Kultur

Zwischen den Zeilen

von Dagmar Günther · 22. Juli 2009
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Im Streit mit seiner geschiedenen Frau Anna Ditzen feuert der betrunkene Dichter Hans Fallada einen Schuss aus seinem Terzerol ab. Anna entwendet ihm die Waffe und wirft sie in den See. Darin hätte die Angelegenheit ihr Bewenden finden können. Doch ein ehrgeiziger Staatsanwalt bringt die Sache vor Gericht. Am 4. September 1944 muss Hans Fallada seine Haftstrafe in der Landesanstalt Neutrelitz-Strelitz antreten. Es ist nicht sein erster Aufenthalt hinter Gittern: Der alkohol- und drogenabhängige Schriftsteller war bereits 1923 und 1926 wegen Unterschlagung zu Gefängnis verurteilt worden.

Am Ende der Kräfte

"Er ist am Ende seiner Kräfte: ein Alkoholiker, ein geistiges und seelisches Wrack, ein des Schreibens unfähiger Autor", heißt es im Klappentext. Unfähig? Nein! Es gelingt ihm schließlich nicht nur eine Entziehungskur zu machen, sondern auch von den Wärtern Papier zu bekommen. Er will schreiben und er kann es. Fallada arbeitet an verschiedenen Manuskripten: dem Roman "Der Trinker" und Kurzgeschichten wie "Der kleine Jü-Jü und der große Jü-Jü", "Ich suche den Vater" und die "Geschichte von der großen und der kleinen Mücke". Alles berühmte Stücke, und alle eben auch Tarnung.

Fallada stellt die Manuskripte auf dem Kopf und bringt zwischen den Zeilen in einer Art Geheimschrift seine Erinnerungen zu Papier. Unter Aufsicht der Wärter, der ständigen Angst vor Entdeckung, sichtlich gehetzt, schreibt er sich seinen Hass auf die Nazis und deren Demütigungen von der Seele. Er verwendet Kürzel, die die Herausgeberinnen in mühevoller Arbeit entschlüsselt und aufbereitet haben. Er dreht die Blätter, kritzelt mikroskopisch klein, so dass manches nur mit der Lupe zu entziffern ist. Im Innendeckel und auf dem Titel sind Kostproben der Original-Niederschrift zu besichtigen. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie zu Lesen wird selbst Süterlin-Experten schwer fallen.

Der Funke des Zweifels

Inhaltlich ist dem Skript nicht anzumerken, unter welch quälenden Bedingungen es entstand. Es ist ein echter Fallada: seine gekonnte Mischung aus Wut und Gelassenheit, Ernst und Fröhlichkeit, Leichtsinn und Verantwortung, Böse und Gut. Im lockeren Plauderton geht Fallada den Gräueln des Alltags in der Nazizeit auf den Grund. Zugleich würdigt er den Mut derer, die sich widersetzten. Da ist z.B. der Volksschullehrer Sas, Kommunist und deshalb von den Nazis zur Zwangsarbeit im KZ verurteilt. Er hatte Glück und durfte später in Berlin wenigstens Klavierunterricht geben. "Ich sehe ihn noch in meinem großen Arbeitszimmer auf der Erde sitzen", schreibt Fallada, "um sich einen Kreis von jungen Leuten aus H.J. und B.D.M. und mit ihnen das Parteiprogramm der N.S.D.A.P. durchsprechen. Wie klug er das tat, wie er in diesen jungen Köpfen, denen systematisch alles eigenen Denken abgewöhnt und die Tag für Tag mit tollen Schlagwörtern angefüllt wurden, wie er in ihnen den Blitz eigenen Nachdenkens entflammen ließ, wie er den Funken des Zweifels schürte, wie die Freude über die vermeintlich eigenen Entdeckungen in den Augen der jungen Leute aufleuchtete, wie sie ein Licht plötzlich sahen, einen Weg - das war schon wundervoll anzusehen."

So einer wie Sas wirkte im Stillen. Und doch geriet er später in die Fänge der Nazis, weil ein Kamerad ihn verriet, einer der vermutete, Sas sei vom Widerstandsweg abgekommen.

Qualvolle Kompromisse, schreckliche Entschlüsse

So berichtet Fallada von Menschen, die einander halfen, aber auch von Spitzeln und Denunzianten, von den einfachen, kleinen Leuten und den Großkopferten in jener schlimmen Zeit in einem Land, das ihm fremd geworden war. Tiefste Verzweiflung gefährdet nicht nur seine Kreativität und Phantasie. Qualvolle Kompromisse in der inneren Emigration und schreckliche Entschlüsse, der nicht enden wollenden Kampf gegen sich selbst treiben Fallada um, zerreißen ihn beinahe. Bekannte Weggefährten treten hervor, vom Verleger Ernst Rowohlt über den Schauspieler Emil Jannings bis zum Karikaturisten E.O. Plauen, der sich in der Nazi-Gefängniszelle erschoss. Fallada weiß, dass er sie alle mit seinen Aufzeichnungen hätte gefährden können, doch er kann nicht weiter zuschauen, zulassen und schweigen. Zum Glück gelingt es ihm, seine Niederschrift ungesehen aus der Zelle zu schmuggeln.

Falladas Versuch, den Text später, zu DDR-Zeiten, umzuschreiben, um seine Opferrolle deutlicher zu machen, wäre gar nicht nötig gewesen. Das nun erstmals komplett veröffentlichte Original und die Umstände, unter denen es entstand, sprechen für sich.

Dagmar Günther


Hans Fallada: In meinem fremden Land. Gefängnistagebuch 1944, Herausgeber: Jenny Williams, Sabine Lange, Aufbau-Verlag, Berlin 2009, 333 Seiten, 24,95 Euro, ISBN 978-3-351-02800-8 Hier bestellen...

Autor*in
Dagmar Günther

war bis Juni 2022 Chefin vom Dienst des vorwärts.

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