Kultur

Was wollen wir?

28. December 2009 07:21:38
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Doch wer Schulzes Bücher kennt, weiß eines ganz gewiss: Ein Provinzler, ein Nabelbeschauer, ein Nostalgiker ist der Autor nicht. Die Werke dieses "großartigen Erzählers" (Günter Grass) liegen inzwischen in dreißig Sprachen vor. Was sie auszeichnet - neben ihrer literarischen Qualität - ist ihre Welthaltigkeit, Lebendigkeit, Originalität.

Schulzes jüngster Band "Was wollen wir?" versammelt zahlreiche kürzere Texte aus den letzten zehn Jahren, darunter Vorträge und Preisreden sowie Beiträge und Rezensionen für die Literaturseiten der großen deutschen Tageszeitungen. Ein tragender Text des Bandes ist die Leipziger Poetikvorlesung, in der Ingo Schulze seine in Sankt Petersburg gestartete "Schreiber-Biographie" nachzeichnet.

Buch als Werkstattbericht

In Sankt Petersburg, dem damaligen Arbeitsort des Anzeigenredakteurs, prallten Anfang der neunziger Jahre die Zeiten aufeinander: "Puschkin und Dostojewski waren ebenso präsent wie das Laboratorium der Moderne vom Anfang des 20. Jahrhunderts oder das Petrograd der Oktoberrevolution und des Bürgerkriegs."

Überhaupt lässt sich Schulzes Buch als Werkstattbericht lesen. Der Autor analysiert ausgiebig seine Art der Annäherung an literarische Themen und Figuren, berichtet von Erfahrungen des Scheiterns, von Schreibängsten. Er schildert die schwierige Suche nach dem "jeweils angemessenen literarischen Stil" und nennt seine Vorbilder - Stefan Zweig, Thomas Mann, Alfred Döblin.

Von diesem ließ er sich überzeugen, dass Stilfragen politische Fragen seien. Eine Einsicht, die Schulze in Aufsätzen zu Vladimir Sorokin und Peter Weiss zu belegen sucht. Zwei einfühlsame Texte sind Wolfgang Hilbig gewidmet, im Hintergrund ist Franz Fühmann als Anreger und Förderer präsent.

Ingo Schulze: "Was wollen wir?", Berlin Verlag, 2009, 22 Euro, 312 Seiten, ISBN-13: 9783827000545

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