Kampf gegen Kinderarmut: Wie ein Jugendclub kleine Erfolge möglich macht
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Beim Kickern spüren Kinder aus sozial benachteiligten Familien Gemeinschaft. Doch viele Probleme, die sie mitbringen, bleiben.
Lautes Klackern hallt durch den Kinder- und Jugendclub „Judith Auer“ in Berlin. Ein paar Jugendliche spielen Tischfußball. Für Felix Heck, den Leiter der offenen Kinder- und Jugendeinrichtung im Bezirk Lichtenberg, geht es dabei um mehr als Spaß am Spiel. Jedes Match könne zum Erfolgserlebnis werden, sagt er. Und: „Fortschritte beim Tischfußball kann man nur machen, wenn man beständig übt. Alle Jugendlichen brauchen die Erfahrung, dass man es aus eigenem Antrieb schafft, sich zu verbessern.“
Kinderarmut in Deutschland: Jedes siebte Kind betroffen
Erfolgserlebnisse haben die Kinder und Jugendlichen, die die Anlaufstelle besuchen, bitter nötig. Beinahe jedes dritte Kind im Lichtenberger Ortsteil Fennpfuhl sei von Armut betroffen, so Heck. Das ist mehr als im Bundesdurchschnitt. Laut dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef) war im Jahr 2025 jedes siebte Kind in Deutschland armutsgefährdet. Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert eine zielgerichtete Gesamtstrategie vom Bund und Ländern zur Bekämpfung der Kinderarmut und eine bedarfsgerechte Kindergrundsicherung.
Kinderarmut hat viele Gesichter: Betroffene Mädchen und Jungen sind häufiger gesundheitlich belastet, etwa durch ein höheres Risiko für Übergewicht und eine schlechtere mentale Gesundheit. All das mindert ihre Chancen, sich durch Bildung einen Ausweg aus der Armutsfalle zu bahnen. Kindern, die in Armut leben bleibt vieles verwehrt, was für andere selbstverständlich ist, zum Beispiel eine unbeschwerte Freizeit mit Aktivitäten, die sie sich wünschen.
Mit diesen Erscheinungsformen hat Heck täglich zu tun: „Kinder, die in Armut aufwachsen, erleben in der Familie oft Vernachlässigung, nicht selten auch Gewalt. Sie fühlen sich sozial isoliert und sind resigniert“, beschreibt der Pädagoge. „Auch sehen sie sich nicht als Teil der Gesellschaft und erleben selten, dass sie Einfluss nehmen und wirken können.“ Bei vielen jungen Besucher*innen sei die Resilienz nicht gut ausgeprägt, sagt Heck. Das bedeutet, sie haben Probleme, schwierige und stressige Situationen zu bewältigen. „Gerade sie brauchen gute Hilfesysteme“, erklärt er.
Jugendclub gegen Kinderarmut: Hilfe bei Schule und Berufswahl
Sein pädagogisches Team ist bemüht, auf diese Vielzahl an Defiziten und Bedürfnissen einzugehen. Das Angebot für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren reicht von gesundem Essen über Sportaktivitäten bis hin zu Ausflügen, die vor allem kostengünstig sind. Zudem werde Hausaufgabenhilfe angeboten. Obendrein unterstützt das Team die jungen Leute zudem im Bewerbungs- und Berufsfindungsprozess. „Wir machen konkrete Angebote, wenn sich Jugendliche ohne Ausbildung und Perspektive sind“, berichtet Heck. „Wir vernetzen sie mit Berufsförderprogrammen, versuchen sie in Ausbildungsbetrieben unterzubringen und geben moralische Unterstützung.“
„Wichtig ist, dass man dranbleibt“, so beschreibt Felix Heck ein zentrales pädagogisches Ziel der Sozialen Arbeit in der von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) betriebenen Anlaufstelle. Man stärke das Selbstvertrauen der Kids, indem sie in viele Dinge, die sie betreffen, einbezogen werden.
„Ganz gleich, ob wir Ausflüge planen oder politische Bildungsangebote, ob wir Kicker-Turniere oder Feste organisieren – uns ist wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen mitgestalten“, so Heck. Mit ihnen gemeinsam werde beraten. Sie können Einfluss nehmen und die Zeit ändern, wann ein Angebot starten soll, aber auch Vorschläge für ein anderes machen. „Es ist entscheidend, dass sie die Erfahrung machen, dass sie mitentscheiden können und damit etwas bewirken“, betont Heck. Eine Erfahrung, die seiner Meinung nach viele Jugendlichen von Eltern, die selbst hilfebedürftig sind, nicht kennen.
Warum offene Jugendarbeit gegen Kinderarmut wichtig ist
Die Offene Kinder- und Jugendarbeit habe für die Gesellschaft einen hohen Wert, gerade, wenn es darum geht, Kinder aus der Armut zu holen, ist Heck überzeugt. Sie begleite und fördere Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg, erwachsen zu werden. Im Gegensatz zur Schule, wo Lehrer*innen eher als Gegenspieler*innen gesehen würden, hätten Mitarbeitende in offenen Jugendeinrichtungen den großen Vorteil, „dass wir als Partner wahrgenommen werden“, beschreibt Heck. Dennoch werde diese Arbeit oft unterschätzt.
Umso wichtiger sei eine sichere Finanzierung der Einrichtung. Heck wünscht sich mehr Vollzeitstellen und familienfreundliche Arbeitszeiten für die Angestellten. Nicht selten kämen Jugendliche mit Problemen kurz vor Schließung des Klubs um 21 Uhr. Auch bedauert er, dass die Einrichtung sonntags und montags geschlossen ist, denn auch da seien die Jugendlichen unterwegs. „Haben wir regelmäßig nur zwei Mitarbeiter vor Ort, können wir uns nur um eine bestimmte Anzahl Jugendlicher kümmern. Gibt es mehr Jugendliche, als wir betreuen können – und das ist die Regel – führt das zu Konflikten innerhalb der Gruppe oder mit uns.“
Felix Heck glaubt, dass „wir die Jugendlichen schon mit wenig erreichen können“. Dennoch sind dem langjährigen Mitarbeiter in der Sozialen Arbeit auch die Grenzen seines Engagements bewusst: „Wir können eine Menge abfangen, aber nicht alles leisten. Das Elternhaus ist eine Ressource, die wir nicht ersetzen können.“ Dennoch werde sein Klub wie viele Einrichtungen der offenen Jugendarbeit oft als ein zweites Zuhause wahrgenommen.
hat Politikwissenschaft und Philosophie in Berlin studiert und ist Redakteurin beim vorwärts.