Meinung

Junge Wähler: Aus Protest darf keine politische Heimat werden

21. August 2026 15:00:12
Immer mehr junge Menschen wenden sich Parteien an den politischen Rändern zu. Das kommt auch daher, dass sie sich von der Politik nicht ausreichend gesehen fühlen. Was daraus folgt, liegt eigentlich auf der Hand.
Ein Karnevalswagen mit einer Figur von Alice Weidel, die versucht, Erstwähler anzulocken.

AfD auf Stimmenfang: Bei der Bundestagswahl 2025 wählten 21 Prozent der jungen Menschen die rechtsextreme Partei.

Seit Jahren ist es stets dasselbe. Nach jeder Wahl rollt eine Schockwelle durch die deutsche Öffentlichkeit: Schon wieder haben sich „diese jungen Leute“ von den „großen Volksparteien“ abgekehrt. Denn mittlerweile wählen Menschen unter 25 vor allem die AfD und die Linke.

Zustimmung zu den Regierungsparteien CDU, CSU oder SPD? Bei „den jungen Menschen“ Fehlanzeige. Bei der Bundestagswahl 2025 stimmten gerade einmal zwölf Prozent von ihnen für die SPD, 13 Prozent für die Unionsparteien. 21 Prozent der jungen Menschen wählten jedoch die rechtsextreme AfD und 25 Prozent von ihnen die zwar klar demokratische, mitunter jedoch populistisch auftretende Linke.

Die politische Spaltung, die aus diesem Ergebnis spricht, ist gefährlich. Für die Existenz der „Parteien der Mitte“, vor allem aber für die Demokratie. Denn wenn die knappe Mehrheit einer ganzen Altersgruppe derartig polarisiert wählt, ist das ein Warnsignal, dass politische Kompromisse künftig immer schwieriger zu finden sein dürften.

Menschen unter 25 Jahren müssen oft zurückstecken 

Die Gründe für dieses Wahlverhalten sind (eigentlich) bekannt. Wer heute zwischen 18 und 24 Jahren alt ist, wurde zwischen 2002 und 2008 geboren. Das bedeutet: Erste Partys fielen wegen der Corona-Pandemie aus, ebenso Feierlichkeiten zum Schulabschluss oder Reisen ins Ausland. Mehrere Schuljahre waren geprägt von Abstand halten und Online-Unterricht. Das Studium begann nicht im Hörsaal, sondern im Zweifelsfall vor dem Laptop im Kinderzimmer.

Und auch nach dem Ende der Pandemie kann von einem „Back to Normal“ kaum die Rede sein. Wenn es in den Nachrichten um die „jungen Menschen“ geht, geht es vor allem um baufällige Schulen, geschlossene Jugendclubs, unbezahlbare Mieten, immer mehr Kinder und Jugendliche, die von psychischen Erkrankungen betroffen sind, eine drohende Wehrpflicht, die sich immer weiter zuspitzende Klimakrise, Rekord-Arbeitslosigkeit, und, und, und. Na, haben Sie auch schon schlechte Laune?

Die Politik muss der jungen Generation ein Angebot machen

Mit ein bisschen Empathie lässt sich der Frust einer Generation, die bisher vor allem zurückstecken musste, also durchaus nachvollziehen. Ist das eine Entschuldigung dafür, Rechtsextreme zu wählen? Natürlich nicht. Aber wissenschaftlich wurde immer wieder belegt, dass andauernde Krisen der ideale Nährboden für Populist*innen sind. Auch, weil sie mit einfachen Antworten locken, während andere in einen Defensivmodus verfallen.

Umso wichtiger wäre es, dass die von den Jungen verschmähten Parteien ihren Wähler*innen ein Gegenangebot machen. Dabei könnte ein erster Schritt sein, ein Narrativ zu entwickeln, das für Menschen unter 25 Jahren tatsächliche Anreize schafft. Wer dann noch glaubhaft dafür kämpft, eine Zukunft zu schaffen, in der sie sich mit ihren Anliegen repräsentiert fühlen, der könnte sich vermutlich schon fast sicher sein, gewählt zu werden.

Wie wäre es zum Beispiel mit mehr Therapieplätzen für psychisch Erkrankte? Mit einem verlässlichen ÖPNV, auch im ländlichen Raum? Mit mehr Investitionen in Schulen? Oder mit einem entschlossenen Vorgehen gegen die Krise am Wohnungsmarkt, das über reine Bauvorhaben hinausgeht?

Aus Protestwähler*innen dürfen keine Stammwähler*innen werden

Viel Zeit bleibt dafür jedoch nicht mehr – denn das aktuelle Wahlverhalten der jungen Menschen kam mit Ansage. Investitionen, die für sie wichtig wären, werden seit Langem verschleppt, ihre Anliegen wurden und werden zu selten politisch glaubwürdig adressiert.

Und während man die starken Ergebnisse für den Populismus anfangs noch als „Denkzettel“ von „Protestwähler*innen“ abtun konnte, sind sie eben auch Ausdruck einer enttäuschten und stark polarisierten Generation. Die Zeit bis zur nächsten Bundestagswahl könnte das letzte Zeitfenster sein, um dafür zu sorgen, dass diese Polarisierung wieder zurückgeht und zu verhindern, dass aus Protestwähler*innen bald Stammwähler*innen werden.

Denn auch wenn sie aktuell rein prozentual weniger wichtig sind als ältere Menschen: Junge Wähler*innen dauerhaft entweder an ein rechtsextremes oder ein populistisches Lager zu verlieren, wäre fatal für unsere Demokratie, die nun einmal von Kompromissfähigkeit lebt. Was getan werden muss, liegt auf der Hand. Nun muss es in die Tat umgesetzt werden – und zwar schnell. 

Autor*in
FL
Finn Lyko

ist Redakteurin des „vorwärts“.

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