Kultur

„Gelbe Briefe“-Regisseur Çatak: „Der Film ist auch eine Warnung“

14. February 2026 09:25:38
Mit „Das Lehrerzimmer“ war er für einen Oscar nominiert, nun feiert İlker Çataks neuer Film „Gelbe Briefe“ auf der „Berlinale“ Premiere. Im Interview erklärt der Regisseur, warum sein Film in der Türkei spielt, aber in Deutschland gedreht wurde, und wieso im Autoritarismus niemand auf Gnade hoffen darf.
Regisseur Ilker Catak auf der Bühne bei der Verleihung des Deutschen Filmpreis.

Regisseur İlker Çatak: „Wer versucht, am rechten Rand zu fischen, der lügt sich selbst in die Tasche.“

Ein Künstlerpaar aus Ankara führt ein erfülltes Leben – bis es plötzlich ins Visier des Staates gerät. Wie über Nacht verändert sich für Derya und Aziz alles, sie verlieren ihre Arbeit, ihre Wohnung, und müssen die Stadt verlassen. In dieser Ausnahmesituation werden die Protagonist*innen in „Gelbe Briefe“, dem neuen Film von Regisseur İlker Çatak, privat wie politisch mit grundlegenden Fragen konfrontiert.

Es sind Fragen, die vor dem Hintergrund des wachsenden globalen Autoritarismus auch in Deutschland aktueller nicht sein könnten: Wie viel ist man bereit, für die eigenen Ideale zu opfern? Und wie politisch ist das Private? Çatak selbst sieht seinen Film auch als eine Warnung, denn auch in Deutschland gebe es „Mechanismen, die darum bemüht sind, bestimmte Meinungen nicht zuzulassen“, sagt er im Interview mit dem „vorwärts“.

Im Zentrum von „Gelbe Briefe“ stehen die Eheleute Derya und Aziz, eine Schauspielerin und ein Dramaturg und Professor. Beide sind zwar gegen das autoritäre System, in dem sie leben, aber trotzdem nicht die typisch lauten und mutigen Helden im Widerstand. Warum haben Sie sich für diese Protagonist*innen entschieden?

Ich wollte mit diesen Charakteren zwei Menschen zeigen, die sich hinter ihre Kunst flüchten, statt an vorderster Front mitzukämpfen. Das ist ein Spannungsfeld, das mich schon immer interessiert hat – weil darin einerseits eine gewisse Verlogenheit steckt, ich aber auch Verständnis dafür habe, wenn Menschen nicht an vorderster Front sind, weil sie etwas zu verlieren haben wie Familie oder Karriere. Und gleichzeitig ist da natürlich die Frage, wie viel man wirklich bewirkt, wenn man mit auf die Demo geht und die Faust hebt, oder womöglich noch weiter geht.

Mir ging es auch darum, zu zeigen, wie sich Menschen aus einer Akademikergruppe, in der alle politisch auf der gleichen Seite stehen, irgendwann trotzdem entzweien. Das ist vor allem in meiner linken Blase oft ein Problem: Man steht eigentlich für dieselben Ideen, kommt aber trotzdem nicht auf einen gemeinsamen Nenner.

Wenn Kunst etwas ist, wohinter sich Menschen „flüchten“, wie Sie es sagen, warum sind es dann meistens Künstler*innen und Wissenschaftler*innen, die von autoritären Regimen zuerst angegriffen werden? Freie Kunst und freie Wissenschaft stellen doch offenbar schon eine Bedrohung für Autoritäre dar.

Und trotzdem sind die Autoritären am Lenker, obwohl es deutlich mehr linke und liberale Künstler*innen gibt, als rechte. Das spricht für einen gewissen Bedeutungsverlust, würde ich sagen. Zumal Derya und Aziz am Theater tätig sind, das nochmal weniger Schlagkraft hat.

„Als ich angefangen habe, den Film zu schreiben, habe ich mich immer wieder wie ein Tourist in der Geschichte gefühlt“

War das dann bewusst so gewählt?

Nein, das hatte eher damit zu tun, dass ich die zwei Ebenen des Theaters für meinen Film spannend fand. Zum einen geht es um Theater und Theatermacher*innen. Zum anderen spielt der Film in der Türkei, wurde aber hier gedreht – wodurch Deutschland wie eine Art Bühne funktioniert. Wir haben unter anderem im „Berliner Ensemble“ gedreht, dem Theater von Bertold Brecht. Und Brecht wiederum hat das epische Theater mitentwickelt, wo es auch darum geht, den Zuschauer*innen die großen Konflikte der Zeit durch Verfremdungseffekte näher zu bringen. Von daher hat der Theaterkontext da gut gepasst.

Für die zwei Städte Ankara und Istanbul, in denen „Gelbe Briefe“ spielt, haben Sie Berlin und Hamburg, respektive, als „Bühnen“ ausgewählt. Warum haben Sie nicht in der Türkei gedreht?

Als ich angefangen habe, den Film zu schreiben, habe ich mich immer wieder wie ein Tourist in der Geschichte gefühlt. Irgendwann habe ich zu meinem türkischen Produzenten gesagt, dass ich glaube, dieser Film müsste von eigentlich von Leuten gemacht werden, die in der Türkei leben, oder im Exil. 

Enis Köstepen, einer meiner Co-Autor*innen, hatte daraufhin die Idee, den Film ins Exil zu schicken. Also die Türkei in Deutschland zu erzählen. Denn es gibt in Deutschland viele türkische Exiler und damit auch eine türkische Realität. Gerade in Berlin gibt es eine Diaspora von sehr vielen Akademiker*innen und Künstler*innen. Für mich war es dann total spannend genauer darauf zu schauen, wo in Deutschland die Türkei eigentlich stattfindet.

Und weshalb fiel die Wahl dann auf Berlin und Hamburg?

In der Geschichte geht es um Ankara und Istanbul. Ankara ist die türkische Hauptstadt, Berlin die deutsche. Die Elbe und die Kräne Hamburgs hingegen erinnern mich stark an den Bosporus. Die Möven auch. Es gibt ein Bild, wo Aziz auf einer Hamburger Fähre sitzt. Das sieht in Istanbul genauso aus. 

Dass der Film aus seinem eigentlichen Setting losgelöst ist, schafft auch eine gewisse Allgemeingültigkeit.

Das ist auch die Absicht dahinter, zu sagen „Hey, was dort in der Türkei stattfindet, das hat hier in Deutschland schonmal stattgefunden, dass Menschen in den zivilen Tod geschickt werden.“ Da verstehe ich den Film auch als Warnung.

„Die Menschen, die uns regieren wollen, haben ein offensives Interesse daran, uns zu spalten“

Was bedeutet ein „ziviler Tod“ für die betroffenen Menschen? 

Sie werden angeklagt und dürfen daher nicht mehr arbeiten. Gleichzeitig erhalten sie oft kein Verfahren, oder müssen sehr lange darauf warten. In dieser Zeit werden ihnen faktisch ihre bürgerlichen Rechte entzogen. Es entsteht ein Limbo-Zustand, in dem es nicht mehr um Zukunft geht, sondern nur noch darum, den nächsten Tag zu schaffen. 

In „Gelbe Briefe“ trifft das nicht nur Derya und Aziz, sondern indirekt auch die Tochter des Ehepaars, Ezgi. Wie passt sie in den Konflikt des Films, zwischen politischem und privatem?

Die erste Staatsform, die wir als Menschen erleben, sind die eigenen Eltern. Im Grunde genommen erzählt der Film ja vor allem von einem Staat, der Druck auf seine Bürger*innen ausübt, so eben auch auf Derya und Aziz. Und die beiden geben dann als Elternpaar diesen Druck an ihre Tochter, Ezgi, weiter. Es entsteht also eine Kette der Gewalt, vom Staat an die Eltern an das Kind.

Inwiefern befeuert gesellschaftliche Spaltung so einen Autoritarismus?

Das ist tatsächlich ein alter Gedanke, der bereits in die Antike zurückgeht:  Divide et Impera, also „teile und herrsche“. Die Menschen, die uns regieren wollen, haben ein offensives Interesse daran, uns zu spalten. Und soziale Medien befeuern das noch weiter. Ich bin mittlerweile ein richtiger Missionar geworden und sage meinem Umfeld ständig, dass sie von Social Media runter sollen, weil ich wirklich glaube, dass das eine der Wurzeln des aktuellen Übels ist.

Dabei galt Social Media lange als demokratietreibender Faktor.

Das mag sein, aber schon vor zehn Jahren kam es zum Brexit und zur ersten Trump-Regierung – und für beides spielte Social Media eine erhebliche Rolle. Letztendlich sind die Menschen, denen die Plattformen gehören, das Problem. Sie haben kein Interesse an einer Gesellschaft, in der Zusammenhalt und Gleichberechtigung hochgehalten werden, sondern es geht ihnen um Geld. Und Geld kennt keine Moral, leider.

„Wer versucht, am rechten Rand zu fischen, der lügt sich selbst in die Tasche – sei es in der Migrationsdebatte oder bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit.“

Sie sehen Ihren Film auch als Warnung, sagen Sie. Gibt es in Deutschland denn autoritäre Tendenzen?

Ja. Vielleicht ist der Sound hier in Deutschland noch nicht so autoritär wie in anderen Ländern, aber auch hier gibt es Mechanismen, die darum bemüht sind, bestimmte Meinungen nicht zuzulassen. Man kriegt hier weniger direkt auf den Deckel, aber kann sehr schnell ausgegrenzt werden. Etwa wenn einem die Mittel für seine wissenschaftliche oder kulturelle Arbeit entzogen werden. Auch die Art und Weise, wie bestimmte Politiker*innen keine klare Kante zeigen und das sogar als Diplomatie schönreden, beunruhigt mich. Ich denke, wer versucht, am rechten Rand zu fischen, der lügt sich selbst in die Tasche – sei es in der Migrationsdebatte oder bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit.

Wie in „Gelbe Briefe“ deutlich wird, ist der Wandel zum Autoritarismus in der Türkei bereits vollzogen. Was sollen Zuschauer*innen in Deutschland von der Situation in der Türkei lernen?

Dass man im Autoritarismus nicht auf Gnade hoffen darf. Man muss vom Schlimmsten ausgehen, denn im Zweifel gibt es keine Gerechtigkeit. Also wären wir gut beraten, unsere Gewaltenteilung zu bewahren, insbesondere die Judikative. Sie darf nicht ausgehöhlt werden.

Autor*in
FL
Finn Lyko

ist Redakteurin des „vorwärts“.

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