Die Familie, die Schiller damals gastfreundlich aufnahm, gehörte zur serbischen Minderheit und damit zu den zahllosen Opfern der planmäßigen Ausrottungspolitik der faschistischen
Ustaŝa-Bewegung. Deren "Führer" Ante Pavelić wurde Chef des am 10. April 1941 in Zagreb unter deutscher Besatzung ausgerufenen unabhängigen Kroatien: ein Staat von Hitlers und Mussolinis
Gnaden, der sich der aktiven Unterstützung durch die katholischen Kirche sicher wusste und mit Konzentrationslagern, Massenmord und Vertreibung ein großkroatisches, ethnisch homogenes Reich
erzwingen wollte. Dem staatlichen Terror fielen bei Ende des Zweiten Weltkriegs etwa 400 000 Menschen zum Opfer, darunter 300 000 Serben und 31 000 Juden.
Nach dem Sieg von Titos Partisanen, die grausame Rache und Vergeltung an den Ustaŝa-Anhängern übten, begann am 29. November 1945 das Experiment, unter der Parole "Brüderlichkeit -
Einigkeit" ein neues, föderatives, doch von einer gemeinsamen Staatsidee getragenes Jugoslawien zu schaffen. Sichtbares Zeichen dafür waren die über 20 000 Partisanendenkmäler, die den
Ausgangspunkt für eine neue Gesellschaft symbolisieren sollten. Doch sie scheiterte - vollends nach Titos Tod - nicht nur an den ökonomischen und politischen Schwierigkeiten und der veränderten
Rolle des einst blockfreien Landes nach dem Abbau des Ost-West-Konflikts. Schwer wog nicht zuletzt die fehlende Aufarbeitung der Gräuel aus den Kriegsjahren, die zu Lebzeiten Titos nicht
diskutiert, sondern tabuisiert wurden.
Kroatischer Krieg auf deutschem Boden
Ustaŝa-Führer Ante Pavelić, der "jugoslawische Hitler", wurde zunächst von den Alliierten als Kriegsverbrecher gesucht, dann aber unter den Vorzeichen des Kalten Kriegs in das neue
Weltbild integriert und entkam schließlich mit Anhängern und Nutznießern nach Argentinien. Er starb 1959 in Madrid. Doch aus seiner weltweiten Diaspora heraus verfolgte der extremistische und
gewaltbereite kroatische Nationalismus auch weiterhin das alte Ziel der Wiedergeburt eines unabhängigen, "ethnisch reinen" Staates. Sein Instrument war weltweiter Terror. Den bekam auch die
Bundesrepublik zu spüren, wo der "kroatische Krieg auf deutschem Boden" zwischen 1962 und 1976 mit blutigen Anschlägen auf jugoslawische Regierungsvertreter und Einrichtungen geführt wurde -
und die Vergeltung des jugoslawischen Geheimdienstes provozierte.
In diesen verwickelten historischen und politischen Zusammenhängen mit seinen ideologischen und personellen Kontinuitäten, die er genau und anschaulich nachzeichnet sowie im Detail belegt,
sieht Ulrich Schiller nun einen entscheidenden und wirkungsmächtigen Beweggrund für die jugoslawische Tragödie: Die Zerfallskriege zwischen 1991 und 1995 bilden für ihn die Fortsetzung des
Zweiten Weltkriegs in Kroatien von 1941 bis 1945. Wesentliche Prinzipien und Ideen, aus denen dann Grenzveränderungen und "ethnische Säuberungen" folgten, hätten seit damals überlebt, so
Schillers These. In dem glühenden Nationalisten Franjo Tudjman, dem ersten Staatspräsidenten des selbständigen Kroatien, das sich am 25 Juni 1991 zur unabhängigen Republik erklärte, hätten sie
schließlich einen Vollstrecker gefunden.
Vorwürfe gegen die deutsche Regierung
Vorwürfe erhebt Ulrich Schiller dabei auch gegen die Politik des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl und von Außenminister Hans-Dietrich Genscher, die beide - in Unkenntnis der Hypotheken
der Geschichte und der besonderen deutschen Verantwortung und entgegen dem Rat von Balkankennern - am 21. Dezember 1991 im Alleingang Kroatien und Slowenien völkerrechtlich anerkannt, damit das
Ende Jugoslawiens besiegelt und so auch den Konflikt in Bosnien-Herzegowina verschärft hätten.
Seine aus der Vergangenheit abgeleitete, schlüssige Beweisführung trägt Schiller engagiert und mit spürbarer Leidenschaft vor. Seine jahrzehntelange persönliche Erfahrung mischt sich dabei
mit eigener Anschauung mit Blick für das sprechende Detail und nüchterner politisch-historischer Analyse. Sie schärft auch den Blick dafür, dass politische Konflikte nicht naturgegeben und
deshalb unabänderlich sind, sondern von Menschen gemacht werden. Ein auch in diesem Sinne aufklärendes Buch.
Ulrich Schiller: Deutschland und "seine" Kroaten, Vom Ustaša-Faschismus zu Tudjmans Nationalismus, Mit einem Geleitwort von Hans Koschnick, Donat Verlag 2009, 227 Seiten, 14,80 Euro, ISBN
978-3-938275-70-2