Kultur

Der heißkalte Engel

5. April 2012 00:00:00

Einst machte der kongenial verdichtete Atem der europäischen Geschichte István Szabós Filme unverwechselbar. „Hinter der Tür“ lebt hingegen von der Solo-Leistung Helen Mirrens.

Gerade in „Mephisto“ kulminierten die für Szabó essentiellen und existenziellen Fragen zu Anpassung und Identität im Zeichen der Gewaltherrschaft. Vernichtung, Verlust und Neuanfang geben auch die Grundrichtung seines neuen Films vor. Er basiert auf dem autobiografisch gefärbten Roman von Magda Szabó (nicht verwandt mit dem Regisseur) – ein Zeugnis von Macht und Ohnmacht einer Schriftstellerin in der Diktatur.

Nach 1945 arbeitet sie im ungarischen Ministerium für Religions- und Unterrichtsfragen. Der Aufbau des Sozialismus zieht ihre Entlassung aus dem Staatsdienst und ein Publikationsverbot nach sich Fortan arbeitet Szabó als Grundschullehrerin. Gleichwohl feiert sie mit ihren Romanen große Erfolge auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Späte Genugtuung bringt im Jahr 1978 die Verleihung des höchsten Preises für Künstler im damaligen Ungarn. „Hinter der Tür“ erscheint im Jahr 1987: In der Begegnung der Erzählerin mit ihrer mysteriösen Haushälterin Emerenc leben die historischen Zäsuren und Hypotheken der jüngeren Geschichte Ungarns – und damit Europas – wieder auf.

Auch im Film verkörpert Emerenc die verschiedenen Gesichter des Leids, die zwischen Donau und Karpaten ihre Spuren hinterlassen haben. Zugleich spricht aus ihrer knorrigen Verschlagenheit ein Überlebenswille, der sich aus vorsichtiger Distanz zu den Menschen und eine tiefe Verbundenheit mit der Natur speist. Zug um Zug offenbart sich ihr dramatisches Schicksal: Als Mädchen muss sie den Untergang ihrer Familie miterleben. Während des Holocausts spendet sie Hoffnung, indem sie ein jüdisches Kind vor der Deportation bewahrt. Nach Kriegsende erhebt der Geheimdienst abstruse Vorwürfe gegen die Eigensinnige.

Zutritt unerwünscht

Diese Frau ist ein Rätsel – selten war diese ausgelutschte Umschreibung so stimmig. Im Budapest der 1960er-Jahre trifft sie auf Magda – das völlige Gegenteil jener einfachen Frau aus der Tiefebene, die nie eine Schule besucht hat, aber dafür mit Tieren sprechen kann. Nicht nur der Name erinnert an besagte Romanautorin: Nach Jahren des Berufsverbots darf sie wieder Druckfrisches veröffentlichen. Die Eliten aus Kultur und Politik sind voll des Lobes. Doch wer schmeißt nun den Haushalt?

Magda erfährt, dass niemand die Schwelle von Emerencs Gartenhäuschen überschreiten darf – zu ihrer Schutzhöhle, deren Geheimnisse der Außenwelt verborgen bleiben sollen. Gleichwohl nimmt sie Anteil am Leben der anderen, indem sie für sie putzt, wäscht und kocht – aber nicht für jeden! Magdas fast demütige Bitte, für sie und ihren Mann zu arbeiten, lässt sie zunächst unkommentiert im Raum stehen.

Es ist der Beginn einer merkwürdigen Freundschaft im ständigen Schwebezustand: Türen, die sich öffnen, sind im nächsten Moment fest verschlossen.

Der Kontrast zwischen Magdas urbaner Intellektualität, die am praktischen Leben immer wieder scheitert und dem gleichsam schroffen wie hoch sensiblen Instinktwesen Emerenc zieht Eruptionen nach sich, bisweilen auch Verletzungen. Eben noch zeigt sich Emerenc gegenüber Magda und dem von ihr so titulierten „Gebieter“ von ihrer fürsorglichen Seite und verwöhnt sie mit vollendeter Zuckerbäckerei. Genauso unvermittelt stößt sie die Literatin auf dem Weg zum Kirchgang vor den Kopf: „Es gibt zwei Arten von Menschen: Die, die fegen und die, die fegen lassen. Jesus hat gefegt!“

Als Emerenc alt und krank wird, muss sich Magda entscheiden: Will sie sie um den Preis des Verrats retten oder ihr den größten aller Freundschaftsdienste erweisen: Emerenc gehen zu lassen, ohne ihren Lebensentwurf zu entweihen.

Doppelte Reibung

Magda versus Emerenc : Deren Reibungsflächen überträgt sich auf die Wirkung der beiden Hauptdarstellerinnen Helen Mirren und Martina Gedeck. Anders gesagt: Mirrens Emerenc hat das, was Gedecks Magda nicht hat: Vielschichtigkeit, Überraschung und Tiefgang. Mag der äußere Rahmen der Handlung blass erscheinen: Emerenc hält die Neugier und Spannung am Leben.

Es berührt zutiefst, wie nonchalant und frei Mirren vor der Kamera agiert: Ihr gleichsam fragender und in sich ruhender Blick lässt das Gegenüber im Erdboden versinken oder fordert es gerade dadurch heraus. Indem die Aktrice in Kopftuch, Überrock und klobigen Schnürstiefeln Mut zur Hässlichkeit beweist, unterstreicht sie zugleich das Unzeitgemäße ihrer Figur.

Ganz anders Gedeck: Es dürfte nicht nur an der Synchronisation liegen, dass auch ihr Gesprochenes ein einziger Hauch ist. Auch wegen ihrer Omnipräsenz im zeitgeschichtlich inspirierten Mainstream-Kino wirken viele Szenen vorhersehbar: Wenn sie durch prunkvolle Foyers spaziert oder über das Künstlerdasein parliert, stellen sich Bilder aus „Das Leben der Anderen“ ein. Drehbuch und Regie scheitern daran, vor – für Szabós Verhältnisse – reduzierter Kulisse das Innerste dieser tragenden Figur mittels einer eigenständigen Ästhetik nach außen zu kehren.

Dementsprechend oberflächlich geraten die Momente, in denen eine der Protagonistinnen in die Lebenswelt der anderen eintaucht. Emerenc steht für sich allein: Somit hebt einzig die überragende Subtilität von Mirrens Spiel „Hinter der Tür“ über den Durchschnitt.

„Hinter der Tür“ (Deutschland/ Ungarn 2012), Regie und Drehbuch: István Szabó, mit Helen Mirren, Martina Gedeck, Károly Eperjes u.a., 98 Minuten.

Kinostart: 05. April

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