Inland

Nach Bas-Rücktritt: „Frauen sind der Politik Doppelstandards ausgesetzt“

16. Oktober 2026 09:42:41
Der Rücktritt von SPD-Chefin Bärbel Bas hat eine Debatte über Sexismus in der Politik ausgelöst. Expertin Stefanie Lohaus erklärt im Interview, warum Politikerinnen stärker unter Druck stehen und was sich ändern muss.
Porträt von Stefanie Lohaus vor dem Reichstagsgebäude

Stefanie Lohaus ist Co-Geschäftsführerin an der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF), die sich für Gleichstellung einsetzt.

Hat die Politik ein Problem mit Sexismus? 

Unsere gesamte Gesellschaft hat ein Problem mit Sexismus und es wäre ja eher verwunderlich, wenn der politische Bereich davon ausgenommen wäre. Also ja, auf jeden Fall. 

Wie äußert sich das konkret? 

Zum einen an der Unterrepräsentanz von Frauen in der Politik. Es gibt aktuell kein einziges paritätisch besetztes Parlament in Deutschland und das gab es auch in der Vergangenheit noch nie. Die Zahlen sind mittlerweile sogar wieder rückläufig, was damit zu tun hat, dass Parteien erstarken, die Quotenregelungen nicht konsequent durchsetzen, wie im Fall CDU/CSU, oder sogar explizit ablehnen, wie die AfD. 

Zum anderen merkt man es an den Doppelstandards, denen Frauen in der Politik ausgesetzt sind. Wir haben mit der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) eine spannende Studie zu Parteikulturen und der Teilhabe von Frauen veröffentlicht. Da haben wir ganz eindeutig herausgefunden, dass Frauen häufiger angefeindet werden, dass sie auf ihr Aussehen reduziert werden und dass sie eben auch auf Social Media häufiger und gewaltvoller angegriffen werden.

„Unsere ganzen Strukturen in der Politik sind unter dem Ausschluss von Frauen entwickelt worden.“

 Ist das auch ein strukturelles Problem? 

Ja. Unsere ganzen Strukturen in der Politik sind unter dem Ausschluss von Frauen entwickelt worden – die Spielregeln der Demokratie sind entstanden, als es noch gar kein Frauenwahlrecht gab. Auch die Art und Weise, wie Sitzungen ablaufen, wie Parlamentarier*innen miteinander arbeiten und wie Parteien funktionieren kommen aus einer anderen Zeit. All das funktioniert zum Beispiel für Menschen, die Sorgearbeit leisten, nicht besonders gut. Auch das ist Teil von strukturellem Sexismus in der Politik.

Podcastcover BBB Folge 2
Podcast

Brötchen, Basis, Bundestag - Folge 2: Umgang mit Frauen in der Politik (mit Stefanie Lohaus)

Nach dem Rücktritt von Bärbel Bas geht es diese Woche im Gespräch mit EAF-Co-Geschäftsführerin Stefanie Lohaus um den Umgang mit Frauen in der Politik. Wo gibt es für sie besondere Hürden?

Im Fall von Bärbel Bas sehen viele Menschen ein Beispiel dafür, dass für Frauen und Männer in der Politik unterschiedliche Standards gelten – und dass sie, wenn sie ein Mann wäre, derartige öffentliche Angriffe nicht hätte ertragen müssen und möglicherweise auch nicht zurückgetreten wäre.  

Ich weiß nicht, ob Frauen in der Politik wirklich häufiger zurücktreten als Männer. Aber das kann einem manchmal schon so vorkommen. Mir scheint es schon so, als ob Frauen aus wesentlich geringeren Gründen zurücktreten oder sich zumindest wegen Druck oder Anfeindungen aus der Öffentlichkeit dann schleichend zurückziehen.

„Es ist schlimm, dass Frauen sich aus den sozialen Medien zurückziehen, während die Plattformen immer wichtiger werden.“

Diesen Rückzug von Frauen kann man auch in anderen Bereichen der Öffentlichkeit beobachten. Laut einer Umfrage des Deutschen Frauenrats ist das auf Social Media ein erhebliches Problem: Zwei Drittel aller Frauen schränken ihre Nutzung wegen Anfeindungen und Belästigungen ein. Welche Rolle spielt dieser Umgang auf Social Media für Frauen in der Politik? 

Das ist ein großes Thema, das uns auch in unseren Projekten im Politikbereich immer weiter beschäftigt. Es ist schlimm, dass Frauen sich aus den sozialen Medien zurückziehen, während die Plattformen immer wichtiger werden. Und gleichzeitig ist es in der Politik besonders tragisch, weil das Sich-Zeigen und das öffentliche Sprechen zu diesem Job dazugehört. Ich kann mich nicht aufstellen lassen, kandidieren und mein Amt ausüben, wenn ich nicht öffentlich sichtbar bin. Da hat man gar keine andere Wahl. 

Was müsste gegen diese Kultur im digitalen Raum getan werden? 

Dieses Thema braucht Aufmerksamkeit. Sowohl auf der strukturellen Ebene, als auch in der Gesetzgebung. Menschen, die im digitalen von besonderer Diskriminierung betroffen sind, müssen besonders geschützt werden. Sich mit solchen Anfeindungen auszusetzen ist eine zusätzliche Belastung – einerseits psychisch, aber auch, weil es ja Ressourcen braucht, um sich damit auseinanderzusetzen und zum Beispiel Anzeige zu erstatten. 

Ich denke, dass der Fehler an dieser Stelle im System liegt, an der Art und Weise, wie sich die sozialen Medien entwickelt haben. Der Ton auf den Plattformen war nicht immer feindlich, aber er ist so geworden. Und das liegt nicht daran, dass die Menschen plötzlich feindseliger geworden sind, sondern daran, dass die Algorithmen so funktionieren. Sie belohnen Aufregung, Desinformation und zugespitzte Aussagen. Hier muss stärker reguliert werden.

„Frauen können sich gegenseitig stärken und sich Verbündete suchen – egal aus welcher Partei.“

Denkst du, dass eine solche Regulierung realistisch ist? 

Davon sind wir leider sehr weit entfernt. Am Ende müsste die Gesellschaft, müssten die Parteien es selber in die Hand nehmen, die Betroffenen zu unterstützen. Gerade Menschen, die in der Politik stehen, brauchen zuverlässige Unterstützung wenn es darum geht, Kommentare und Nachrichten zu moderieren, sich vor Anfeindungen zu schützen und gegebenenfalls Anzeige zu erstatten. 

Und wie könnte man Frauen im analogen Raum besser schützen und unterstützen? 

Ich denke, da liegt es vor allem an den Parteien. Die müssten für Aufklärung und Sensibilisierung sorgen und dazu auch Trainings oder ähnliches durchführen. Anlaufstellen einzurichten wäre auch eine Idee. Am Ende kommt es vor allem auf eine Mischung aus Prävention und couragiertem Handeln an, das könnte das Klima auf jeden Fall verbessern. 

Was würdest du Frauen raten, die überlegen, in die Politik einzusteigen? 

Ich würde auf jeden Fall raten, das auszuprobieren! Wenn so viel über Hürden und Anfeindungen gesprochen wird, geht dabei oft unter, dass das für viele eine sehr sinnstiftende und erfüllende Tätigkeit ist. Und wenn das der Fall ist, fällt oft auch der Umgang mit den Anfeindungen leichter. 

Außerdem kann es hilfreich sein, sich in Sachen Social Media beraten zu lassen: Wie kann ich meine Profile gestalten? Was teile ich, was nicht? Und wo kann ich mir Unterstützung suchen, wenn es schwierig wird? Für Kommunalpolitikerinnen, die in der Regel kein professionelles Kommunikationsteam hinter sich haben, können beispielsweise auch Familie, Freunde oder Bekannte dabei helfen, Hasskommentare zu moderieren. 

Und: Frauen können sich gegenseitig stärken und sich Verbündete suchen – egal aus welcher Partei. Sexistische Anfeindungen sind ein überparteiliches Thema, das alle Frauen in der Politik betrifft.  

Autor*in
FL
Finn Lyko

ist Redakteurin des „vorwärts“.

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Gespeichert von max freitag (nicht überprüft) am Fr., 16.10.2026 - 15:37

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gute Erziehung der Männer? Früher hat man noch gelernt, Frauen den Vortritt zu lassen, ihnen den Stuhl zu stellen und ähnliche Maßnahmen der guten Sitten zu ergreifen. Und heute?

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