Meinung

Proteste von „Gen Z regelt“ am Reformationstag: ein deutliches Zeichen

30. Oktober 2026 17:13:16
Junge Menschen der Generation Z gehen ausgerechnet am Reformationstag auf die Straße. Ging es zu Beginn des 16. Jahrhunderts um die Befreiung von der Herrschaft einer klerikalen Klasse, stehen heute gerechte Teilhabe und bezahlbares Leben im Mittelpunkt der Proteste.
Ein junges Mädchen spiegelt sich in einer Scheibe.

Gen Z: Die Agenda der Jüngeren unterscheidet sich fundamental von dem, was derzeit auf politischer Ebene diskutiert wird.

Sie wird jeden Tag neu beschworen: die Notwendigkeit von gesellschaftspolitischen Reformen, von Erneuerung des Lebens. Doch wenn man fragt, was denn reformiert, erneuert, geändert werden soll, dann gehen die Antworten nicht nur weit auseinander; sie verlieren sich auch im Ungefähren: „So kann es nicht weitergehen … Es muss sich etwas ändern …“.

Junge Menschen klagen neue Schwerpunktsetzungen in der Politik ein

Nun zeichnet sich ab, dass an dem Tag, der laut Kalender als Reformationstag gefeiert werden soll, der 31. Oktober 2026, junge Menschen deutschlandweit auf die Straße gehen und demonstrieren wollen: für gerechte Teilhabe und bezahlbares Leben, für bessere Bildung, gegen die Wehrpflicht, gegen den Rechtsruck. Junge Menschen klagen wie in vielen anderen europäischen Ländern Änderungen, neue Schwerpunktsetzungen der und in der Politik ein.

Sie wollen nicht die Absicherung des Status quo, sondern konkrete Verbesserungen für die Generationen, deren zukünftiges Leben von den Auswirkungen gegenwärtiger Krisen bestimmt sein wird – und dies auf dem Hintergrund der dramatischen Folgen des Klimawandels, der einschneidenden Veränderungen des Lebens durch KI und der zunehmenden und näher rückenden kriegerischen Konflikte und deren verheerenden Folgen.

Bei den Jungen wird schnell der Rotstift angesetzt

Die Agenda der Jüngeren unterscheidet sich fundamental von dem, was derzeit auf politischer Ebene diskutiert wird. Da geht es um Rente, Einschnitte in die sozialen Sicherungssystemen, Hochrüstung und ein merkwürdiges „Weiter so“ in den Bereichen, in denen Umsteuerung dringend erforderlich ist: in der Klima- und Mobilitätspolitik. Gleichzeitig wird in dem Bereich am schnellsten der Rotstift angesetzt, der für die junge Generation die größte Bedeutung hat und in dem am schnellsten Erfolg zu generieren ist: die Bildung.

Damit wird deutlich, woran es uns derzeit vor allem mangelt: an einem gesellschaftlichen Konsens darüber, welche Bereiche unserer Gesellschaft der Erneuerung bedürfen, damit die gravierenden sozialen Unterschiede eingeebnet, Chancengleichheit vergrößert werden können und sich so eine neue Zusammengehörigkeit in der Gesellschaft entwickelt, ohne Homogenitätsphantasien rechtsnationalistischer Verführer anheimzufallen.

Der bizarre Auftritt des Audi-Chefs mit Donald Trump

Dass aber die Signale derer, die derzeit Führungspositionen in unserer Gesellschaft innehaben, in eine ganz andere Richtung weisen, wurde an dem skandalösen Auftritt des Vorstandsvorsitzenden von AUDI, Gernot Döllner, auf einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump in Perry/Georgia überdeutlich (Ähnliches lässt sich sagen von der Verleihung des Axel-Springer-Award an den Milliardär und Trump/Vance-Förderer Peter Thiel im September 2026).

Dort ließ sich Döllner von Trump nach dessen Rede voll von Obszönitäten, Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Demokratieverachtung auf die Bühne bitten. Dort verkündete er in der Pose devoter Unterwürfigkeit, dass AUDI für vier Milliarden Dollar ein Werk zur Herstellung von teure SUVs bauen lassen will – für Trump ein triumphales Ergebnis seiner Zollpolitik.

Der bizarre Auftritt einer sog. Führungskraft unserer Gesellschaft auf einer der Huldigungsveranstaltungen eines faschistischen Autokraten offenbart, dass etlichen Leuten in Führungspositionen jeglicher moralische Kompass abhandengekommen ist. Doch diese Leute sind gleichzeitig Menschen, die am Schreibtisch über das Schicksal von Tausenden Männern und Frauen und deren Familien entscheiden, die keine Gelegenheit verstreichen lassen, um die Regierung zu einer „wirtschaftsfreundlichen“ Politik zu drängen und die gleichzeitig verantwortlich sind für die strategischen Fehlentscheidungen der Autoindustrie im vergangenen Jahrzehnt – und dies bei ständig steigendem Salär.

Bei der Reformation ging es um die Befreiung von der Herrschaft einer klerikalen Klasse

Man weiß auch nicht, worüber man sich mehr empören soll: die Chuzpe, einen Wahlkampfauftritt Trumps zu nutzen, um eine (noch gar nicht beschlossene) Werkseröffnung anzukündigen, oder die Absicht, in diesem Werk Automobile herzustellen, die niemand braucht und deren Produktion nur möglich ist, weil sich die Trump-Administration null um Klimaschutz schert. Was ein Gernot Döllner demonstriert: Er gehört zu der Klasse einer Führungselite, für die gesellschaftliche Verantwortung inzwischen zu einem Fremdwort geworden ist, die sich losgelöst von Grundwerten ihre eigene Welt bauen.

Auch gegen diese Art von Führung gehen junge Menschen, und nicht nur sie, zu Recht auf die Straße – und das an einem Tag, an dem wir einer grundlegenden Reform des gesellschaftlichen Lebens gedenken: die Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Damals ging es um Befreiung von einer entmündigenden Herrschaft einer klerikaler Klasse, um Bildung für alle, um Verantwortung, in die jeder Mensch mit seiner Geburt von Gott gerufen wird und darum entsprechend gebildet werden muss.

Werte, die uns ein einigermaßen friedliches Zusammenleben ermöglichen

Martin Luther leitete davon das „Priestertum aller Gläubigen“ ab, was nichts anderes als die Gleichberechtigung und die Würde eines jeden Menschen beinhaltet. Diese Erneuerung begann mit einer Rückbesinnung: Re-formation, ad fontes, zurück zu den Quellen und Ursprüngen. Darum muss es bei jeder Reform zu allererst gehen: Was sind die Grundlagen, von denen aus wir neu in die Zukunft starten können? Darum sollen wir uns zurückbesinnen auf die Grundlagen unserer Demokratie, auf die Grundwerte der Verfassung und die Grundwerte des Glaubens – und daraus die notwendigen Veränderungen ableiten.

Da rücken dann die Werte in den Fokus, die uns ein einigermaßen friedliches Zusammenleben ermöglichen und die all das in Erinnerung rufen, was allzu schnell im Alltag des Lebens beiseitegeschoben wird: die Nächsten- und Feindesliebe, die Goldene Regel, die Barmherzigkeit und der ständige Wechsel von den Ersten zu den Letzten und umgekehrt, der uns vor Allmachtsstreben bewahren soll. Allein in diesen Werten liegt genug Erneuerungskraft und Orientierung, um einigermaßen aufrecht den Reformationstag zu feiern.

Der Text erschien zuerst im Blog des Autors.

Autor*in
Christian Wolff
Christian Wolff

ist evangelischer Theologe und seit 2014 als Blogger und Berater für Kirche, Politik und Kultur tätig. Seit 1970 ist er Mitglied der SPD.

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Gespeichert von Gerald Kolb (nicht überprüft) am Sa., 31.10.2026 - 11:45

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Wirklich gut geschrieben und formuliert. Im theologisch-politischen Brückenschlag vielleicht etwas zu kühn auf's "Soziale", auf "Gleichheit" abzielend; aber das ist angesichts der sonstigen Qialität dieses Kommentars nachrangig.
Noch besser wäre gewesen, wenn auch die junge Generation einmal autentisch zu ihren Protestanliegen am 31.10.2026 zu Wort gekommen wäre.

Gespeichert von R. Isfort (nicht überprüft) am So., 01.11.2026 - 18:40

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Treffender lässt sich nicht beschreiben, was „am Samstag junge Menschen auf die Straße gehen“ ließ (- darum wiederhole ich Christian Wolff einfach -):,
„Sie wollen … Verbesserungen für (ihr) zukünftiges Leben(, das) von den Auswirkungen gegenwärtiger Krisen bestimmt sein wird – … den dramatischen Folgen des Klimawandels, den einschneidenden Veränderungen des Lebens durch KI und den zunehmenden und näher rückenden kriegerischen Konflikten und deren verheerenden Folgen.“

Die aktuelle Politik hat auf die aktuelle und zukünftige Situation unserer Jugend keine adäquaten Antworten, sondern bietet ihr stattdessen eine „Agenda … (in der - mit spitzem „Rotstift“ -) es um Rente, Einschnitte in die sozialen Sicherungssystemen, Hochrüstung (geht) und ein merkwürdiges „Weiter so“ in den Bereichen, in denen Umsteuerung dringend erforderlich ist: in der Klima- und Mobilitätspolitik.“ Und wirklich sprachlos macht dann der Bundeskanzler, wenn er verkündet, „kein Euro, der in die Ukraine fließt,

Gespeichert von R. Isfort (nicht überprüft) am So., 01.11.2026 - 18:47

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fehlt bei den Sozialausgaben und den Bildungsausgaben in unserem Land.“ Größeren volkswirtschaftlichen Unsinn, kann man nicht behaupten.

Die inhaltliche Verbindung der „junge Menschen auf der Straße“ zum Reformationstag stellt Wolff her durch die geschichtliche Analyse, Luther ging es Anfang des 16. Jahrhunderts „um Befreiung von einer entmündigenden Herrschaft einer klerikalen Klasse.“ Brisant, fast schon revolutionär, wird hier seine Analyse, weil er unmittelbar zuvor die „Klasse einer Führungselite“ enttarnt hat, „für die gesellschaftliche Verantwortung inzwischen zu einem Fremdwort geworden ist“. Die „entmündigenden Herrschaft einer Klasse“ verfolgt er dann auch nicht weiter, sondern folgert aus seinem Abstecher in die Luther-Zeit unsere Rückbesinnung „auf die Grundlagen unserer Demokratie, auf die Grundwerte der Verfassung und die Grundwerte des Glaubens“. Da sollten ihm alle folgen können, selbst die, die „die Grundwerte des Glaubens“ nicht zu ihrer Handlungsmaxime

Gespeichert von R. Isfort (nicht überprüft) am So., 01.11.2026 - 18:50

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gemacht haben. Ein bisschen viel verlangt er allerdings, wenn er – unterstellt, er meint auch Russland damit - für „ein einigermaßen friedliches Zusammenleben ... Nächsten- und Feindesliebe“ einfordert. Ich hätte nichts dagegen, wäre aber schon sehr, sehr zufrieden, wenn wir wenigstens eine Friedensordnung mit unserem großen Nachbarn hinbekämen, die die wechselseitigen Sicherheitsinteressen berücksichtigten, sie durch vertrauensbildende Maßnahmen absicherten und durch wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen festigten.

Sie wäre das Wichtigste, dass wir unserer Jugend hinterlassen könnten.

Im Augenblick machen wir genau das Gegenteil - grenzenlose Aufrüstung, Abschreckung, Kriegstüchtigkeit. Der Nato-Generalsekretär hat kürzlich vor einem Krieg gegen Russland damit gewarnt, dass der "von einem Ausmaß sei, wie es unsere Großeltern und Urgroßeltern erlebt haben" (11.12.25). Der Mann weiß nicht wovon er redet: Nach dem nächsten Krieg mit Russland werden die Lebenden die Toten beneiden.

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