Kultur

Kinodrama „One Life“: Anthony Hopkins als britischer Oskar Schindler

Er rettete Hunderte Kinder vor den Nazis. Dennoch plagte ihn ein schlechtes Gewissen. Der Film „One Life“ setzt dem Briten Nicholas Winton ein Denkmal. 

von Nils Michaelis · 28. März 2024
Anthony Hopkins spielt Nicholas Winton

Ein Held wider Willen: Anthony Hopkins spielt Nicholas Winton.

Auf einem Bahnsteig des Prager Hauptbahnhofs erinnert ein Denkmal an einen Akt der Menschlichkeit in Zeiten des Schreckens. Die Bronzeskulptur zeigt einen Mann mit zwei Kindern und einem Koffer. Sie würdigt einen Menschen, der kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs die Ausreise von 669 überwiegend jüdischen Kindern aus der Tschechoslowakei nach Großbritannien organisierte und ihnen damit das Leben rettete. Sein Name ist Nicholas Winton.

Manche nennen ihn den „britischen Oskar Schindler“. Ähnlich wie jener deutsche Unternehmer, der Jüdinnen und Juden vor der Deportation bewahrte, indem er sie in seinen Fabriken beschäftigte, zeugt auch Nicholas Wintons Biografie vom Engagement eines Einzelnen, der sich gegen den Terror des NS-Regimes stellt. Diesem Mann setzt der Film „One Life“ nun ein (weiteres) Denkmal. Frei nach dem Spruch aus dem Talmud: „Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ 

Vermutlich hätte Nicholas Winton (1909-2015) der Vergleich mit Oskar Schindler und jegliche Ehrung nur bedingt gefallen. Wegbegleiter*innen beschreiben ihn als einen Menschen, der stets im Hintergrund bleiben wollte. Dessen Drang, zu helfen, umso unbeirrbarer war. Der Zeit seines Lebens mit sich haderte, weil er glaubte, nicht genug getan zu haben. Und der im hohen Alter doch noch ungewollt zu einer prominenten öffentlichen Figur wurde. 

Zwischen zwei Epochen

All diese Aspekte werden in „One Life“ miteinander verwoben. Die Erzählung pendelt zwischen 1938, als Nicholas Winton eher zufällig zu seiner Mission findet, und den späten Achtzigern, als er auf sein Leben zurückblickt, sich schmerzhaften Erinnerungen stellt und plötzlich, auch im Wortsinn, im Rampenlicht steht. 

Als Nicholas Winton, ein junger Börsenmakler aus London, im Herbst 1938 nach Prag reist, trifft er auf Menschen, die in der Falle sitzen. In elenden Flüchtlingslagern leben jüdische Familien. Sie waren vor den Nazis in das Nachbarland geflohen oder von ihnen dorthin ausgewiesen worden. Nun sitzen sie den Gestrandeten erneut im Nacken. Nach dem Münchner Abkommen haben deutsche Truppen das sogenannte Sudetenland besetzt. Dass die Eroberung auch der restlichen Landesteile nur eine Frage der Zeit ist, ahnt zu diesem Zeitpunkt bereits jeder.

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Wettlauf gegen die Zeit

Von der Situation in Prag entsetzt, startet Nicholas Winton, der selbst jüdische Wurzeln hat, ein Rennen gegen die Zeit. Kein Land ist damals bereit, jüdische Geflüchtete im größeren Stil aufzunehmen. Also beschließt Winton, gemeinsam mit einer überschaubaren Hilfsorganisation, in der tschechoslowakischen Hauptstadt wenigstens möglichst viele Kinder zu retten. Und zwar, indem er sie mit dem Zug nach Großbritannien schickt. Die bürokratischen Hürden seines Heimatlandes zu überwinden, wird zu einem veritablen Kampf. Am Ende werden acht Züge ihr Ziel erreichen.

Ihre Eltern und Geschwister haben diese Kinder nie wiedergesehen. Auch diese Wunde schmerzt den Retter bis ins hohe Alter. Über die Jahre hat seine Geschichte die Runde gemacht. Im Jahr 1988 sitzt Winton als Gast in der Fernsehshow „That’s Life“ und erlebt eine Überraschung: Das Publikum um ihn herum besteht aus Menschen, die ihm ihr Überleben verdanken. Oder auch aus ihren Nachfahren. So gesehen rettete dieser kleine alte Mann insgesamt 6.000 Menschenleben.

Was diese Begegnung für den Protagonisten bedeutet, lässt sich nur erahnen. Überhaupt verzichtet der Film darauf, Wintons Innenleben näher zu betrachten. Und doch besitzt die Art und Weise, wie Hauptdarsteller Anthony Hopkins den alten Nicholas Winton verkörpert, einige Tiefe. Diese lebt weniger von großen Worten, sondern vielmehr von einer sparsamen, durch geschickt gesetzte Akzente äußerst wirkungsvollen Gestik und Mimik. Dagegen bleibt der junge Nicholas, gespielt von Johnny Flynn, relativ blass. Was sich auch von vielen anderen Figuren sagen lässt. 

Aktueller denn je

Zwar hebt Helena Bonham Carter den Durchschnitt. Als Nicholas‘ ebenso schlagfertige wie tatkräftige Mutter trägt sie entscheidend dazu bei, dass aus der Idee ihres Sohnes Realität wird. Doch hat man den Eindruck, dass Bonham Carter deutlich unter ihren Möglichkeiten spielt. Den Rahmen dafür bilden Drehbuch und Regie. Auf beiden Ebenen geht es um keine komplexen Charakterstudien, sondern darum, zu erzählen, was war und für ein Thema zu sensibilisieren, das angesichts nie dagewesener Flüchtlingsbewegungen und einer zunehmenden Abschottungspolitik allerorten aktueller denn je ist. 

Dieses Anliegen ist absolut legitim, hinterlässt aber Lücken beim rein cineastischen Erlebnis. Dass Regisseur James Haws bislang ausschließlich Fernsehfilme gedreht hat, zeigt sich auch an der recht konventionellen Erzählweise: Die sich zuspitzende Lage im Jahr 1938 wird in vergleichsweise schnellen Einstellungen erzählt. In den späteren Jahren dominiert Zeitlupenflair. Beide Erzählstränge finden nur bedingt zueinander. 

Immerhin kommt das Ganze weitgehend ohne Melodramatik aus und schafft ein stimmiges Gefühl für Grenzerfahrungen. Das gilt auch für die Szenen auf jenem Bahnhof, wo Menschen für immer getrennt wurden. Und wo heute eine Bronzeskulptur steht.

Info:

„One Life“ (GB 2023), Regie: James Haws, Drehbuch: Lucinda Coxon und Nick Drake, mit Anthony Hopkins, Helena Bonham Carter, Johnny Flynn, Lena Olin u.a., 113 Minuten, ab zwölf Jahre

Im Kino

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