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Kindern eine Stimme geben: Zu Besuch beim Bundeskinderrat

Wie können die Anliegen von Kindern und Jugendlichen ihren Weg in die Politik finden? Die Bundestagsabgeordnete Ana-Maria Trăsnea hat mit dem Bundeskinderrat ein Projekt ins Leben gerufen, in dem ein Dialog zwischen Kindern und Politik entstehen soll.

von Finn Lyko · 30. Januar 2024
Am 23. Januar fand der zweite Bundeskinderrat statt.

Am 23. Januar fand der zweite Bundeskinderrat statt.

Es ist ein verregneter Dienstagnachmittag in Berlin-Kreuzberg. So langsam wird es trubelig im zweiten Stock des Kinder- und Jugendzentrums „gelbe Villa“. Hier findet der zweite Bundeskinderrat statt, eine Veranstaltung der Bundestagsabgeordneten Ana-Maria Trăsnea. Sie selbst nennt es „eine Art Bürgersprechstunde für Kinder“. In Kooperation mit der gelben Villa will Trăsnea den Anliegen von Kindern eine Plattform bieten, denn Formate wie dieses gebe es sonst nicht.

Der Bundeskinderrat ist Trăsneas Erfindung, der erste fand im November 2023 statt. Nun, im Januar 2024, tagt der zweite Rat. Man habe stark für die Veranstaltung werben müssen, erzählt Andreas Koepcke, der sich in der gelben Villa um die Pressearbeit kümmert. Der heutige Termin sei mittlerweile aber mit rund 20 Kindern aus verschiedensten Altersgruppen und Schulen gut besetzt. Die Teilnehmer*innen, alle im Alter von etwa sieben bis vierzehn Jahren, sitzen auf Stühlen im Halbkreis um Ana-Maria Trăsnea herum. Um 16:00 Uhr eröffnet sie die Sitzung des zweiten Bundeskinderrats.

Gespräch auf Augenhöhe

Nach einer Vorstellungsrunde geht es direkt los. „Womit sollten Erwachsene aufhören?“ fragt die Abgeordnete zum Einstieg. Die Antworten der Kinder sind erstaunlich bestimmt. „Die Umwelt verschmutzen“ und „Erwachsene sollen mehr auf Kinder hören“ sind klare Favoriten und ernten viel zustimmendes Nicken aus der Runde.

Trăsnea kommt schnell mit den Kindern ins Gespräch. Sie hört ihnen zu, stellt selten Rückfragen und lässt die Kinder ihre Aussagen selbst erklären. Deren anfängliche Zurückhaltung nimmt mehr und mehr ab, sie sprechen immer offener. Vermutlich gerade weil hier nichts an typische Situationen aus Schule und Unterricht erinnert. Es ist ein Gespräch auf Augenhöhe, belehrt wird hier niemand.

Das Thema für die Sitzung wird von den Kindern demokratisch beschlossen. Für alle, die zum ersten Mal dabei sind, erklärt Trăsnea die Regeln: Jedes Kind erhält eine rote und eine grüne Karte – hierauf sollen jeweils „schlechte“ und „gute“ Dinge aufgeschrieben werden, über die sie gerne reden würden. In mehreren Abstimmungsrunden wird dann daraus ein Thema ausgesucht.

Karten und Stifte werden verteilt, und kurze Zeit später hängen die Themenkarten nach Farbe sortiert an einer Pinnwand. Die Abgeordnete liest die Ergebnisse vor und fragt, ob die Kinder über die Dinge reden wollen, die gut laufen, oder lieber über die, die schlecht laufen. Das sehr einstimmig gerufene „Schlecht!“ wird durch eine Abstimmung per Handzeichen bestätigt.

Copyright: Paul Ribbeck

Ana-Maria Trăsnea: „Demokratie beginnt im Kleinen“

Es folgen zwei weiteren Abstimmungsrunden. Das Thema, für das sie sich in Abstimmungsrunde drei letztendlich entscheiden: die AfD.

Die letzte halbe Stunde ist dann der Diskussion gewidmet. Zunächst fragt Trăsnea, was die Kinder in Bezug auf ihr gewähltes Thema wahrgenommen hätten, was ihnen Sorgen bereite. Die meisten verstehen die Ausländerfeindlichkeit der Partei nicht und äußern Angst vor einer AfD an der Macht. Viele haben Angst um Familie und Klassenkamerad*innen. „Wenn die an die Macht kommen, wird viel nicht Schönes passieren“, fasst ein Kind zusammen.

Es gibt viele Wortmeldungen – und Ana-Maria Trăsnea geht in Ruhe auf alle ein. Sie erzählt den Kindern, wie die AfD sich im Bundestag verhält, spricht mit ihnen über Grundgesetz und Menschenwürde, klärt über die Rhetorik der AfD auf und fasst die Recherchen von Correctiv zusammen. Was man denn da tun könne, will ein Kind wissen. Trăsnea erklärt, dass Demokratie im Kleinen beginne, wie etwa bei respektvollem Umgang miteinander im Klassenzimmer oder Einsatz gegen Mobbing. Die Kinder nicken. „Ihr könnt einen Unterschied machen“, appelliert sie an die Kinder.

Vom Bundeskinderrat in den Bundestag

Dieser Appell scheint sofortige Wirkung zu zeigen. In der abschließenden Feedbackrunde sind sich alle einig: Sie wollen zum nächsten Termin wiederkommen. Den Kindern hat es sichtlich gutgetan, gehört und ernstgenommen zu werden. „Man redet ja nicht so oft über solche Themen“, sagt ein Kind. Stolz holen alle am Ende ihre Zertifikate ab, es wird ein Gruppenfoto gemacht, und damit ist die Sitzung des zweiten Bundeskinderrats beendet.

Copyright: Paul Ribbeck

Die Kinder verlassen nach und nach den Raum, Stühle werden gestapelt. „Wenn alles gut geht, werde ich diese Arbeit auf jeden Fall fortsetzen“, sagt Ana-Maria Trăsnea, die von der anstehenden teilweisen Wahlwiederholung in Berlin betroffen ist. Im Idealfall wolle sie das Angebot auf weitere Jugendklubs ausweiten und mehr Termine anbieten. Es sei wichtig, dass man mit den Menschen spreche, für die man Politik mache, und nicht nur über sie – „die Leute wollen ernstgenommen werden“, sagt die Abgeordnete. Und auch für ihre Arbeit seien diese Begegnungen wichtig: Die Themen aus dem Bundeskinderrat wolle sie in ihre Arbeit im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend mitnehmen.

Genau eine Woche später wird im Bundestag über den Haushalt diskutiert, auch über den Einzelplan des Ausschusses, dem Trăsnea angehört. In ihrer Rede schildert sie ihre Eindrücke vom Bundeskinderrat, dass sich die Kinder Sorgen um die Demokratie machten, dass sie die Politik förmlich zum Handeln auffordern würden. „An Kindern und Jugendlichen spart man nicht, Demokratie gibt es nicht umsonst“, sagt Trăsnea.

Ein dritter Termin des Bundeskinderrats ist für den 26. März angesetzt. Wie es danach weiter geht, ist aktuell unklar. Was jedoch für Ana-Maria Trăsnea feststeht: „Politik muss mehr zuhören“. Und der Bundeskinderrat ist ein Format, in dem genau das passiert.

Autor*in
FL
Finn Lyko

ist Praktikantin in der vorwärts-Redaktion.

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1 Kommentar

Gespeichert von max freitag (nicht überprüft) am Mi., 31.01.2024 - 09:32

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bleiben. Wir müssen den Kindern eine Stimme geben, das ginge leicht über die Änderung des Wahlrechts. Jedem Bürger, der sich hier aufhält- Touristen ausgenommen- eine Stimme, Wahlberechtigung ab 14 Jahre, und für die unter 14-jährigen votiert der Erziehungsberechtigte