Nach 150 Jahren: Warum sich der „vorwärts“ jetzt neu aufstellt
Kai Doering | vorwärts
Die vorerst letzte gedruckte Ausgabe: Bis zu seinem 150. Geburtstag im Herbst 2026 stellt sich der „vorwärts“ neu auf.
Wer Geschichte schreiben will, muss den Mut zu Veränderungen haben. Der „vorwärts“ hat sich immer wieder weiterentwickelt und damit sozialdemokratische Geschichte geschrieben. Um das Gründungsversprechen des „vorwärts“ auch in Zukunft einzulösen, ist nun der Zeitpunkt gekommen, um ein neues Kapitel aufzuschlagen, Mut zu beweisen und alles zu überdenken.
Der öffentliche Diskurs im Trommelfeuer der Tech-Milliardäre
Denn der gesellschaftliche Diskurs hat sich in den vergangenen Jahren massiv verschoben. Die digitalen Plattformen sind kein offener und freier Ort mehr für demokratischen Meinungsaustausch. Ausgerechnet einige der reichsten Menschen der Welt bestimmen die Regeln im Netz und verfolgen ungeniert ihre autoritäre und libertäre Mission. Mit undurchsichtigen Algorithmen hebeln sie den demokratischen Diskurs aus und zersetzen ganz bewusst den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.
Mit einer vergifteten Mischung aus ökonomischen und politischen Interessen verdrängen sie demokratische Meinungsbildungsprozesse, etablierte Institutionen und rechtsstaatliche Prinzipien. Im ohrenbetäubenden Trommelfeuer von Tech-Milliardären und Medien-Moguln braucht es daher stärker denn je Schutzräume für das demokratische Miteinander.
Der „vorwärts“: Weitergeschrieben wurde immer
Der „vorwärts“ hat seine Wurzeln als schlagfertiges Kampf- und Kampagnenblatt. Er erschien zu Beginn zunächst drei Mal wöchentlich, später dann öfter und in politisch bewegten Revolutionszeiten 1918 sogar bis zu drei Mal pro Tag. Das Verlagsgebäude wurde mehrmals in der Geschichte gestürmt und besetzt, die Zeitung selbst zwei Mal in ihrer Geschichte verboten – ein Mal von Bismarck und dann während des Nationalsozialismus, vor dem der „vorwärts“ so eindringlich gewarnt hatte. Weitergeschrieben wurde aber immer, zur Not im Untergrund oder im Exil.
In der wechselhaften Geschichte des „vorwärts“ gibt es wohl nur zwei Konstanten: die eigene Erneuerung – und die Themen. Ein würdevolles und bezahlbares Leben für alle, die Bedrohung durch einen erstarkenden Rechtsextremismus, Verschiebungen im internationalen Machtgefüge, der Kampf für eine politische, berufliche und gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen und die Verteidigung der Demokratie vor Feinden von innen und außen waren und sind im Fokus des „vorwärts“.
Der „vorwärts“ steht am Scheideweg
Damals wie heute ist es sein Auftrag, für die demokratische Verfassung Deutschlands einzustehen. Das passiert nicht nur über Inhalte, sondern auch darüber, ob und wie die Inhalte die Menschen erreichen. Gesendet und konsumiert wird in vielfältigeren Formaten und in immer höheren Geschwindigkeiten. Die Nachrichten, die auf uns einprasseln, sind kaum mehr zu überblicken. Je unübersichtlicher die Welt, desto größer das Bedürfnis nach Argumenten, Einordnung, demokratischer Debatte.
In dieser Frage steht der „vorwärts“ nun an einem historischen Scheideweg: eine gedruckte Zeitung und ein statisches E-Paper sind nicht mehr das richtige Format, um die Leser*innen zeitgemäß zu informieren. Frühere Nebenprodukte wie der Newsletter, Podcasts oder Posts in den sozialen Medien finden immer stärkere Resonanz. Gleichzeitig gibt es auf all die gesellschaftlichen Probleme und Herausforderungen immer mehr als eine Antwort, von globalen Fragen bis hin zu kommunalen Herausforderungen.
150 Jahre: Das Jubiläum wird zum Neuanfang für den „vorwärts“
Dieses Jahr im Herbst feiern wir das 150-jährige Bestehen des „vorwärts“. Das stolze Jubiläum wird einen Neuanfang markieren: Wir wollen die wichtigen Diskussionen unserer Tage auch in Zukunft mit sozialdemokratischen Perspektiven prägen. Deshalb werden wir in den kommenden Monaten alles dafür tun, damit der „vorwärts“ in einem neuen Gewand weiterhin seinen historischen Auftrag erfüllen kann.
Wir machen nicht einfach weiter so, sondern führen den „vorwärts“ in die Zukunft. Die aktuelle Ausgabe ist deshalb die vorerst letzte vor einer grundlegenden „Umbaupause“ in den kommenden Monaten. In dieser Zeit könnt ihr euch weiter auf vorwärts.de informieren.
Wer „vorwärts“ heißt, darf nicht stehenbleiben
Wer „vorwärts“ heißt, darf nicht stehenbleiben. Er hat den Auftrag, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Als Herausgeber ist es meine Verantwortung, dass der „vorwärts“ eine gute Zukunft hat und die sozialdemokratische Bewegung stärkt. Deshalb mache ich mich nun mit der vorwärts-Redaktion und der Partei auf den Weg.
Danke, dass ihr uns auf diesem Weg begleitet und dem „vorwärts“ weiter oder immer wieder euer Vertrauen schenkt. Wir freuen uns schon heute auf ein Wiedersehen – zusammen auf dem Weg zurück zu neuer Stärke.