicole Deitelhoff, aus vielen Auftritten in Talkshows bekannt, koordiniert, stützt die Ukrainepolitik der SPD, wie im Vorwärts gezeigt, vollumfänglich, geht davon aus, dass die grundsätzlichen Empfehlungen des Friedensgutachtens nicht, mindestens aber noch nicht für den Ukrainekonflikt gelten und eröffnet dabei tiefe Einblicke in Methoden und „zentrale Fragen der empirischen Friedens- und Konfliktforschung“ (117). Der Vorwärts-Artikel bezieht sich wohl mehr auf die mündlichen Aussagen bei der Vorstellung des Gutachtens, sodass die wichtigen Folgerungen des Gutachtens im Artikel eher als Behauptungen angeboten werden. Ich darf deshalb vielleicht stärker auf ausgewählte (und vom Vorwärts-Artikel angesprochene) Themen das Friedensgutachten eingehen.

„Die weltpolitische Ausgangslage“ macht das Friedensgutachten fest am akuten „Höchststand ... weltweiter Todesopfer durch Kriege und Konflikte“, während „zugleich der Kampf gegen Klimawandel, Armut und Hunger stockt“ und „in Europa und den USA autoritäre und extremistische Bewegungen Demokratien unter Druck setzen“; es will in einer „Welt ohne Kompass“ „Konfliktlösung neu denken“ (- leider nur für den Gaza-Krieg -), „Aufrüstung einhegen / Rüstungsdynamiken“ unterbinden (- ausgenommen die für den Ukrainekrieg -), schließlich „Frieden verhandeln / institutionelle Friedenssicherung“ vorschlagen. Grundsätzlich, und darum vorangestellt, empfiehlt das Friedensgutachten 2024 der Politik „neue, pragmatische Orientierungspunkte, ... konfrontative Sicherheitspolitiken durch gemeinsames Risikomanagement und Rüstungskontrolle einzuhegen (- ausgenommen die für den Ukrainekrieg -) ... und Strategien der Konfliktbearbeitung über die Sondierung von Waffenruhen, Waffenstillständen und Verhandlungen auch in solchen Situationen zu verfolgen, in denen kurzfristige Erfolge wenig wahrscheinlich sind“ (5). Ein Riesen-Programm, 156 Seiten lang.

Das Friedensgutachten 2024 (S. 1-156) (, wie der Vorwärts-Artikel, ) verschwendet keinen Gedanken an die Vorgeschichte des Krieges und seines ursächlichen Konfliktsystems - es übernimmt aber nicht ausdrücklich „imperiale Besessenheit“ (Steinmeier) als alleinigen Kriegsauslöser, obwohl sie unterschwellig schon deutlich wird -, sondern macht schnörkellos die gegebenen Kriegslage durch den „russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine seinen Folgen und Eskalationsgefahren von globaler Bedeutung“ (5) zum Urknall seiner Analyse, stellt aber „umso dringlicher die Frage, wie sich der Konflikt befrieden lässt“ (117). Seine Lösungen dafür leitet das Gutachten aus den Erkenntnissen der Sicherheits- und Friedensforschung ab: „Erfolgreiche Verhandlungen sind generell ein seltenes Phänomen in Gewaltkonflikten ... und nur eine Möglichkeit unter mehreren“ (115). Von den „Möglichkeiten unter mehreren“ setzt das Friedensgutachten auf das der Kriegsfortführung, bis sich „eine ´Reife` für Friedensverhandlungen einstellt“, bis sich also „ein stabiles, für beide Seiten hinreichend schmerzhaftes militärisches Patt eingestellt hat: ... Abnutzungslogik“ (123).

Es mag sein, dass in der Vergangenheit Kriege durch Krieg bis zur Ermattung beendet worden sind. Vernünftig, zivilisiert, dem Kategorischen Imperativ verpflichtet ist diese „Abnutzungslogik“ aber nicht. Sie ist auch maximal kontraproduktiv beim „Kampf gegen Klimawandel, Armut und Hunger“. Darum dürfen sich Politik / SPD und Friedenforscher*innen nicht damit begnügen, vergangenes falsches, martialisches Verhalten zu perpetuieren. Vernünftig, zivilisiert, kantisch und für alle Beteiligten an diesem Gemetzel nachhaltig wäre es, das Konfliktsystem, das zum Krieg geführt hat, zu analysieren und Interessen ausgleichend aufzulösen. Wenn das nicht geschieht, wird sich „die russische Führung ... nicht auf echte Verhandlungen einlassen“, so wenig wie die Ukraine, geht das Morden, Zerstückeln, Verbluten, Ersticken, Vergewaltigen, Verkrüppeln, Verschleppen und das tägliche Entsetzen weiter.

Warum spielt die Genese des Ukrainekrieges im Friedensgutachten keine Rolle? Aus historischer Sicht ist diese Sparsamkeit völlig unwissenschaftlich, auch für die empirischen Friedens- und Konfliktforschung dürfte das eine zentrale Frage sein, und selbst unsere Alltagserfahrungen wissen es besser. Eine der „Expert*innen ... des Friedensgutachtens 2024“, „Prof. Dr. Nicole Deitelhoff (Koordination)“, für Teil 4 (Ukraine) zuständig, schreibt in einem Aufsatz für die „Blätter ...“ (6(2022)67):“ „Die kooperative Sicherheitsordnung hat nicht gehalten. ... Ein Grund dafür waren auch die sukzessiven Erweiterungen von Nato und EU“. Hinzu kamen „Spannungen und Krisen“. Aber das spielte keine Rolle, denn „letztlich hat Putins Invasion der Ukraine die kooperativer Sicherheitsordnung in Europa zerstört. ... Der russische Präsident war entschlossen diesen Krieg zu führen, weil er dachte, damit durchzukommen. ... Alle politischen Ordnungen kennen solche Aggessoren oder ´rouges´. ... ´Rouges´ in Schach zu halten“, ist also die Aufgabe. Herwig Münkler, wie Deitelhoff aus den Talkshows der Öffentlichkeit bekannt, wusste „bereits am 31. Dezember 1991, dass Russland ein revisionistischer Akteur werden würde“, den zu „pazifizieren ... entweder auf Abschreckung oder gar, wie gegenwärtig, auf einen heißen Krieg“ beruht (Blätter ... 1(2023)68). Auch fünf SPD-interne Kritiker um H. A. Winkler, „als Genossen*innen und als Wissenschaftler*innen“, gehen von einem „neo-imperialen Russland aus“, dem gegenüber eine „Bahrsche Außenpolitik ...irrige Basis auch für künftige Außenpolitik“ ist, sondern dem (als Putin) „Grenzen gesetzt werden“ müssen (20.3.24). An anderer Stelle sagt H. A. Winkler dazu – und wir sollten genau hinhören: „Als der Westen in den 1990er Jahren vielleicht noch die Macht gehabt hätte, die Mitgliedschaft der Ukraine in der NATO gegen den Widerstand Russlands durchzusetzen, war die Ukraine noch längst nicht beitrittsbereit. Als sie sich seit 2019 der Beitrittsreife zu nähern begann, war der Westen schon längst nicht mehr in der Lage, ihre Aufnahme in das westliche Bündnis gegen den Widerstand Russlands durchzusetzen“ (Heinrich August Winkler: Die Legende von der versäumten Chance 27. Juni 2022).

Wenn „imperiale Besessenheit“ (Steinmeier) der (exklusive) Grund für den Krieg ist, muss seine Vorgeschichte nicht interessieren, spielt die Nato-Osterweiterung keine Rolle, genau so wenig wie russische Sicherheitsinteressen, gibt es keine Lösung durch einvernehmliche Auflösung seines Konfliktfeldes. Konsequenz dieser analytischen Engführung: Es bleibt nur die kriegerische Lösung, die alle unsere Wortgewaltigen und auch das Friedensgutachten als unvermeidbar ansehen. Dann hilft nicht einmal Beten. Zum Glück ist es nicht so: Wir müssen lediglich die Kraft aufbringen, das Konfliktsystem, das zum Krieg führte, selbstkritisch zu analysieren und Interessen wahrend mit Russland einvernehmlich auflösen.

Wir sollten von unserer Regierung, und die von der Nato, diese Selbstüberwindung verlangen.

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