Verfressene Untote bringen ein marodes System zu Fall: „Juan Of The Dead“ ist nicht nur eine Hommage an das Zombie-Genre, sondern auch ein grotesker Blick auf den Alltag der Kubaner.
Könnte man es den Kubanern verdenken, sich nach mehr als 50 Jahren zwischen revolutionärer Propaganda gegen innere und äußere Feinde und unübersehbarer Stagnation wie Zombies zu fühlen? Dem Regisseur Alejandro Brugués (geboren 1976) ist es so ergangen. Dennoch will er seine Splatter-Komödie „Juan Of The Dead“ nicht als Kritik am politischen System verstanden wissen, wohl aber an den sozialen Verhältnissen – und zwar unübersehbar: Den Schauplatz Havanna umgibt der Charme eines siechen Monstrums, das nur mit Mühe am Leben zu halten ist. Anstatt dem Verfall gemeinsam zu trotzen, öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich.
Gleichwohl kannte die offizielle Lesart schon immer die wahren Urheber für die Misere: Oppositionelle und Saboteure. Brugués greift dieses Schema auf: Als in Havanna plötzlich Menschen verschwinden und stark verändert ihren Nachbarn zusetzen, sind daran natürlich die „Dissidenten“ und die USA schuld – ausgerechnet zum 50. Jahrestag der Revolution, deren Parolen an den bröckelnden Mauern gemeinsam mit Blutspritzern und Leichenteilen ein pittoreskes Gebilde abgeben.
Auf den Staat ist also kein Verlass, um der Zombie-Plage Herr zu werden: Daher tut der Tagträumer Juan genau das, was er in schweren Zeiten – die gab es auf Kuba reichlich – immer getan hat: Er nimmt die Sache selbst in die Hand. Allerdings nicht aus reiner Menschenliebe, sondern auch, um damit Geschäfte zu machen.
Aufschlag für Exil-Kubaner
„Die Dissidenten sind nicht besonders klug. Das ist unser Vorteil“, so sein lakonisches Motto. Mit seinem vertrottelten Kumpel Lázaro und weiteren Unerschrockenen gründet er eine Privatarmee, um die zahlungswillige Kundschaft von ihren menschenfleischfressenden Liebsten zu befreien: 30 Pesos „pro Stück“, 50 mit Reinigung, Kinder und Alte gratis, Ausländer und Kubaner mit Verwandten in den USA zum doppelten Tarif.
Doch die Invasion der Untoten wird immer übermächtiger. Zu normalen Zeiten füllen jubelnde Millionenscharen den Platz der Revolution – bald wimmeln dort Zombies umher wie Ameisen. Juan wird klar, dass er sein Profitdenken über Bord werfen muss, will er mit seiner Mini-Miliz lebend aus der Sache herauskommen: War zuvor die Abwehr imperialistischer Invasoren eine nationale Aufgabe , gilt dies jetzt erst recht für die Zombiejagd.
Gleichwohl werden sein Idealismus und Überlebensinstinkt ironisch gebrochen. Am Ende bleibt wohl nur jener Ausweg, den seit 1959 rund eine Million Kubaner gewählt haben: die Flucht übers Meer. Doch kann das eines Überlebenskünstlers, der schon den solidarischen Kampfeinsatz in Angola überstanden hat, würdig sein?
Karibischer Horror
Mag sein, dass sich „Juan Of The Dead“ oberflächlich an Genre-Konventionen von Splatter-Klassikern wie „Dawn Of The Dead“ abarbeitet und eifrig bei massentauglichen Horrorkomödien der Marke „Ghostbusters“ klaut. Dass also Juan und seine Jagdgesellen – bei allem karibisch-spätsozialistischem Freaktum – eher wiederauferstanden als frisch daherkommen.
Dennoch ist das, was Brugués satirische Hommage zeigt, bemerkenswert. Etwa eines der nationalen Tabus: Die Flucht mit abenteuerlichen Nussschalen ins nahe Florida. Noch immer stellt der Castro-Staat die Ausreise „ohne Erlaubnis“ unter Strafe. Oder das totale Versagen einer erstarrten Bürokratie und die Fadenscheinigkeit ihrer Propaganda: Während das staatliche Nachrichtenstudio längst im Blut der Zombie-Opfer ersäuft, ergehen sich die Sicherheitskräfte in martialischen Posen und Parolen aus der Gruft der Revolutionäre – um am Ende ebenfalls angeknabbert zu werden.
Juans Gang stopft die Löcher, die ein untergehendes Regime hinterlässt – und beschwören jenen Überlebensgeist, der ihnen schon Anfang der 90er-Jahre die Haut rettete, als auf Kuba erstmals seit Jahrzehnten wieder gehungert wurde: Das, was die Kubaner nach dem Ende des Ostblocks und seiner Finanzhilfen plagte, ist noch heute als „Sonderperiode“ in aller Munde.
Zeichen des Wandels?
Somit lässt sich „Juan Of The Dead“, optimistisch betrachtet, als ein bizarres Zeichen des Aufbruchs für mehr Freiräume für Kubas Kulturproduktion sehen. Die Zensur reagierte zunächst wenig amüsiert auf das Drehbuch, Brugués fürchtete gar, verhaftetet zu werden. Beim Filmfestival von Havanna erntete der Regisseur den Publikumspreis. Polizisten standen Tumulten enttäuschter Cineasten gegenüber, die keine Karten für die Vorführung bekommen hatten.
Zudem zeigt die kubanisch-spanische Koproduktion, dass unabhängige Filmschaffende in der Insel-Diktatur im Aufwind sind – über Jahrzehnte dominierten die Produktionen des Staatlichen Filminstituts die Szenerie. Mit Produktionskosten von drei Millionen Dollar ist „Juan Of The Dead“ der teuerste privat finanzierte Film Kubas aller Zeiten, berichtet die „New York Times“.
Ein Aufbruch im Zeichen der Zombies: Auch das sagt einiges über den Zustand des Systems Castro.
Info: Juan of the Dead (Juan de los Muertos), Kuba/ Spanien 2011, Regie und Drehbuch: Alejandro Brugués, mit Alexis Díaz de Villegas, Jorge Molina u.a., 92 Minuten.
Kinostart: 12. April