International

Europa vereint vorm Fernseher: So politisch ist der ESC

15. Mai 2026 00:00:00
Vordergründung geht es beim Eurovision Song Contest um Musik und Show. Doch bereits bei der Gründung des ESC stand (auch) die Politik im Mittelpunkt. Das hat sich in den vergangenen 70 Jahren nicht geändert.
Sängerin Jerry Heil vor einer Lichtinstallation, die an einen Raketenhagel erinnert

Die ukrainische Sängerin Jerry Heil beim ESC 2024: Die Lichteffekte erinnerten an einen Raketenhagel, der vom Himmel fällt.

„In Vielfalt geeint“ lautet das offizielle Motto der Europäischen Union. Es soll ausdrücken, dass die Mitgliedsstaaten trotz unterschiedlicher Sprachen, Kulturen und Traditionen friedlich zusammenleben. Der Eurovision Song Contest ist zwar keine Veranstaltung der EU, trotzdem füllt er deren Motto wie kein anderes Event mit Leben.

Der ESC – gegründet, um die europäische Idee voranzubringen

„Millionen Menschen erleben denselben Moment gleichzeitig, diskutieren, feiern und fiebern gemeinsam mit. Diese europäische soziale Nähe wird politisch oft unterschätzt“, betonen Lina Abraham und Laura Wessbecher, Initiatorinnen der überparteiliche Initiative „We are Europe“, die sich für ein starkes und demokratisches Europa einsetzt.

Sie selbst haben als Neunjährige den Sieg vom Lena Meyer-Landrut beim ESC 2010 verfolgt, das habe sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt. „Wahrscheinlich verbindet fast jede Europäerin und jeder Europäer eine ähnliche Erinnerung mit dem ESC. Genau das macht ihn so besonders.“

Die Europäische Rundfunkunion als Veranstalter betont gerne den unpolitischen Charakter des Songwettbewerbs. Doch das war er streng genommen nie. „Er wurde gegründet, um die europäische Idee voranzubringen“, sagt Marc Pendzich, Musikwissenschaftler an der Universität Hamburg. Die erste Ausgabe fand 1956 in Lugano in der Schweiz statt. Das sei damals auch ein Einflussinstrument gegen den Ostblock gewesen, „dem man zeigen wollte, wie bunt die Welt des Westens ist“, erklärt Pendzich.

Heute ist der ESC aus seiner Sicht „ein Leuchtfeuer für progressive Ideen, für Diversität, für Toleranz“. Auch das sei hochgradig politisch. Als Beispiel verweist Pendzich auf den Song Contest 2009, der in Moskau stattfand. Vor dem Finale verhaftete die Polizei auf der Straße Demonstrierende, die gefordert hatten, die Menschenrechte auch für Homosexuelle einzuhalten.

Ein Event, das Europa greifbar macht

Auch der Politikwissenschaftler Niklas Ferch ist überzeugt, dass der ESC politisch ist, auch wenn er es offiziell nie sein sollte. Einerseits sei er ein subkulturelles Phänomen und in der queeren Community sehr beliebt, die ihn nutzte, um Minderheitenrechte zu thematisieren – zum Missfallen bestimmter anderer Akteur*innen.

Zum anderen verweist auch Ferch auf die Gründungsgeschichte des „Grand Prix Eurovision de la Chanson européenne“, wie die Veranstaltung ursprünglich hieß. Der Grand Prix sei nach dem Zweiten Weltkrieg als Friedensprojekt gedacht gewesen. „Es ist ein Event, das Europa greifbar macht, und zwar auch jenseits der EU.“ Schließlich sei der Wettbewerb nicht auf EU-Mitgliedsstaaten begrenzt. 

Die Länder zeigten ihre kulturellen Schätze, mal traditioneller und mal mainstreamiger. Dadurch werde jedoch nicht zwangsläufig etwas europäisch Gemeinsames hergestellt, meint Ferch, der an der Justus-Liebig-Universität Gießen lehrt. Die Künstler*innen träten für einen Nationalstaat an, in der Regel mit entsprechenden Flaggen, regionalen Musikstilen und Instrumenten, zum Teil sogar Trachten. „Deswegen ist es eine Schau der Vielfalt. Und das kann auch ein politischer gemeinsamer Gedanke sein, dass man sagt: Europa als Völkerverständigungsprojekt ist die Summe aus verschiedenen Traditionen.“

Der ESC als Vorbild für die EU?

Ähnlich sieht es Sabrina Repp, die 2024 für die SPD ins Europaparlament gewählt wurde. Beim ESC gehe es darum, „sich anzuerkennen, ein Stück weit die eigene Kultur und Traditionen mitzubringen und die eigenen Erfahrungen zu teilen“, meint die Abgeordnete aus Mecklenburg-Vorpommern. Sie sei immer neugierig auf die Künstler*innen, die von den verschiedenen Ländern ins Rennen geschickt werden, berichtet sie. Nationalismus steht aus ihrer Sicht nicht im Vordergrund des Wettbewerbs. Es sei ja auch nicht möglich, Punkte ans eigene Land zu vergeben.

Im EU-Parlament nimmt Repp dagegen eine andere Stimmung wahr. Hier werde wieder stärker nationalstaatlich gedacht und die Europäische Union zunehmend danach bewertet, was sie dem eigenen Land nützt. Die 27-jährige Abgeordnete wünscht sich, dass die EU-Länder wieder besser zusammenarbeiten und die gemeinsame europäische Sache in den Mittelpunkt stellen, anstatt Einzelinteressen gegeneinander auszuspielen. Kann der ESC hier ein Vorbild sein?

Vereint durch Musik

Kultur könne Brücken bauen, ist Repp überzeugt. Auch dem ESC spricht sie diese Kraft zu, weil er Menschen zusammenbringe. So wie auf einer „Watch Party“ der Jusos in Magdeburg vor zwei Jahren. Sabrina Repp war dort und sah einen Auftritt, der sie besonders berührt habe: den ukrainischen Beitrag „Teresa & Maria“ von Alyona Alyona & Jerry Heil. Die Sängerin stand auf einer Empore, die Lichteffekte erinnerten an einen Raketenhagel, der vom Himmel fällt. Repp wertet den Auftritt als Versuch, auf den russischen Angriff auf die Ukraine aufmerksam zu machen.

In diesem Jahr will Repp den Song Contest im kleinen Kreis mit ihrer Familie und ein paar Freund*innen schauen. „Worauf ich mich freue, sind die Überraschungen, das Unvorhersehbare. Das ist eigentlich immer das Schönste am ESC“, sagt sie. Der Wettbewerb hat übrigens auch ein offizielles Motto, das dem Slogan der EU sehr ähnelt. Es lautet: „United by Music“ – Vereint durch Musik.

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