Kultur

Selbsthass hilft nicht

11. August 2006 11:16:48

Am 13.8.1966 wurde Jens Bisky, heute Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung in einen Staat hineingeboren, in dem Reisefreiheit nicht auf dem Programm stand und der Versuch den Staat zu verlassen das Leben kosten konnte. Alle wussten darum, denn es betraf alle. Die Berliner Mauer stand bereits fünf Jahre.

Den heutigen Autor Jens Bisky treibt die Frage um, warum er als Kind und Jugendlicher an den Sozialismus glaubte. Er schreibt davon, wie alle Kinder und Jugendlichen um ihn herum in Pionierorganisation und FDJ waren, ihm auch der Eintritt in die SED folgerichtig schien und wie er nur davor Angst hatte ins Mittelmaß abzustürzen.

Dem großen gesellschaftlichen Ideal war anscheinend näherzukommen, wenn man sich einsetzte, das Vorhandene durch eigenes Zutun verbesserte. Dazu gehörte es auch, sich als männlicher Bewerber für mehrere Jahre zur Armee zu verpflichten. Im Anschluss daran sollte der junge Bisky den ersehnten Studienplatz erhalten.

Als er während der Armeezeit auf Grund seiner Homosexualität denunziert und erniedrigt wurde, lastete er dies zunächst immer noch nur dem negativen Charakterbild einzelner an.

In seinem Umfeld traf er da bereits auf andere Haltungen. Ihn zogen die an, die den offenen Widerspruch suchten. Schließlich war es auch sein Ansatz nach kreativen und vor allem dem Einzelnen gerecht werdenden, eben menschlichen Lösungen zu suchen. Zu seinem Freundeskreis gehörten bald nicht mehr nur solche, die dem System spöttisch und zweifelnd entgegentraten, sondern auch Menschen, die das System gänzlich ablehnten und einen Ausreiseantrag gestellt hatten.

Bisky beschreibt, wie sein Vater, der spätere PdS-Vorsitzende Lothar Bisky, der als junger Arbeiter bewusst in die DDR gekommen war, seinen Kindern vorlebte, dass es sich lohne sich immer weiter zu qualifizieren und seinen Weg materiell bescheiden, aber geistig anspruchsvoll zu beschreiten. Diese Haltung sei ein Kraftquell für die Familie gewesen. Gefehlt habe aber auch schon nach dem Empfinden des Abiturienten eine Sphäre zwischen Staat und Privatem.

Warum glaubte der eine, wo der andere spöttelte und wieder ein anderer sich so bedrängt fühlte, dass er trotz des Wissens um Todesgefahr über die Grenze floh oder einen Ausreiseantrag stellte?

Der Autor kann diese Frage für sich selbst nicht völlig klären. Auch heute noch klingt Verstörung mit, wenn er vom IM-Status seiner Mutter erzählt und dem eines engen Partners, der ihm sehr kritisch und offen erschienen war.

Für Leser und Leserinnen ist die geschilderte individuelle Wahrheit, das saubere Recherchieren der Umstände eines Lebens, eine Möglichkeit sich dem Verstehen zu nähern.

Das Buch spricht durch die ironische und knappe Sprache auch Jugendliche an. Schließlich beginnt es gleich mit der Frage, warum das Sexualleben seines jungen Mannes gefährlich für die Verteidigung eines Landes sein soll. Da schreibt einer, der seinen Weg beim Jugendsender begonnen hat. Das merkt man.

Dorle Gelbhaar

Jens Bisky "Geboren am 13. August. Der Sozialismus und ich", rororo,

Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2006, 254 Seiten, 7,50 Euro, ISBN-10: 3-499-61947-4

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