Die internationale Wirtschaftskrise zieht ihre Bahnen in Afrika. Dabei gehörte Botsuana bereits zu den Staaten mit mittlerem Einkommen, hatte Armut und Arbeitslosigkeit unter Kontrolle.
Gewinne aus dem Diamantengeschäft kurbelten die Wirtschaft an, eine vorbildliche Regierung ermöglichte durch Reformen Wohlstand und Sicherheit für viele. Doch die Nachfrage nach dem wichtigsten
Exportprodukt ist eingebrochen, die Produktion muss auf die Hälfte zurückgefahren werden. Zwei Minen sind bereits geschlossen worden, weitere könnten folgen.
"Wir dachten immer, Diamanten seien unvergänglich," so Sebataladi Ramoitoi von der Gewerkschaft der Botsuanischen Minenarbeiter, "die Mine bedeutete uns unser täglich Brot. Nun stehen wir
vor einer unsicheren Zukunft."
Weltbank warnt vor humanitärer Katastrophe
Konnten im vergangenen Jahr noch 33,6 Millionen Karat auf den internationalen Märkte abgesetzt werden, geht der größte Diamanten-Produzent des Landes, Debswana, nur noch von etwa 15 Millionen
Karat Absatz in diesem Jahr aus. "Sollte sich die Lage schnell wieder verbessern, sind wir bereit," so Debswana-Managerin Esther Kanaimba. Doch davon gehen derzeit die wenigsten aus.
Beim Frühjahrsgipfel der Weltbank warnte der Vorsitzende Robert Zoellick vor einer humanitären Katastrophe, die durch die weltweite Rezession ausgelöst werden könnte. "Wir wissen, dass die
Welt vor einer nie zuvor gesehenen Wirtschaftskrise seht," so Zoellick, "die ärmsten der Armen könnten am schwersten davon betroffen sein." Über 53 Millionen Menschen stünden am Abgrund der
extremen Armut. Also mit weniger als einem US-Dollar am Tag auskommen zu müssen.
Weltbank und Internationaler Währungsfonds riefen die Staatengemeinschaft daher erneut dazu auf, die auf dem internationalen Finanzgipfel in London vor wenigen Monaten zugesagte Hilfe rasch
in die Tat umzusetzen. Auf dem Gipfel der G-20-Staaten versprach die internationale Gemeinschaft, den Internationalen Währungsfonds mit 750 Milliarden Dollar auszustatten, die vor allem für die
Entwicklungsländer zur Verfügung gestellt werden sollen.
Weniger als einen Dollar am Tag
Denn angesichts der sinkenden Nachfrage nach Rohstoffen gehen die Einnahmen der Regierungen in Afrika immer weiter zurück. "So kann es bald geschehen, dass Lehrer und Krankenschwestern nicht
mehr bezahlt werden können," so Ngozi Okonjo-Iweala von der Weltbank, "immer häufiger erreichen uns Berichte, dass Menschen mit weniger als drei Mahlzeiten am Tag auskommen müssen."
In Botsuana ist die Lage noch unter Kontrolle. Noch kann Diamanten-Produzent Debswana die derzeit beschäftigungslosen Arbeiter weiter bezahlen. Die Gewinne in den letzten Jahren haben zu
einem dünnen Finanzpolster geführt. Denn das Land gehört zu den vier größten Diamantenexporteuren der Welt mit einem Umsatz von zwei Milliarden Dollar jährlich - in guten Zeiten. Doch die
Diamanten-Mine Orapa bleibt erst einmal geschlossen.
Der ehemalige Präsident des Landes, Festus Mogae, warnt: "Jedes Prozent Wirtschaftsrückgang bedeutet in Afrika, dass Millionen von Kindern nicht mehr die Schule besuchen können, die
Bedürftigsten keine Gesundheitsversorgung mehr erhalten und neue Infrastrukturprojekte auf Eis gelegt werden müssen." Wichtige Weichenstellungen für die Zukunft fallen weg.
Milleniums-Entwicklungsziele in Gefahr
Die Weltbank hat unterdessen einen Bericht vorgelegt, der von einer Milliarde zusätzlichen Hungernden ausgeht. Um die zur Jahrtausendwende stolz verkündeten Milleniums-Entwicklungsziele, die
unter anderem die Halbierung der Armut, der Kinder- und Müttersterblichkeit vorsahen, steht es schlecht. Die Anstrengungen bis 2015 Armut und Elend zu halbieren haben gut begonnen doch jetzt
trocknen die internationalen Märkte aus, die Nachfrage sinkt. Ausländische Investitionen und Entwicklungshilfe gehen zurück.
"Wir befinden uns in einer sehr ernsten Lage," so John Lipsky, Vize-Direktor beim Internationalen Währungsfonds, "dadurch dass alle Regionen der Welt sich in einer Rezession befinden ist
nicht von einer baldigen Erholung auszugehen. Der Kampf gegen Armut wird dadurch noch schwieriger und noch drängender." Gerade Afrika wird in einer derartigen Lage noch mehr Unterstützung
brauchen, die Versprechen der Industrieländer, ihre Entwicklungshilfe bis 2010 zu verdoppeln genießen jedoch keine Priorität mehr. Zu sehr sind die mit ihrer eigenen Wirtschaftskrise beschäftigt.
In Orapa haben bereits erste Supermärkte schließen müssen, die Menschen versuchen sich auf schlechte Zeiten einzustellen. Um ein drohendes Haushaltsdefizit ausgleichen zu können hat die
Regierung Botsuanas sich erst einmal an die Afrikanische Entwicklungsbank gewendet, die Kredite zu geringen Zinsen vergibt. Zudem sicherte die Volksrepublik China Entwicklungshilfe zu. Im
Gegensatz zu den Europäern und den Amerikanern bleiben die Chinesen Afrika treu.
Bislang konnte sich Botsuana durch eine vorbildliche HIV/AIDS-Bekämpfung hervortun. Die Erlöse aus dem Diamantengeschäft wurden in ein umfassendes Aufklärungsprogramm, moderne Kliniken und
eine bürgernahe Versorgung mit antiretroviralen Medikamenten gesteckt. Doch könnte es auch damit vorbei sein. "Unsere Berechnungen zeigen, dass die Versorgung AIDS-Infizierter in Zukunft
schwieriger wird," so der ehemalige Gesundheitsminister des Landes, Joy Phumaphi, der jetzt für die Weltbank arbeitet, "davon sind Mütter betroffen, ebenso wie Kinder und Arbeiter."
Die Weltbank hat die betroffenen afrikanischen, asiatischen und karibischen Staaten dazu aufgerufen, Haushaltslöcher im Gesundheitsbereich früh transparent zu machen und die Versorgung
nicht zu unterbrechen. Doch allein wird auch vorbildliche Staaten wie Botsuana die Krise nicht stemmen können.
"Unsere Hoffnung hängt nun an einem seidenen Faden," so der Gewerkschafter Sebataladi Ramoitoi, "wir hoffen, dass die Banken in den Vereinigten Staaten von Amerika wieder Kredite vergeben
werden und die amerikanischen Frauen dann wieder Diamanten kaufen werden." Dann könnte sich das Land wieder selber helfen, bis dahin jedoch sollte die internationale Gemeinschaft ihre Zusagen
erfüllen und Hilfe leisten.
Jérôme Cholet arbeitet als freier Autor mit Schwerpunkt Afrika, Lateinamerika und Naher Osten. Themen sind Wahlen, Armut und Entwicklung.
arbeitet als freier Autor mit Schwerpunkt Afrika, Lateinamerika und Naher Osten.